Anne Wunsch

Rätsel Migräne: „Schmerz ist wie ein Puzzlespiel“

Migräne ist nicht gleich Kopfschmerz. Während letzteres fast jeder schon einmal erlebte, ist die Migräne eine eigenständige, besonders ausgeprägte Form. Für Betroffene bedeutet dies oft eine starke Einschränkung im Alltag. Prof. Dr. Hartmut Göbel von der Schmerzklinik Kiel im Interview über seine Erfahrungen als Migräne-Experte und wie eine App den Patienten helfen kann.

Herr Prof. Göbel, täglich behandeln Sie Patienten, die unter Migräne leiden. Was weiß man mittlerweile über die Krankheit?

Die Wissenschaft hat in den letzten Jahren eine Fülle neuer Erkenntnisse erarbeitet. Es werden heute über 367 Hauptformen von Kopfschmerzen unterschieden, Migräne ist eine davon. Die Therapie erfordert daher einen hohen Spezialisierungsgrad und ein zeitgemäßes Wissen. Betroffene informieren sich heute intensiv im Internet und tauschen sich in sozialen Gemeinschaften aus. Der hohe Leidensdruck und die oft jahrzehntelangen Verläufe bedingen die stetige Suche nach Information.

Was bedeutet die Diagnose Migräne für die Betroffenen?

Jeden Tag sind allein in Deutschland etwa 900.000 Menschen von Migräneattacken betroffen. 100.000 Menschen sind wegen Migräneanfällen pro Tag arbeitsunfähig und bettlägerig. Kopfschmerzen zählen zu den häufigsten Gründen für kurzfristige Arbeitsunfähigkeit. Hinzu kommt der Produktivitätsverlust nicht bezahlter Arbeit im Haushalt, in der Kindererziehung oder in der Pflege Angehöriger. Das Risiko für Depression, Angsterkrankung und Suizid ist bei Migränepatienten außerdem drei bis sieben Mal, das Risiko für Herzkreislauferkrankungen, Herzinfarkt und Schlaganfall eineinhalb bis zwei Mal höher als bei Gesunden.

Prof. Hartmut Göbel von der Schmerzklinik Kiel zeigt die Migräne-App, die in Zusammenarbeit mit der TK entwickelt wurde.

Wie hilft die Migräne-App den Patienten?

Apps haben eine Reihe von Vorteilen gegenüber einer herkömmlichen Papierdokumentation. Das Smartphone hat man in der Regel ständig bei sich. So kann der Kopfschmerzverlauf unmittelbar dokumentiert werden. Aus den Daten kann die App übersichtliche Auswertungen und Berichte generieren und die Daten aggregieren. Diese Auswertungen können direkt für die Therapieentscheidung herangezogen werden. Die Verlaufs- und Erfolgskontrolle mit Smartphone-Applikationen hat sich als zuverlässiger als Papiertagebücher erwiesen.

Bringt die App auch den behandelnden Ärzten Vorteile?

Die App spielt im Arzt-Patienten-Kontakt eine sehr wichtige Rolle. Sie meldet aggregierte Informationen aus dem Datensatz zurück und hilft so den betreuenden Ärzten in der Verlaufs- und Erfolgskontrolle sowie bei der Therapieanpassung. Zusätzlich erfolgt die digitale Vernetzung von Betroffenen bundesweit durch Selbsthilfe-Communities. Der Arzt steht dadurch einem informierten und motivierten Patienten gegenüber, der aktiv handelt und nicht nur behandelt werden will.

Was passiert mit den Daten, die die Nutzer in die App eingeben?

Der Datenschutz ist ein sehr wichtiger Punkt. Uns geht es allein um den Service und den Nutzen für die Patienten. Deshalb werden die Eingaben nur lokal auf dem Gerät gespeichert. Auf diese Weise hat niemand Zugriff auf die Daten, außer dem Patienten. Der Nutzer entscheidet selbst, ob er die Daten an den Arzt weitergeben möchte. Daher ist auch keine Anmeldung erforderlich. Und die App ist kostenlos.

Sie behandeln seit mehr als 20 Jahren Migräne-Patienten. Wie wurde diese Krankheit zu Ihrem beruflichen „Lebensthema“?

Ich habe Medizin und Psychologie studiert – und der Schmerz ergab die Schnittmenge für meine wissenschaftliche Arbeit. Dazu kam die Erfahrung, dass Kopfschmerzen zu wenig beachtet werden und die Betroffenen unterversorgt sind. Die Motivation, dies zu ändern, hat mein berufliches Leben entscheidend beeinflusst. Schmerz ist wie ein Puzzlespiel: Ursachen und Folgen sind vielschichtig. Man muss sich als Therapeut Zeit für den Patienten nehmen, um das Rätsel zu lösen und ihm helfen zu können. Im Kieler Uniklinikum richtete ich eine Spezialsprechstunde für Kopfschmerzpatienten ein. Die Kopfschmerzambulanz wurde schnell beansprucht. Schnell wurde deutlich, dass die Patienten und die Therapie organisiert und koordiniert werden müssen, um erfolgreich in der Behandlung zu sein. Wir mussten ein eigenes Expertennetz aufbauen und Wissen bündeln, um eine integrierte koordinierte Versorgung zu schaffen. Heute behandeln wir in der Schmerzklinik in Kiel jedes Jahr sehr viele besonders schwerwiegende, komplexe Fälle – insgesamt mehr als 2.000 Patienten vollstationär und 6.000 ambulant.


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