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Virtual Reality im Gesundheitswesen – ein Rückblick auf die HLS Cloud Conference

29.08.2017

von Lara Nüßler

Nicht nur auf der diesjährigen Spielemesse Gamescom war Virtual Reality in aller Munde – auch außerhalb der Unterhaltungsindustrie diskutiert man derzeit über die Chancen und Risiken der VR-Technologie für Forschung, Gesundheitsversorgung und Medienkompetenz. Was Virtual Reality im Gesundheitswesen kann, wo sie aber auch Gefahrenpotenzial im Hinblick auf Mediensucht in sich birgt – darüber diskutierten Experten auf der Fachtagung HLS Cloud Conference in Frankfurt, die von der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen in Kooperation mit der TK-Landesvertretung in Hessen ausgerichtet wurde. „Ich bin gespannt, mit wie vielen Parallelwelten im Kopf wir die Veranstaltung wieder verlassen werden“, sagte HLS-Geschäftsführer Wolfgang Schmidt-Rosengarten bei seiner Eröffnungsrede.

 „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“

Spannende Expertenvorträge, Workshops und Diskussionen ließen die Besucher selbst gedanklich in virtuelle Welten abtauchen. Entwicklerin und Virtual Reality-Geek Sara Lisa Vogl: „In gewissem Maße kann man sich Pippi Langstrumpfs Lebensmotto ‚Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt‘ mit VR selbst verwirklichen“. In ihrem Vortrag erklärte Vogl, wie heute VR in der Medizin zum Einsatz kommt: Ein „Virtual Heart“ beispielweise könne Ärzten in der Ausbildung helfen, etwa die Funktion des Herzens bei bestimmten Erkrankungen besser zu verstehen. Phobien, wie die Angst vor Höhe oder Spinnen, können mit VR behandelt werden. Der Therapeut kann dabei bestimmen, wie nah sein Patient in der virtuellen Welt an den Abgrund kommt oder er kann Einfluss auf das Verhalten der virtuellen Spinne nehmen. Auch Start-ups wie die Lübecker Don’t Be Afraid beschäftigen sich mit der Heilung von Phobien unter Einsatz von VR.

Aber auch posttraumatische Störungen können mit VR gezielt behandelt oder ihnen vorgebeugt werden – beispielsweise wenn Soldaten im Vorfeld eines Einsatzes mit Kriegssituationen konfrontiert werden. Prof. Dr. Steinicke, der sich an der Universität Hamburg im Fachbereich Informatik mit der Interaktion zwischen Mensch und Computer beschäftigt, demonstrierte in seinem Vortrag außerdem, wie sich Verbrennungsopfer während einer Behandlung in eine virtuelle Schneewelt begeben, um so die Schmerzen besser aushalten zu können.

Neue Entwicklungen beschäftigen uns alle

„Die Digitalisierung ist längt in unserem Alltag angekommen und Technologien wie VR haben riesiges Potenzial für den Gesundheitssektor“, betonte Dr. Barbara Voß, Leiterin der TK-Landesvertretung Hessen, auf der Konferenz und führt weiter aus:

„Die TK will die Chancen von technischen Innovationen für eine bessere Versorgung ihrer Versicherten nutzen. Ein großes Themenfeld, auf dem wir uns derzeit engagieren, ist die Kommunikation zwischen Arzt und Patient via Telemedizin. Digitale Formate wie die Online-Videosprechstunde sind besonders für strukturarme und unterversorgte Regionen eine große Chance.“

