Alle Artikel > Kindeswohlgefährdung? App hilft Ärzten

Kindeswohlgefährdung? App hilft Ärzten

25.09.2018

Ärzte in Sachsen können bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung seit Kurzem auf die App „Hans & Gretel“ zurückgreifen. Entwickelt wurde sie von einer Projektgruppe, der Vertreter der TK und der Sächsischen Landesärztekammer angehören. Wie es dazu kam und was die App kann.

4.208 – so viele Kinder wurden hierzulande laut Kriminalstatistik im Jahr 2017 Opfer von Gewalt. Die Dunkelziffer liegt vermutlich weit darüber. Oft fallen Anzeichen von Gewalt gegen Kinder erstmals beim Arztbesuch auf.

Doch wann ist eine Kindeswohlgefährdung – die nicht immer aus physischer, sondern auch psychischer Gewalt resultieren kann – gegeben? „Das zu entscheiden, ist oft schwierig“, erklärt Matthias Jakob von der TK in Sachsen. Der Arzt muss sich, unter Druck, viele Fragen stellen. Gibt es Ungereimtheiten bei der Unfallgeschichte? Verhalten sich Kind oder Erziehungsberechtigte auffällig? Wenn ja, wie gehe ich weiter vor?

„Ärzte erkennen nicht alle Fälle“

„Es gibt einen Ordner mit entsprechenden Unterlagen, den theoretisch jede Arztpraxis hat. Der ist natürlich selten in ständigem Gebrauch und vielleicht auch nicht immer griffbereit“, erklärt Jakob.

Prof. Guido Fitze, Ärztlicher Direktor der Uniklinik Dresden, sieht das ähnlich. „Ärzte erkennen nicht alle Fälle von Kindeswohlmissbrauch. Auch bestehen Unsicherheiten im Umgang. Den dicken Leitfaden auf Papier kennen nicht mal drei von vier Ärzten“, führt er im Rahmen der App-Vorstellung Ende September in Dresden aus.

Verbesserung der Prävention: „Print nicht mehr zeitgemäß“

Jakob und Fitze gehören der Projektgruppe an, die in Kooperation mit der Sächsischen Landesärztekammer und der TK mit dem Projekt „Verstetigung des medizinischen Kinderschutzes in Sachsen“ eigentlich zum Ziel hatte, den Leitfaden „Gewalt gegen Kinder” als Broschüre zu überarbeiten.

Aber: „Print ist einfach nicht mehr zeitgemäß“, sagt Jakob, da sei man sich schnell einig gewesen. So entstand die Idee zur App: Das Programm löst den Papierleitfaden ab, hilft mit Symptom-Beschreibung und Bildmaterial dabei, Gewaltfälle zu erkennen und unterstützt die Dokumentation und den Kontakt zu Meldestellen.

 

„Vor allem die Verfügbarkeit der App zu jeder Zeit an jedem Ort ist für mich im ärztlichen Alltag ein wesentlicher Vorteil gegenüber Broschüren und Formularen“, so Fitze.

Wie die App zu ihrem Namen kam

Warum eigentlich heißt die App „Hans & Gretel“? „Zum einen steht das Grimm’sche Märchen in der Gerichtsmedizin für alle möglichen Formen der Gewalt gegen Kinder“, führt Matthias Jakob aus. Und aus „Hänsel“ wurde „Hans“, da perspektivisch App-Erweiterungen für Gewaltopfer im Erwachsenen- und Pflegebereich geplant sind.

Außerdem gab es noch ein Argument für die Namensgebung: „Wenn man als Arzt diese App im Patientengespräch öffnet und ein Elternteil gegenüber sitzt, steht dort nicht gleich „Achtung Kindeswohlgefährdung!“, es kommt also nicht sofort zu Misstrauen, wenn man sich als Arzt erst einmal informieren möchte.“

Viel Ehrgeiz für „persönlich sinnstiftendes Projekt“

Für Matthias Jakob, selbst Vater von drei Kindern, war die Arbeit im Projekt und die konkrete Auseinandersetzung mit Vergleichsfällen manchmal schwer zu ertragen, wie er sagt. „Gleichzeitig bin ich dankbar, an einer so sinnstiftenden Arbeit beteiligt gewesen zu sein.“ Seit 2015 wurde am Projekt getüftelt. Ein wichtiger Punkt dabei: „Es soll nicht auf’s Geratewohl ein Verdacht ausgesprochen werden. Wir wollen aber sehr wohl für das Thema sensibilisieren und den Ärzten den Prozess erleichtern.“

„Hans & Gretel“ ist kostenfrei und über den Browser im Web und als mobile App erhältlich.

