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Es ist an der Zeit, dass die Therapie von Essstörungen neu gedacht wird!

09.06.2017

Ein Beitrag von Silvia Wirth und Katharina Lemke

Bereits im letzten Jahr lernte die TK das Team hinter der App „Jourvie“ auf dem Innovationstag 2016 kennen, bei dem die Berliner Gründerin Ekaterina Karabasheva ihr Start-up und ihr Produkt – ein digitales Ernährungs-Tagebuch als App für Betroffene von Essstörungen – vorstellte. Seit diesem Kickstart macht sich das Start-up mit seiner App einen Namen in der deutschen Digital Health-Szene. Jetzt ist die App sogar Bestandteil des Therapienetzes Essstörung.

Sieben Esslöffel Müsli, 150 Gramm Joghurt und ein halber Apfel. Unauffällig tippt Louisa ihr Frühstück vor der Vorlesung in ihr Smartphone. In der Uni soll niemand wissen, dass sie jede Mahlzeit protokollieren muss. Seit sie sieben Jahre alt ist leidet die 22-Jährige an Anorexia nervosa, Magersucht. Nach mehreren Krankenhausaufenthalten und begleitender Psychotherapie ist Hannas Zustand inzwischen stabil. Seit 2014 kooperiert die TK mit dem Therapienetz Essstörung, damit Betroffenen wie Louisa geholfen wird. Dort ist die Studentin inzwischen in ihrer Münchener Wohngruppe in „Phase 4“. Das bedeutet, sie kann nach Absprache mit ihrer Ernährungsberaterin selbstbestimmt entscheiden, was sie isst.

Mühsamer Weg zu einem gesunden Essverhalten

Einkaufen, kochen und essen – was für die meisten Alltag ist, ist für Louisa ein mühsam erkämpfter Teilerfolg gegen die Krankheit. Auf ihrem Weg in ein normales Essverhalten hilft ihr die App „Jourvie“. Louisa ist Patientin des Therapienetzes Essstörung und testet die App im Rahmen einer dreimonatigen Pilotphase in Bayern. Auf ihrem Handy kann sie schnell und diskret ihre Mahlzeiten eingeben. „Ich fand es immer unangenehm, wenn Fremde sehen konnten, dass ich mein Essen aufschreibe. Da wird man gleich in eine Schublade gesteckt“, sagt Louisa.

Digitales Selbstmanagement bei Essstörungen: Die App „Jourvie“.

 

„Jourvie ist zeitgemäßer als Papier“

Auch Theresa Hagedorn, Ernährungswissenschaftlerin beim Therapienetz Essstörung sieht die Vorteile von Jourvie: „Wir haben oft die Erfahrung gemacht, dass Patienten im Wartezimmer auf ihrem Handy gespielt haben, ihr Essprotokoll aber nicht dabei hatten. Die Dokumentation mit dem Smartphone ist zeitgemäßer als Papier. Außerdem denken die Patienten eher daran, ihre Mahlzeiten zu notieren, da sie das Smartphone immer dabei haben. „Louisa schickt ihr Essprotokoll ein bis zwei Mal pro Woche aus der App an ihre Ernährungsberaterin. „Für uns ist das Arbeiten mit der App praktisch, da wir so bereits vor den Beratungsgesprächen mit unseren Patienten einen Blick auf die Pläne werfen können“, sagt Hagedorn.

Das Team hinter Jourvie (v.l.n.r.): Georgi Alipiev, Ekaterina Karabasheva sowie Vivian Otto.

 

Mit einer Idee in den ersten Gesundheitsmarkt? Ein beschwerlicher Weg für Start-ups

Entwickelt wurde die App „Jourvie“ vom gleichnamigen Start-up in Berlin. Die Gründerin Ekaterina Karabasheva litt selbst viele Jahre unter einer Essstörung und hat die App mit den Erfahrungen ihrer eigenen Krankheitsgeschichte entwickelt. Jourvie wurde im vergangenen Jahr unter zahlreichen Bewerbern als eines von fünf Start-ups zum Innovationstag von TK und Handelsblatt nach Berlin eingeladen.

