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    Bereits anlässlich des Weltalzheimertagese am 21. September haben wir im TK-Pressecenter auf die besondere Belastung für pflegende Angehörige von Demenzkranken hingewiesen. Dabei haben wir auch das Online-Portal pflegen-und-leben.de vorgestellt, das pflegenden Angehörigen eine kostenlose Online-Beratung anbietet und das die TK als Kooperationspartner unterstützt.

    Die diesjährige Woche der Demenz möchte auch ich zum Anlass nehmen, um mir die Arbeit der Beraterinnen von pflegen-und-leben.de etwas genauer anzuschauen. Imke Wolf ist eine dieser Beraterinnen und die Leiterin des Portals. Sie ist außerdem Diplom-Psychologin, Systemische Therapeutin und Beraterin sowie angehende Psychologische Psychotherapeutin mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie. Für so viele Titel und Berufsbezeichnungen war Imke Wolf überraschend gelassen, als ich sie am Telefon interviewt habe. Ihre Stimme ist sofort beruhigend und ich frage mich, ob ihre Besonnenheit auch durch den Äther auf der anderen Seite eines Beratungschats spürbar ist?

    Die Pflege von Angehörigen ist nie einfach und oft eine körperliche und mentale Grenzerfahrung. Bei einer Demenzerkrankung kommen besondere Belastungen auf der psychischen Ebene hinzu. Wie die Online-Beratung weiterhelfen kann, darüber habe ich mich mit Imke Wolf unterhalten.

    TK: Frau Wolf, Sie beraten über das Portal pflegende Angehörige, die sich durch die Pflege belastet fühlen. Stellt aus Ihrer Erfahrung die Pflege Demenzkranker eine besondere Herausforderung dar?

    Imke Wolf: Ja, absolut. Demenz ist ein sehr schwieriges Krankheitsbild, weil die Betroffenen anfangs oft unversehrt sind, aber dabei eben geistig abbauen. Die Psyche eines Demenzkranken verändert sich komplett – das ist qualvoll für alle Beteiligten.

    Was macht diese Pflegesituation für Angehörige besonders belastend?

    In unserer Beratung geht es oft erst einmal darum aufzuklären. Eine der größten Herausforderungen ist es, zu verstehen, was Demenz eigentlich ist: eine hirnorganische und facettenreiche Erkrankung, die die Psyche des Betroffenen verändert. Das bedeutet, dass der Demenzkranke keine Verantwortung mehr für das übernehmen kann, was er tut. Wenn Angehörigen das noch nicht klar ist, kann es passieren, dass sie dem Erkrankten für sein Denken und Handeln die Schuld geben.

    Was ist das kurzfristige Ziel Ihrer Beratung?

    Kurzfristig geht es darum, lösungsorientiert zu schauen, was bereits getan wird und welche weiteren Entlastungsmöglichkeiten es gibt. Etwa darüber zu informieren, dass es die Möglichkeit der Kurzzeitpflege zur Entlastung gibt. Oder gemeinsam mit dem Pflegenden herauszufinden, ob möglicherweise Nachbarn ab und zu bei der Betreuung unterstützen können.

    Und was möchten Sie langfristig mit Ihrer Arbeit erreichen?

    Langfristig arbeiten wir daran, dass Angehörige weniger mit ihrer Situation hadern; dass sie entweder etwas verändern können – oder eben die eigene Begrenztheit akzeptieren. Beispielsweise, dass man die hochbetagte Mutter eben nur noch auf ihrem Weg begleiten kann. Es geht darum, das Bewusstsein der Pflegenden zu stärken, dass sie genug leisten und mit sich zufrieden sein können, anstatt sich Vorwürfe zu machen. Egal ob das die tägliche Pflege ist, oder eben nur ein Einsatz alle sechs Monate. Auch bei der Entscheidung, ein Familienmitglied ins Heim zu geben, stehen wir beratend zur Seite. Dieser Schritt kann mit Schuldgefühlen verbunden sein, wenn zum Beispiel im Vorfeld versprochen wurde, dies nie zu tun.

    Was raten Sie Angehörigen, die an ihre Grenzen kommen?

    Sofort die Situation zu verlassen: rausgehen, durchatmen, sich sammeln, runterkochen – damit die Situation nicht eskaliert. Selbstkontrolle ist sehr wichtig. Wenn man selbst möglichst entspannt ist, erleichtert das auch die Pflege. Die Erkrankten nehmen die emotionale Situation wahr. Freundlich auf sie zuzugehen erhöht die Chance, sie zu erreichen.

    Wie kann das Umfeld pflegende Angehörige am besten unterstützen?

