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150 Vorträge, 4 Tage, 1 Erkenntnis – Mein Rückblick auf den 33C3

03.01.2017

von Philipp Nast

Wenn ich mit einigen Tagen Abstand auf den 33c3 blicke, so fällt mir eines besonders auf: Immer wieder wurde ein deutlicher Mentalitätswechsel thematisiert. War in den 1980er Jahren noch die Mehrheit gegen Volkszählungen und den maschinenlesbaren Ausweis, so gibt es heute Massenbewegungen zu Post-Privacy und Self-Tracking wie bspw. die Quantified Self-Bewegung. Durch die exponentiell steigende Verwendung von Wearables, Smartphones, Sozialen Netzwerken und dem IoT  wachsen die selbst produzierten Datenströme unaufhörlich. Eine ganze Branche hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Daten zu sammeln, auszuwerten und darauf basierend Risikoeinschätzungen zu geben.

Scoring erhält Einzug in Tarifierung von Kfz-Versicherungen

Dieses als Scoring bekannte Verfahren lässt sich heute besonders anschaulich an Telematik-Tarifen innerhalb der Europäischen Union betrachten, bei denen jeder selbst produzierte Datenstrom Verwendung findet. Erste Autoversicherer bieten hier die Möglichkeit, die Vorzüge eines individualisierten Risiko-Tarifs zu erleben. Und auch die Social Media-Posts der Antragsteller sollen zur Beurteilung der Kreditwürdigkeit hinzugezogen werden. Facebook verbot dieses Geschäftsmodell im letzten Moment.

Gamification und Nudging im Fokus

Fließen die Datenströme bei Autoversicherungen nur zum Versicherer, so erhält der Nutzer im privaten Gesundheitssystem für seine Datenströme seit einiger Zeit ein direktes Feedback. Die Generali Versicherung hat hier mit ihrem „Vitality Tarif “ gezeigt, dass neben der Verhaltensmessung auch die Verhaltenssteuerung anhand von Daten Einzug in den Alltag gefunden hat. Dabei spielen für die Konzeption von digitalen Versorgungsprodukten Methoden der Gamification und des Nudging eine zunehmend große Rolle. Erstaunlich ist, dass die Kunden im ersten Moment primäre Vorteile erleben, die ihre individuelle Lebensführung punktgenau belohnen.

Die Gefahr dabei: Es wird durch Algorithmen eine Objektivität konstruiert, die vorurteilsfrei zu sein scheint. Indem Verfahren auf wissenschaftlich fundierten Analysen basieren, wird dem Nutzer vermittelt, hier handle es sich um Verfahren, die frei von subjektiven und/oder diskriminierenden Faktoren wären. Doch anhand der Daten können Profile erstellt, Kategorisierungen vorgenommen und Bewertungen durchgeführt werden, wie Wolfie Christl in seinem Talk „Corporate surveillance, digital tracking, big data & privacy“  eindrucksvoll gezeigt hat.

Schutz vor Überschuldung, das Ende von Quersubventionierung von Risikogruppen oder die Tatsache, dass es generell nur Boni und keine Malusse gibt – auf den ersten Blick scheint die Nutzung von Daten sehr verbraucherfreundlich zu sein. Aber der 33c3 zeigt: Die existierende Infrastruktur und Verwertungsmechanismen produzierter Daten bieten schon heute die Möglichkeit, in Form von Prognose- und Sortierungsmechanismen klar diskriminierend zu wirken. Diese Mechanismen zeigte u.a. Karl Urban in einem Talk „Berechnete Welt“  auf:

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Mit Überzeugung Daten nutzen

Eines ist klar: Die Rhetorik von Datensparsamkeit als Innovationshindernis hilft hier nicht weiter. Es bedarf eines klaren Bekenntnisses zur Sicherung informationeller Grundrechte, wie es z.B. die Techniker Krankenkasse in ihren digitalen Überzeugungen macht.  Für den gesetzlichen Gesundheitssektor bietet sich für die Krankenkassen die Chance, ihre Produkte und Dienstleistungen so zu entwickeln, dass „Privacy by Design“ von Beginn an gewährleistet ist. Durch nicht-kommerzielle Absichten ist eine Veräußerung der Daten nicht absehbar und führt zum zentralen Aspekt für Krankenkassen: Aufgabe einer Krankenkasse ist es, die Beiträge der Mitglieder und Arbeitgeber optimal dafür einzusetzen, die Gesundheit ihrer Versicherten zu erhalten und wiederherzustellen. Somit ist es das ureigene Interesse einer Krankenkasse die Daten ihrer Versicherten zu deren Gesundheitssteigerung zu nutzen. Dabei hat sich die Techniker gleich in doppelter Hinsicht gegen eine Differenzierung von Tarifen positioniert. Erstens ist eine Tarifierung auf Basis von Gesundheitsdaten mit unserem solidarischen Gesundheitssystem unvereinbar und zweitens bleibt nach der Überzeugung der TK der Versicherte stets Herr seiner Daten und bestimmt, welcher Akteur zu welchem Zweck Zugriff auf eine spezifischen Teil oder die Gesamtheit seiner Daten hat – und wer eben auch nicht.

Eine Überzeugung der TK: Der Versicherte bleibt stets Herr seiner Daten

Diesem best-practice Beispiel sollten alle Markteilnehmer folgen. Denn wenn sich ein Rabatt-System auf dem freiwilligen Verhaltens-Tracking etabliert, werden alle, die sich dem entziehen zu Risikofällen. Einer solchen Entwicklung gilt es – egal in welcher Branche – entschieden entgegen zu treten. Denn das solidarische Prinzip trägt unsere Gesellschaft und stellt die Basis unseres Erfolges dar. Zwar könnten einzelne Anbieter nach der Etablierung solcher Tarife vor die Presse treten und sagen „Works for me“, wenn jedoch alle diesem Beispiel folgen wird es heißen: „Works for me but not for us“. Und das ist mit einem solidarischen Gesundheitssystem nicht vereinbar.


pn_Philipp Nast kam nach seinem Bachelor als Praktikant in die Unternehmenskommunikation der TK. Wir konnten ihn direkt im Anschluss als digitale Allzweckwaffe verpflichten und haben bereits jetzt schon Angst vor dem Moment, an dem er uns zum Start seines Masterstudiums verlässt.


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