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Prävention chronischer Krankheiten: Die Bundesregierung kuscht vor der Lebensmittelindustrie

11.01.2017

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Anlässlich der Veröffentlichung der TK-Ernährungsstudie 2017 hat sich die TK Oliver Huizinga mit ins Boot geholt, Experte bei der Verbraucherorganisation foodwatch für die Themen Übergewichtsprävention, Lebensmittelkennzeichnung und Lebensmittelwerbung. Bei der Vorstellung der Studie am 11. Januar in Berlin war Huizinga mit auf dem Podium. Wir freuen uns, dass er außerdem mit diesem Gastkommentar auf unserem Blog seine Meinung teilt. Auch, wenn wir eine andere haben.

 

 

von Oliver Huizinga

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sprechen von einer „globalen Adipositas-Epidemie“, deutsche Ärzte warnen vor einem „Tsunami chronischer Krankheiten“, Typ-2-Diabetes ist auf dem Vormarsch. Doch die Bundesregierung scheut sich, geeignete Maßnahmen gegen Fehlernährung zu ergreifen – sie möchte sich nicht mit der Lebensmittelindustrie anlegen.

Etwa 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen gelten als übergewichtig oder fettleibig, sechs Prozent der Kinder als fettleibig. Im Vergleich zu den 1980er- und 1990er-Jahren hat der Anteil übergewichtiger Kinder damit um 50 Prozent zugenommen, der Anteil adipöser Kinder hat sich sogar verdoppelt.[1] Bei den Erwachsenen gelten 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen als übergewichtig oder adipös, etwa ein Viertel ist fettleibig.[2] Ein ähnlich besorgniserregendes Bild zeigt sich bei der Diabetesprävalenz: Im aktuellen nationalen Gesundheitsbericht wird die Zahl der in Deutschland an Diabetes erkrankten Personen auf 6,7 Millionen geschätzt.[3] Im Vergleich zu 1998 entspricht das einer altersbereinigten Steigerung von mehr als 20 Prozent.[4]

Das verursacht nicht bloß physisches und psychisches Leid bei den Betroffenen, sondern auch einen erheblichen volkswirtschaftlichen Schaden – und Kosten für die deutschen Krankenkassen. Schätzungen zufolge führt Adipositas zu gesamtgesellschaftlichen (direkten und indirekten) Kosten in Höhe von 63 Milliarden Euro jährlich[5], Diabetes schätzungsweise zu Kosten in Höhe 35 Milliarden Euro[6].

Risikofaktor Fehlernährung

Eine unausgewogene Ernährung gilt als einer der wesentlichen Risikofaktoren für diese Entwicklung. Kinder im Alter von sechs bis elf Jahren verzehren im Schnitt etwa doppelt so viele Süßigkeiten und zuckergesüßte Getränke, aber weniger als halb so viel Obst und Gemüse, wie vom Forschungsinstitut für Kinderernährung (FKE) empfohlen.[7] Vor allem zuckergesüßte Getränke sind hier hervorzuheben. Der regelmäßige Konsum von Limonade & Co. erhöht das Risiko für die Entstehung von Übergewicht, Adipositas, Typ-2-Diabetes, Karies sowie weiterer chronischer Krankheiten wie koronaren Herzerkrankungen.[8],[9],[10],[11] Die Deutschen liegen beim Konsum zuckergesüßter Getränke mit etwa 84 Liter pro Kopf und Jahr im europäischen Vergleich an dritter Stelle. Mehr zuckergesüßte Getränke werden nur in Belgien und den Niederlanden getrunken.[12] Das Robert Koch-Institut stellte 2013 folgerichtig fest, „dass in Deutschland ein hohes Präventionspotenzial bezüglich des Konsums zuckerhaltiger Getränke besteht.“ Dies gelte „insbesondere für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene“.[13]

Ernährungsbildung wird massiv überschätzt

Es ist allgemein anerkannt, dass Kinder und Erwachsene sich ungesund ernähren. Es ist auch allgemein anerkannt, dass etwas gegen Fettleibigkeit und andere ernährungs-mitbedingte Krankheiten getan werden muss. Über diese Befunde wird wenig gestritten. Gestritten wird darüber, was getan werden sollte.