    Ganz konkret: Hilfe anbieten und nicht erst auf die Frage nach Unterstützung warten. Jeder kann helfen – die Frage ist, wer sich als ‚Umfeld‘ versteht: Nachbarn können klingeln und fragen, ob sie mal aufpassen sollen. Verwandte, die nicht die Hauptpflege stemmen, können sich eine Woche frei nehmen und unterstützen. Die meisten Menschen haben in ihrer Familie oder im Bekanntenkreis einen Pflegefall. Pflege ist eine soziale Leistung, die nicht auf dem Rücken eines Einzelnen ausgetragen werden kann. Hier sind Solidarität und Familiensinn gefragt.

    Berichten betroffene Pflegende auch von positiven Aspekten der Pflege?

    Unser Portal pflegen-und-leben.de ist ein niedrigschwelliges Angebot für diejenigen, die sich durch die Pflege belastet fühlen. Dennoch gibt es immer wieder Angehörige, die aus positiven Ansätzen und Gefühlen ihre Motivation ziehen. Etwa ein Mann, der durch die Pflege seiner Frau etwas zurückgeben will, weil sie ihm vorher jahrzehntelang den Rücken freigehalten hat. Ich würde dennoch nie sagen ‚Alzheimer hat auch etwas Gutes‘. In der Regel ist Demenz eine Qual und für die Angehörigen eine große Herausforderung.

    Und wie können Angehörige diese positiven Seiten der Pflege für sich nutzen? Was raten Sie den Betroffenen?

    Es kann helfen, sich die eigene Motivation zu verdeutlichen. Danach fragen wir auch in der Beratung.  Manchmal sind es tatsächlich harte Gründe, wie zu wenig Geld für eine Heimunterbringung. Aber im Idealfall übernehmen die Pflegenden diese Verantwortung aus Liebe oder Dankbarkeit, dem Wunsch etwas zurückzugeben. Sich das vor Augen zu führen, kann die Situation erleichtern.

    Kommen die Berater von pflegen-und-leben.de auch mal an die Grenzen ihrer Kompetenzen?

    Ja. Wir schaffen bewusst ein niedrigschwelliges Angebot, das anonym genutzt werden kann. So kommen wir in Kontakt mit Menschen, die sich zum ersten Mal Hilfe holen und oft wichtige Anlaufstellen nicht kennen. Dabei gilt: ‚Auch Ratschläge sind Schläge‘, deshalb versuchen wir gemeinsam mit den Betroffenen individuelle Lösungsansätze zu entwickeln anstatt beispielsweise vorgefertigte Module anzubieten. Manchmal stecken hinter einer Frage zur Pflege vielfältige weitere Belastungen, die Unterstützung von anderen Stellen sinnvoll machen, etwa von einer Familienberatung, dem Hausarzt, der Alzheimergesellschaft oder einem Krisendienst. In diesen Fällen informieren wir über diese Beratungsangebote.

     


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    Imke Wolf (Foto: privat).

    Imke Wolf leitet pflegen-und-leben.de, ist Diplom-Psychologin, Systemische Therapeutin und Beraterin (SG) sowie angehende Psychologische Psychotherapeutin mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie. Sie absolvierte ihr Studium der Psychologie in Dresden und Berlin; zeitgleich mit dem Studium ließ sie sich zur ehrenamtlichen Hospizbegleiterin ausbilden. Neben ihrer Arbeit für pflegen-und-leben.de ist sie zudem freiberuflich in der Externen Mitarbeiterberatung EAP tätig. Darüber hinaus arbeitet sie als Dozentin für Stressbewältigung, Work-Life-Balance und Achtsamkeit.

    Logo, Pflege, pflegen-und-leben.de

    pflegen-und-leben.de ist ein Beratungsangebot der gemeinnützigen Gesellschaft Catania in Berlin. Das Internetportal bietet kostenlose psychologische Online-Beratung für pflegende Angehörige sowie darüber hinausgehende Informationen rund um das Thema Pflege. Kooperationspartner von pflegen-und-leben.de sind neben der Pflegekasse der TK zudem die Pflegekassen der BARMER GEK, der DAK-Gesundheit und der hkk Krankenkasse. Weitere Informationen unter: http://www.pflegen-und-leben.de/


     

    Katharina Lemke

    Katharina Lemke

    Als studierte Kulturanthropologin und gelernte PR-Beraterin verstärkt Kathi seit 2016 die TK im Bereich Politik und Kommunikation. Ihr Antrieb? Gute Geschichten dort aufspüren, wo man sie nicht vermutet und knifflige Themen so erzählen, dass anderen ein Licht aufgeht. Wenn sie nicht grade ist bloggt, twittert oder brainstormt, findet man sie im Millerntorstadion oder am Elbstrand, Containerschiffe gucken. Das kann sie stundenlang machen.

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