Im Video-Feature stellten wir letztes Jahr das Start-up und seine Idee vor:

Anne Moschner ist Versorgungsexpertin bei der TK und meint:

„Wir sind überzeugt, dass wir digitale Lösungen brauchen, um fit für die Zukunft zu sein. Wir freuen uns sehr, dass es die App von unserem Innovationstag in den Versorgungsalltag geschafft hat.“

Jourvie sei ein gutes Beispiel dafür, wie digitale Lösungen die Versorgung entscheidend verbessern können, so Moschner. Jourvie hat mit dem digitalen Essprotokoll eine Lücke in der Therapie von Essstörungen gefüllt. Bislang ist es für digitale Neuerungen jedoch noch immer schwer sich im ersten Gesundheitsmarkt zu etablieren. Nur wenigen Gründern gelingt es, in der Branche Fuß zu fas-sen. „Innovative Ideen allein reichen nicht. Sie müssen sich auch in der Praxis bewähren und sowohl für Patientinnen, als auch für Ärzte und Therapeuten einen Mehrwert bieten“, sagt Moschner. Deshalb sei es wichtig gemeinsam mit Start-ups Wege zu finden, ihre Ideen in den Versorgungsalltag zu integrieren. Für Jourvie ist mit der Pilotphase in Bayern der Grundstein gelegt.

Diätenwahnsinn und Körperkult: Handlungsbedarf ist da

Das Thema Essstörungen verliert seit Jahren weder an Brisanz noch Aktualität. Während Model-Castingshows im TV jungen Frauen vermitteln, dass Schönheit mit Schlankheit gleichgesetzt wird, steht mit der Schauspielerin Nora Tschirner derzeit ein prominentes Gesicht gegen den Schlankheitswahn vor den Kameras. Sie promotet den australischen Dokumentarfilm „Embrace – Du bist schön“ und sendet eine klare Botschaft: Schluss mit Body Shaming! Es ist an der Zeit, dass wir jeden Körper so akzeptieren, wie er ist.

Die aktuelle Ernährungsstudie der TK zeigt, dass Diäten nach wie vor eine beliebte Methode zur körperlichen Optimierung sind: Vier von zehn Erwachsenen in Deutschland waren bereits auf Diät. Ein Viertel der Befragten (26 Prozent) hat schon öfter Diäten ausprobiert. Weitere 15 Prozent sind mindestens einmal bestimmten Diätregeln gefolgt.

TK-Ernährungsstudie „Iss was, Deutschland.“

Welche Einflussfaktoren am Ende zu einer Essstörung führen, lässt sich wohl kaum pauschalisieren. In jedem Fall aber verdienen Apps wie Jourvie Anerkennung, denn sie gehen das Thema der Therapie von Essstörungen über einen zeitgemäßen Weg an, indem sie den Patienten in seiner Lebenswelt abholen. Der Zugriff auf das eigene Smartphone ist schnell und einfach, die Hemmschwelle zu einer digitalen Mahlzeiten-Kontrolle niedrig. Eine solche Form des Therapiemanagements könnte letztlich auch ein Bewusstsein dafür stärken, sein eigenes vielleicht ungesundes Essverhalten zu überdenken.


Weiterlesen:

Informationen rund um die App Jourvie gibt es online unter: http://www.jourvie.com/.

Die TK unterstützt eine Studie der Uni Dresden zur Prävention von Essstörungen. Teilnehmen können Frauen ab 18 Jahren unter folgendem Link: https://icare-online.eu/de/everybody.html.

Weiteres Infomaterial zur Ernährungsstudie gibt es im Portal „Presse & Politik“.


Silvia Wirth ist Pressereferentin in der TK-Landesvertretung Bayern. Sie kümmert sich um alle Themen rund um Gesundheitswesen und Versorgung im Freistaat.

 

 

 


 

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