Silvia Wirth

Essstörung: Therapie via App

Ekaterina Karabasheva stellte die App „Jourvie“ auf dem Innovationstag 2016 vor. Das digitale Ernährungs-Tagebuch für Betroffene mit Essstörungen macht sich seitdem einen Namne in der eHealth-Szene.

Sieben Esslöffel Müsli, 150 Gramm Joghurt und ein halber Apfel. Unauffällig tippt Louisa ihr Frühstück vor der Vorlesung in ihr Smartphone. In der Uni soll niemand wissen, dass sie jede Mahlzeit protokollieren muss. Seit sie sieben Jahre alt ist leidet die 22-Jährige an Anorexia nervosa, Magersucht.
Nach mehreren Krankenhausaufenthalten und begleitender Psychotherapie ist Louisas Zustand inzwischen stabil. Seit 2014 kooperiert die TK mit dem Therapienetz Essstörung, damit Betroffenen wie Louisa geholfen wird. Dort ist die Studentin inzwischen in ihrer Münchener Wohngruppe in „Phase 4“. Das bedeutet, sie kann nach Absprache mit ihrer Ernährungsberaterin selbstbestimmt entscheiden, was sie isst.

Mühsamer Weg zu einem gesunden Essverhalten

Einkaufen, kochen und essen – was für die meisten Alltag ist, ist für Louisa ein mühsam erkämpfter Teilerfolg gegen die Krankheit. Auf ihrem Weg in ein normales Essverhalten hilft ihr die App „Jourvie“. Louisa ist Patientin des Therapienetzes Essstörung und testet die App im Rahmen einer dreimonatigen Pilotphase in Bayern.
Auf ihrem Handy kann sie schnell und diskret ihre Mahlzeiten eingeben. „Ich fand es immer unangenehm, wenn Fremde sehen konnten, dass ich mein Essen aufschreibe. Da wird man gleich in eine Schublade gesteckt“, sagt Louisa.

Das Team hinter Jourvie (v.l.n.r.): Georgi Alipiev, Ekaterina Karabasheva sowie Vivian Otto.

„Jourvie ist zeitgemäßer als Papier“

Auch Theresa Hagedorn, Ernährungswissenschaftlerin beim Therapienetz Essstörung sieht die Vorteile von Jourvie: „Wir haben oft die Erfahrung gemacht, dass Patienten im Wartezimmer auf ihrem Handy gespielt haben, ihr Essprotokoll aber nicht dabei hatten. Die Dokumentation mit dem Smartphone ist zeitgemäßer als Papier. Außerdem denken die Patienten eher daran, ihre Mahlzeiten zu notieren, da sie das Smartphone immer dabei haben.
Louisa schickt ihr Essprotokoll ein bis zwei Mal pro Woche aus der App an ihre Ernährungsberaterin. „Für uns ist das Arbeiten mit der App praktisch, da wir so bereits vor den Beratungsgesprächen mit unseren Patienten einen Blick auf die Pläne werfen können“, sagt Hagedorn.

Mit einer Idee in den ersten Gesundheitsmarkt? Ein beschwerlicher Weg für Start-ups

Entwickelt wurde die App „Jourvie“ vom gleichnamigen Start-up in Berlin. Die Gründerin Ekaterina Karabasheva litt selbst viele Jahre unter einer Essstörung und hat die App mit den Erfahrungen ihrer eigenen Krankheitsgeschichte entwickelt.
Jourvie wurde im vergangenen Jahr unter zahlreichen Bewerbern als eines von fünf Start-ups zum Innovationstag von TK und Handelsblatt nach Berlin eingeladen.

Im Video-Feature stellten wir letztes Jahr das Start-up und seine Idee vor:

Anne Moschner ist Versorgungsexpertin bei der TK und meint: „Wir sind überzeugt, dass wir digitale Lösungen brauchen, um fit für die Zukunft zu sein. Wir freuen uns sehr, dass es die App von unserem Innovationstag in den Versorgungsalltag geschafft hat.“

„Wir sind überzeugt, dass wir digitale Lösungen brauchen, um fit für die Zukunft zu sein. Wir freuen uns sehr, dass es die App von unserem Innovationstag in den Versorgungsalltag geschafft hat.“

Anne Moschner, TK-Versorgungsexpertin

Jourvie sei ein gutes Beispiel dafür, wie digitale Lösungen die Versorgung entscheidend verbessern können, so Moschner. Jourvie hat mit dem digitalen Essprotokoll eine Lücke in der Therapie von Essstörungen gefüllt.

Bislang ist es für digitale Neuerungen jedoch noch immer schwer, sich im ersten Gesundheitsmarkt zu etablieren. Nur wenigen Gründern gelingt es, in der Branche Fuß zu fassen. „Innovative Ideen allein reichen nicht. Sie müssen sich auch in der Praxis bewähren und sowohl für Patientinnen als auch für Ärzte und Therapeuten einen Mehrwert bieten“, sagt Moschner.
Deshalb sei es wichtig, gemeinsam mit Start-ups Wege zu finden, ihre Ideen in den Versorgungsalltag zu integrieren. Für Jourvie ist mit der Pilotphase in Bayern der Grundstein gelegt.

Diätenwahnsinn und Körperkult: Handlungsbedarf ist da

Der aktuelle Körperkult kennt nach wie vor nur ein Ideal: gertenschlank. Model-Castingshows im TV vermitteln schon Mädchen im Grundschulalter, dass Schönheit mit Schlankheit gleichgesetzt wird.

TK-Ernährungsstudie „Iss was, Deutschland.“

Die aktuelle Ernährungsstudie der TK zeigt, dass Diäten nach wie vor eine beliebte Methode zur körperlichen Optimierung sind: Vier von zehn Erwachsenen in Deutschland waren bereits auf Diät. Ein Viertel der Befragten (26 Prozent) hat schon öfter Diäten ausprobiert. Weitere 15 Prozent sind mindestens einmal bestimmten Diätregeln gefolgt.

Welche Einflussfaktoren am Ende zu einer Essstörung führen, lässt sich wohl kaum pauschalisieren. In jedem Fall aber verdienen Apps wie Jourvie Anerkennung, denn sie gehen das Thema der Therapie von Essstörungen über einen zeitgemäßen Weg an, indem sie den Patienten in seiner Lebenswelt abholen.


Weiterlesen:

Informationen rund um die App Jourvie gibt es online unter: http://www.jourvie.com/.

Die TK unterstützt eine Studie der Uni Dresden zur Prävention von Essstörungen. Teilnehmen können Frauen ab 18 Jahren unter folgendem Link: https://icare-online.eu/de/everybody.html.

Weiteres Infomaterial zur Ernährungsstudie gibt es im Portal „Presse & Politik“.


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