Aus Sicht der Lebensmittelwirtschaft ist die Antwort Bildung und Aufklärung. Der Chef-Lobbyist der Lebensmittelwirtschaft, Christoph Minhoff, sagt beispielsweise:

„Ernährungsbildung und Aktionen zur Förderung der Bewegung sind der Schlüssel zum Erfolg in Sachen Übergewichtsprävention.“[14]

Ähnlich äußert sich regelmäßig der Bundesernährungsminister Christian Schmidt. In einem Namensartikel für den Tagesspiegel schrieb Herr Schmidt beispielsweise:

„Ich lehne eine politische Steuerung des Konsums durch Werbeverbote und Strafsteuern für vermeintlich ungesunde Lebensmittel ab. Auch Strafsteuern ändern in der Regel nichts am Ernährungsverhalten der Menschen. (…) Stattdessen ist Bildung und ein hohes Maß an Transparenz für einen gesunden Lebensstil und eine gesunde Ernährungsweise wichtig.“[15]

Natürlich: Niemand hat etwas dagegen, Kinder und Jugendliche über gesunde Ernährung aufzuklären und ihnen die Folgen eines hohen Konsums von Schokoriegeln, Chips und Cola näher zu bringen. Doch Fakt ist: Ernährungsbildung allein ist keine effektive Maßnahme gegen Übergewicht und Fehlernährung, schon gar nicht auf Bevölkerungsebene. Das zeigen die Erfahrungen aus der Adipositas-Forschung der vergangenen Jahrzehnte.[16] Mit gutem Grund empfehlen die WHO und zahlreiche andere medizinische Fachgesellschaften Maßnahmen, die über Apelle und Bildungsangebote hinausgehen. Nicht zuletzt zeigt auch die TK-Ernährungsstudie 2017: Die Menschen wollen sich zwar gerne gesund ernähren, es wird ihnen jedoch schwer gemacht. Das muss sich ändern. Die gesunde Wahl muss zur einfacheren Wahl werden.

Was zu tun ist

Zahlreiche Länder sind schon deutlich weiter als Deutschland und ergreifen Maßnahmen gegen Fehlernährung, die über Bildungsangebote hinausgehen. Dänemark oder Finnland etwa zeichnen besonders gesunde Produkte mit einer extra Kennzeichnung aus, Schweden oder Chile beschränken die an Kinder gerichtete Werbung für ungesunde Lebensmittel und Länder wie Großbritannien bitten die Hersteller besonders zuckriger Getränke zur Kasse – wenn Unternehmen zu viel Zucker in die Getränke mischen, müssen sie bezahlen. Das ist fortschrittliche Präventionspolitik – und entspricht den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation. Die WHO hat vor einem Jahr ihren Bericht vorgelegt, wie Übergewicht bei Kindern verhindert werden kann und wirksame Maßnahmen gegen Fehlernährung gefordert. Die drei wichtigsten lauten:

  1. eine verbraucherfreundliche und verständliche Nährwertkennzeichnung
  2. eine gesetzliche Beschränkung der an Kinder gerichteten Werbung sowie
  3. eine Sonderabgabe/-steuer für zuckergesüßte Getränke[17].

Keine einzige dieser drei Forderungen der WHO wird aktuell von der Bundesregierung befürwortet. Die WHO-Generaldirektorin Margaret Chan hat im Jahr 2013 in einer vielbeachteten Rede ein solches Regierungshandeln kritisiert. Sie sagte:

„Kein einziger Staat hat es geschafft, die Fettleibigkeits-Epidemie in allen Altersgruppen zu stoppen. Hier mangelt es nicht an individueller Willenskraft. Hier mangelt es am politischen Willen, sich mit einer großen Industrie anzulegen.“[18]

Diesen klaren Worten ist – leider – nichts hinzuzufügen. Die Bundesregierung kuscht bislang vor der Lebensmittelwirtschaft und scheut sich, wirksame Maßnahmen zu ergreifen. Das muss sich ändern!

