Katharina Lemke

Behandlungsfehler: „Keiner pfuscht absichtlich“

4.400 Verdachtsfälle auf Behandlungsfehler verzeichnete die TK im letzten Jahr. Die Aufklärung dieser Fälle gilt als enorm langwierig, denn oft steht Aussage gegen Aussage. TK-Medizinrechtsexperte Christian Soltau erklärt die Problematik.

Betroffene von Behandlungsfehlern müssen oft jahrelang vor Gerichten kämpfen, bis ihr Schaden und ihr Leid auch offiziell anerkannt werden. Die Aufklärung dieser Fälle gilt als enorm langwierig. Häufig steht Aussage gegen Aussage und teilweise geht es um Millionensummen – etwa, wenn Menschen nicht mehr arbeiten und ihren Lebensunterhalt verdienen können.
Die Gerichtsverfahren, die die TK im Jahr 2008 einreichte, werden zum Teil erst jetzt abgeschlossen, berichtet TK-Medizinrechtsexperte Christian Soltau im Interview. Sein Wunsch: Alle Beteiligten sollten an einem Strang ziehen und zu ihrer Verantwortung stehen, damit die Fälle schneller aufgeklärt werden können.

Herr Soltau, warum dauern die Verfahren von Verdachtsfällen auf Behandlungsfehler so lange?

In den wenigsten Fällen können tatsächliche Fehler nachgewiesen werden. Meistens bleiben es Verdachtsfälle. Wenn sich ein Versicherter bei uns meldet, wird zuerst der Sachverhalt aufgenommen. Der Versicherte liefert uns die medizinischen Unterlagen, oder sie werden von den Kliniken angefordert. Im nächsten Schritt lassen wir vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherungen (MDK) ein medizinisches Gutachten erstellen, in dem der Verdacht bestätigt wird oder eben im Sand verläuft.
Wenn das Gutachten den Verdacht auf eine fehlerhafte Behandlung bestätigt, melden wir bei dem Versicherer den Schaden an. Der Versicherer lässt in diesen Fällen oftmals ein eigenes Gutachten erstellen, das häufig dem ersten Gutachten wiederspricht.

Liegen zwei gegenteilige Gutachten vor, steht Aussage gegen Aussage also geht der Fall vor Gericht. An diesem Punkt ist es nicht selten, dass ein drittes, ein Gerichtsgutachten erstellt wird. So gehen häufig die Jahre ins Land, ohne dass der Fall aufgeklärt werden kann. Wir haben es also mit einem extrem langwierigen Prozess zu tun.

Was macht die Aufklärung so schwierig?

TK-Medizinrechtsexperte Christian Soltau.
TK-Medizinrechtsexperte Christian Soltau.

Es geht ganz einfach um sehr viel Geld! Wenn Behandlungsfehler tatsächlich nachgewiesen werden, sind die schlussendlichen Schadenszahlungen enorm hoch. Nehmen wir zum Beispiel den Fall, dass ein Kind durch Komplikationen bei der Geburt geistig behindert zur Welt kommt: In so einem Fall  reden wir über Summen in Millionenhöhe. Der Versicherer möchte daher den Schaden möglichst gering halten und setzt alles dran, um seine eigene Haftung in Frage zu stellen.

„Bis ein Richter den Behandlungsfehler als nachgewiesen ansieht, müssen aber die Beitragszahler die medizinischen Folgekosten tragen und die Betroffenen auf eine Entschädigung in Form von Lohnausfall und Schmerzensgeld warten.“

Ein weiteres Problem: Richter sind oft keine medizinischen Fachleute und haben nicht die nötige Expertise, um diese komplexen Fälle zu durchschauen. So kommt es zu dem schon erwähnten dritten Gerichtsgutachten. Die Erstellung so eines Gutachtens dauert allerdings gut und gerne mal ein halbes Jahr oder länger. So verzögern die Verfahren sich wieder und wieder. Besonders makaber ist, wenn Versicherer bewusst Gerichtsverfahren verzögern und auf Zeit spielen, bis die Kläger aufgeben, weil sie einfach keine Kraft mehr haben, weiterzukämpfen.

Was müsste sich ändern?

Die Justiz müsste den Sachverstand auf diesem Feld ausbauen. Spezialkammern an den Gerichten und Richter, die auf diesem Feld eine eigene Expertise und Erfahrung haben, könnten die Laufzeit dieser Verfahren deutlich verringern. Das ist letztlich eine Geldfrage. Hier müsste die Politik die nötigen Mittel bereitstellen, um beispielsweise mehr Richter einzustellen.

Alle Beteiligten sollten aber auch ihr Augenmerk darauf legen, aus den Fehlern zu lernen und sich gemeinsam um eine schnellere Aufklärung der Fälle bemühen. Leider ist in der Realität das ganze System krank: Viele Ärzte haben Angst, Fehler zuzugeben. Nicht selten sind auch einfache Kommunikationsprobleme in der täglichen Arbeit die Ursache: Wenn zum Beispiel die Schrift des Arztes vom medizinischen Personal nicht richtig entziffert wird, weshalb der Patient ein falsches Medikament verabreicht bekommt. Wir haben es hier also auch mit einfachen Verständigungsproblemen zu tun, durch die Fehler in der Behandlung passieren können.