Innovationen bewusst einsetzen

In den Workshops der Cloud Conference ging es um die Themen Medienkompetenz und VR im Bildungskontext. Hier wurde unter anderem diskutiert, wie VR in der offenen Jugendarbeit stattfindet oder was Jugendliche generell von VR halten. Workshopleiter Christian Groß, der im Klinikum Gütersloh arbeitet, zeigte Behandlungsansätze für Menschen mit exzessivem Medienkonsum. Wie wichtig ein verantwortungsbewusster Umgang mit Medien ist, hob auch Dr. Barbara Voß hervor: „Wir als TK engagieren uns seit über zehn Jahren dafür, dass Menschen Medienkompetenz aufbauen, um digitale Medien souverän zu nutzen, anstatt von ihnen beherrscht zu werden.“ Aus diesem Grund unterstützt die TK das Projekt DigiKids, das Kindern Medienkompetenz vermittelt und in einem der Workshops vorgestellt wurde. Die Lebensrealität von Kindern ist heutzutage digital, dennoch gilt das Motto: „Digital ist cool, analog erst recht!“ Kinder werden schrittweise an Medien herangeführt, wichtig ist aber, dass sie vordergründig die reale Welt begreifen sollen.

Für Jugendliche in der Ausbildung ist ein gesunder Medienkonsum genauso bedeutsam. Mit dem Film „Digital ins Berufsleben“ zeigt die TK, wie Auszubildende die richtige digitale Balance finden können. Es ist darüber hinaus wichtig, dass wir uns als Krankenkasse mit der Frage auseinandersetzen, wie wir Medienkompetenz mit jeder neuen Technologie wieder neu denken müssen. Wir passen unsere Angebote für eine bessere Medienkompetenz der Menschen entsprechend an, um unsere Versicherten für den Medienkonsum fit zu machen.

VR ist vielfältig einsetzbar!

Brauchen wir einen Moralkodex für den Umgang mit VR?

Wo liegen denn aber nun die Risiken der VR-Technologie? Und was für eine Medienkompetenz muss den Nutzern vermittelt werden? Das Suchtpotenzial von VR ist bisher kaum erforscht. Das stellt besondere Anforderungen an die therapeutische Arbeit mit den Betroffenen sowie an die Aktivitäten der Selbsthilfe. Eine Gefahr besteht darin, nicht mehr in der Lage zu sein, die virtuelle Welt und die Realität zu unterscheiden. Entwicklerin Sara Lisa Vogl betonte deshalb in ihrem Vortrag: „Es ist unglaublich wichtig, sich auch mit der Frage auseinanderzusetzen, wo die Grenze bei VR liegt, was legitim ist.“ Der Unterschied zu „normalen“ Medien liegt darin, dass der Nutzer bei VR als eigener Avatar selbst Teil der virtuellen Welt wird. Welche Konsequenzen diese Tatsache für Ethikfragen hat, wird in Zukunft noch zu diskutieren sein. Die Diskutanten der HLS Cloud Conference 2017 waren sich am Ende der Veranstaltung jedenfalls einig: Es muss ein Moralkodex für dieses Gebiet her. Wer diesen entwickeln wird, das ist noch Zukunftsmusik.

Die Teilnehmer der abschließenden Podiumsdiskussion zum Thema „Brauchen wir einen Moralkodex für den Umgang mit VR?“: (v.l.n.r.): Die beiden Workshopleiter Christian Groß (Klinikum Gütersloh) mit Beate Kremser (Sozialpädagogin vom Infocafé Neu-Isenburg), Prof. Dr. Frank Steinicke (Fakultät für Informatik, Universität Hamburg) und Sara Lisa Vogl (Entwicklerin und Kommunikationsdesignerin), Moderator Sascha Förster.

Weiterlesen:

Virtual Reality – ein Blick in die Zukunft: Informatikprofessor Frank Steinicke von der Universität Hamburg im Interview mit Wir Techniker.

Was geht bei der TK in Sachen Digitale Gesundheit? Informationen rund um das Thema in unserem Portal „Presse & Politik“.


Lara ist für drei Monate, in der Zeit zwischen ihrem Bachelor und Master, Praktikantin in der Unternehmenskommunikation der TK. In ihrer Freizeit ist sie gerne sportlich aktiv – entweder beim Reiten oder Kampfsport.

 

 


 

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