Susann Wolters

„Jourvie“ – eine App gegen Essstörungen

Dieser Beitrag ist Teil des Start-up-Features von Wir Techniker im Rahmen der Health-i Initiative von der TK und dem Handelsblatt. Unter zahlreichen Bewerbern wurde das Start-up „Jourvie“ als eins von fünf jungen Unternehmen zum Innovationstag am 13. September in Berlin eingeladen und hat die Chance, eine Kooperation mit der TK zu gewinnen.

„Impact Hub Berlin“ – so nennt sich das Büro, in dem das Start-up Jourvie sitzt. Mit hohen Decken, großen Fenstern, offenem Raum und gefüllt mit kreativen Köpfen, ist der Hub direkt am Mehringplatz in Kreuzberg das typische Büromodell der Berliner Start-up-Szene. Seit Ende 2013 arbeitet die 27-jährige Gründerin von Jourvie Ekaterina Karabasheva an der Umsetzung und Weiterentwicklung der App. Die Anwendung richtet sich an Betroffene mit Esstörungen wie Magersucht, Bulimie oder der Binge-Eating-Störung. Jourvie – ein Wortspiel aus dem Wort „Journal“ (Tagebuch) und den französischen Wörtern „Jour“ (Tag) und „vie“ (Leben) – ist ein digitales Essprotokoll. Aber nicht nur das, erklärt Karabasheva: „Unsere Nutzerinnen und Nutzer können nicht nur eintragen, was sie gegessen haben, sondern auch wann und mit wem. Außerdem können sie die Umstände der Mahlzeit notieren, zum Beispiel, ob sie wirklich Hunger hatten oder eher aus Frust gegessen haben, wie satt sie nach der Mahlzeit waren, wie sie sich dabei und danach gefühlt haben.“

Emotionen und Gedanken stehen bei der App im Fokus, denn sie dient auch als Gefühlsprotokoll. „Essstörungen haben auch immer eine emotionale Komponente“, betont die Gründerin. Die App soll den Nutzern künftig ihre individuellen Verhaltensmuster aufzeigen, die die Symptome der jeweiligen Essstörung auslösen und einer Heilung im Wege stehen. Dafür bietet Jourvie verschiedene Partnerfunktionen an: Zur Motivation und Unterstützung sind positive Zitate und aufmunternde Bilder zu sehen; Tipps und Tricks aus der Verhaltenstherapie veranschaulichen, wie man mit schwierigen Situationen anders umgehen kann als mit essen, hungern, erbrechen, exzessivem Sport oder Abführmitteln. Außerdem bietet Jourvie eine Erinnerungsfunktion, damit die User nicht vergessen, ihre Mahlzeiten oder Emotionen einzutragen.

Authentisch, patientenzentriert, auf Augenhöhe

„Die Ess- und Gefühlsprotokolle werden im Archiv der App gespeichert, können exportiert und an einen Therapeuten oder Ernährungsberater geschickt werden“, sagt Karabasheva. Sie selbst hat als Jugendliche mit Magersucht gekämpft. Schon während ihrer Therapie sind ihr einige Probleme aufgefallen, die ihre Genesung erschwert oder verlangsamt haben: Viel Papierkram und die Angst, dass ihr jemand beim Protokollieren über die Schulten guckt. Außerdem fehlte ihr die Unterstützung außerhalb der Therapiesitzungen und es fiel ihr schwer, die vielen Informationen und Gedanken zu behalten, um sie mit dem Therapeuten zu besprechen. Damals hat Karabasheva Strategien für sich selbst entwickelt. Nun hat sie diese in eine App gesteckt und möchte damit Menschen in einer ähnlichen Situation helfen. Im Interview mit der Gründerin wollten wir wissen, wie sie die App in drei Worten beschreiben würde – die Antwort: „Authentisch, patientenzentriert, auf Augenhöhe“.

Jourvie mischt die E-Health-Szene auf. Das bestätigen nicht nur die zahlreichen positiven Feedbacks, die Karabasheva bereits erhalten hat („Eine Nutzerin wollte uns gerne für den Friedensnobelpreis nominieren“), sondern auch die erfolgreiche Teilnahme an der Health-i Initiative der TK und des Handelsblatts. Unter zahlreichen Bewerbern wurde Jourvie als eins von fünf Start-ups zum Innovationstag am 13. September in Berlin eingeladen und hat die Chance, eine Kooperation mit der TK zu gewinnen. Starke Partner sind wichtig für ein Start-up, weiß Karabasheva: „Nur so können wir die Patienten abholen und von Anfang an sinnvoll begleiten. Unser Ziel ist es, dass Jourvie nicht nur ein Zwischenstopp ist, sondern die Betroffenen auf dem gesamten Weg unterstützt. Wir können die Patienten mit der App bis nach Hause begleiten, damit immer für sie da sein und sie hoffentlich so unterstützen, dass sie nicht jahrelang unter einer Essstörung leiden müssen.“ Die Gründerin ist sich sicher, dass dies im Rahmen einer Kooperation mit der TK realisiert werden könnte.

„Vor allem im E-Health-Bereich war die Zusammenarbeit der TK mit den Entwicklern der App Tinnitracks für die Szene wegweisend. Sie zeigte auf, was zwischen Start-ups und Krankenkassen entstehen kann“,  so Karabasheva. Sie kennt das Präventionspotenzial der Digitalisierung für das Gesundheitswesen. Neue Technologien könnten Menschen helfen, gesund zu bleiben: „Deswegen heißt es ja ‚Digitale Gesundheit‘ und nicht ‚Digitale Krankheit‘.“ Die Gründerin ist überzeugt, dass Apps wie Jourvie und andere digitale Tools das Thema Prävention stärker in den Alltag integrieren werden. Jourvie wird zurzeit im Rahmen einer einjährigen Forschungsstudie getestet, ist aber bereits als Vollversion für Android verfügbar.

Im Video: Die beiden Gründerinnen von Jourvie stellen ihr Start-up vor.


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Redaktion
Silvia Wirth Silvia Wirth
Katharina Lemke