Ich möchte aber auch betonen: Keiner pfuscht absichtlich! Ein Arzt ist am Ende auch nur ein Mensch und Fehler passieren jedem irgendwann einmal. Von Behandlungsfehlern hängen jedoch im Zweifelfall Menschenleben und Lebensschicksale ab.


Information und Aufklärung über Behandlungsfehler bietet die Broschüre „Behandlungsfehler – Ein Leitfaden für Patienten“ von der TK.


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2 Kommentare

  • Iatrogen 99

    Wer Opfer eines Behandlugsfehler ist hat es leider sehr schwer in Deutschland, da die Beweislast beim Geschädigten liegt.
    Eine Beweislastumkehr wäre ein Schritt in die richtige Richtung, denn oft werden Dokumentationen manipuliert, oder verschwinden gänzlich, so meine Erfahrung .
    Man könnte allerdings auch die Rechtslage so ändern , dass wie z.B. in Australien Rechtsanwälte nach Erfolg bei Durchsetzung von Schadensersatz und Schmerzensgeld etc. je nach Streitwert ihr Honorar
    prozentual erhalten. Meist wird außergerichtlich und zügig verhandelt, zu Gerichtsprozessen kommt es seltener.
    In Deutschland hat der Geschädigte, das Opfer den Schaden zu ertragen und tritt in Vorkasse im Zivilprozess, bei Klageabweisung trägt er noch die Kosten der Gegenpartei. mit etc. .
    Wenn Dokumentationsmängel sowie Manipulationen erkennbar sind, sollten sich Gerichtsgutachter nicht scheuen sie offenzulegen, statt sie professionell zu umschweifen, wie in meinem Fall.
    Leider werden Gutachten, Gerichtsgutachten nur nach Aktenlage erstellt,
    der Geschädigte nicht mit einbezogen, fallen oft kollegial und gefällig aus.
    Bei mir flüchtete der Gerichtsgutachter Prof. K.H. (LMU) in die kognitive Psychologie der USA aus (Way 2003), widersprach den eigenen Publikationen bei einem gravierenden OP Fehler … . (LG Gera, 2008)
    Man beruft sich dann auf die Risikoaufklärung, jene lag bei mir plötzlich ohne Unterschrift vor, obwohl ich sie persönlich ausfüllte und unterschrieb, mit dem Zusatz: Ein erfahrener Arzt soll den Eingriff durchführen … .??? Klage abgewiesen … Begründung :Schicksalhafter Verlauf … sie wurde über Risiken aufgeklärt .. ( Laparoskopische Laparoskopie,= Gallenblasenentfernung per Schlüssl- oder Knopflochmethode) Operateur seine 5. der Art, schwerster Defekt am Gallengangsystem Typ IV nach Siewert (TU München und D. nach Neuhaus (Charite‘).
    Leider ignorierte LG Gera, meine Privatgutachten .. .Operateur schrieb 2 unterschiedliche OP Berichte .. , fand Privatgutachter heraus etc .. .
    Aus Kostengründen musste ich resignieren … .
    Bei der Schlichtungsstelle Hannover erhielt ich positves Ergebnis, leider regulierte der Haftpflichtversicherer ( Zürich) nicht
    Gutachter sowie Gerichtsgutachter können erklären, dass die Erde eine Scheibe ist … .
    Ich muss bemerken, das Krankenhaus, wo ich operiert wurde, rühmt sich mit Australischen Zertifikaten … .
    Ich kenne viele Opfer, die sich scheuen zu prozessieren, da die Beweislast beim Geschädigten liegt.
    Solange die Allgemeinheit die Kosten trägt , sehe ich leider keine Änderung.!
    Jeder ist ja auch irgendwie auf Ärzte angewisen, wer traut sich Änderungen oder die bereits existierenden „Patientenrechte“ durchzusetzen !
    In Australien gibt es selten Komplikationen bei Operationen, MRSA …, an jedem Bett hängen Flaschen mit Desinfektionsmitteln …

  • Roland Linkenheld

    Hervorragender Beitrag! Danke! Will aber gerne auf einen weiteren Aspekt hinweisen: Derzeit wird für akute Behandlungsfälle, die leicht zu brisanten Notfällen werden können, die Tel. 116 117 propagiert. Soll die Notaufnahmen entlasten u. dennoch die Akutbehandlung außerhalb der Praxisöffnungszeiten sicherstellen. Scheitert an der krassen Unterfinanzierung, führt zu rigoroser Selektion inattraktiver Risiken (Senioren, chronisch Kranke, Demenz, Wachkoma), kommen auch bei akuter Notwendigkeit nicht zum etwa erforderlichen Hausbesuch. Bei Nachfragen desinteressiertes Achselzucken bei der zuständigen KV. Die hört, sieht und weiß selbstverständlich nix, weil räumlich viel zu weit entfernt. Ein Skandal, wieviel Geld für 0-Leistung beim GKV-Versicherten von den hohen Beträgen ankommt, die die KVen von den gesetzlichen Kassen zocken. Fehlinformation? Lass mich da nur allzu gern korrigieren.