 

[1] Robert-Koch-Institut, KiGGS-Basiserhebung (2003-2006).

[2] Robert-Koch-Institut, 2015. Gesundheit in Deutschland. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Gemeinsam getragen von RKI und Destatis. Berlin: RKI.

[3] Robert-Koch-Institut, 2015. Gesundheit in Deutschland. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Gemeinsam getragen von RKI und Destatis. Berlin: RKI.

[4] Vgl. DiabetesDE – Deutsche Diabetes Hilfe. Zahlen und Fakten zu Diabetes: http://www.diabetes-stoppen.de/fakten/zahlen-und-fakten-zu-diabetes, Stand: 13.10.2016.

[5] Vgl. Effetz et al. The costs and consequences of obesity in Germany: a new approach from a prevalence and life-cycle perspective, The European Journal of Health Economics, 2014; https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26701837.

[6] Vgl. Köster et al. Häufigkeit und Kosten der Komplikationen und Begleiterkrankungen des Diabetes – Ergebnisse der KoDiM-Studie 2010. (2013) http://www.egms.de/static/en/meetings/dkvf2013/13dkvf240.shtml.

[7] Vgl. Robert Koch-Institut, Ernährungsstudie als KiGGS-Modul (EsKiMo), 2007. http://www.bmel.de/cae/servlet/contentblob/378624/publicationFile/25912/EsKiMoStudie.pdf.

[8] Vgl. Evidenzbasierte Leitlinie: Kohlenhydratzufuhr und Prävention ausgewählter ernährungs-mitbedingter Krankheiten (2011), Hauner et al., 2007: https://www.dge.de/wissenschaft/leitlinien/leitlinie-kohlenhydrate/.

[9] de Koning L, Malik VS, Kellogg MD, Rimm EB, Willett WC, Hu FB. Sweetened beverage consumption, incident coronary heart disease, and biomarkers of risk in men. Circulation 2012; 125:1735-41, S1.

[10] Fung TT, Malik V, Rexrode KM, Manson JE, Willett WC, Hu FB. Sweetened beverage consumption and risk of coronary heart disease in women. Am J Clin Nutr. 2009; 89:1037-42.

[11] Vgl. Council of European Dentists, CED Resolution, Sugar, May 2016.

[12] Vgl. European Healthy Lifestyle Alliance. The ICCR Global Sugar-Sweetened Beverage Sale Barometer unveils marked heterogeneity in unhealthy drinking patterns around the world. (2016): http://www.ehla-europe.eu/the-international-chair-on-cardiometabolic-risk/.

[13] Robert Koch-Institut, GBE kompakt 1/2013: Limo, Saft & Co – Konsum zuckerhaltiger Getränke in Deutschland.

[14] https://www.bll.de/de/presse/pressemitteilungen/pm-20150115-bll-begruesst-bildungsinitiative-ernaehrung-regierungs-fraktionen-cdu-csu-spd.

[15] http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/bundesernaehrungsminister-zu-werbeverboten-totalverbote-sind-verfassungsrechtlich-bedenklich/12312050.html.

[16] Müller JM (2013) Prävention von Übergewicht und Adipositas. Positionspapier des Kompetenznetzes Adipositas. Adipositas 7: 141-146.

[17] Vgl. World Health Organization. Report of the commission on ending childhood obesity. 2016. S. 10:http://apps.who.int/iris/bitstream/10665/204176/1/9789241510066_eng.pdf?ua=1.

[18]Übersetzung von foodwatch. Im Original: „Not one single country has managed to turn around its obesity epidemic in all age groups. This is not a failure of individual will-power. This is a failure of political will to take on big business.” Vgl. http://www.who.int/dg/speeches/2013/health_promotion_20130610/en/.

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