Kommentieren Sie als Erster diesen Artikel

    Weitere Artikel aus der Sammlung „Stories“

    0

    Konzept Portalpraxis: „Zu viele Berührungsängste“

    Konzept Portalpraxis: "Zu viele Berührungsängste"

    12.12.2018

    Viele Patienten steuern auch mit einfachen Gesundheitsproblemen direkt die Notaufnahmen der Krankenhäuser an. Das führt zur Überlastung der Einrichtungen - das Marienkrankenhaus in Hamburg hat deshalb ein Zentrum für Notfall- und Akutmedizin eingerichtet. Chefarzt Dr. Michael Wünning über die Hürden, die es zu überwinden gilt - und warum es sich trotzdem lohnt.

    Viele Patienten steuern auch mit einfachen Gesundheitsproblemen direkt die Notaufnahmen der Krankenhäuser an. Das führt zur Überlastung der Einrichtungen - das Marienkrankenhaus in Hamburg hat deshalb ein Zentrum für Notfall- und Akutmedizin eingerichtet. Chefarzt Dr. Michael Wünning über die Hürden, die es zu überwinden gilt - und warum es sich trotzdem lohnt.

    Artikel jetzt lesen
    0

    eSport – das Leben als virtueller Fußball-Profi

    Dominik ist virtueller Fußball-Profi

    26.11.2018

    Hohe Preisgelder, ausverkaufte Hallen, Fernsehübertragungen: eSport boomt. Wie Dominik Schwenk im Nebenjob mit FIFA-Spielen Geld verdient.

    Hohe Preisgelder, ausverkaufte Hallen, Fernsehübertragungen: eSport boomt. Wie Dominik Schwenk im Nebenjob mit FIFA-Spielen Geld verdient.

    Artikel jetzt lesen
    0

    Mein Freund, der Roboter: Altenpflege 4.0

    Mein Freund, der Roboter: Altenpflege 4.0

    23.11.2018

    Wie sieht die Pflege der Zukunft aus? Wer kümmert sich um uns, wenn wir es selbst nicht mehr können? Mit diesen Fragen hat sich das 7. MEDICA ECON FORUM by Techniker Krankenkasse befasst. Die Prognosen klingen ernüchternd: Es gibt immer mehr alte Menschen, aber nicht genügend Pflegepersonal. Können Pflege-Roboter helfen?

    Wie sieht die Pflege der Zukunft aus? Wer kümmert sich um uns, wenn wir es selbst nicht mehr können? Mit diesen Fragen hat sich das 7. MEDICA ECON FORUM by Techniker Krankenkasse befasst.

    Artikel jetzt lesen
    0

    Wir sagen Plastikmüll den Kampf an

    #netzgegenplastik - einfach engagieren

    07.11.2018

    #netzgegenplastik - gemeinsam mit den FC St. Pauli Kiezhelden ruft die TK zum Kampf gegen den Plastikmüll auf. 

    #netzgegenplastik - gemeinsam mit den FC St. Pauli Kiezhelden ruft die TK zum Kampf gegen den Plastikmüll auf. 

    Artikel jetzt lesen
    0

    Pendeln geht auf die Psyche

    Pendeln geht auf die Psyche

    06.11.2018

    Viele kennen das: Schon in der Dunkelheit aufbrechen und im Dunkeln nach Hause kommen - gerade im Winter für Berufspendler Alltag. Was macht das mit uns?

    Viele kennen das: Schon in der Dunkelheit aufbrechen und im Dunkeln nach Hause kommen - gerade im Winter für Berufspendler Alltag. Was macht das mit uns?

    Artikel jetzt lesen
    0

    Werde Lebensretter!

    Sei Lebensretter!

    19.10.2018

    Erleidet jemand einen Herz-Kreislauf-Stillstand, zählt jede Sekunde. Doch nur in rund 40 Prozent der Notfälle trauen sich Ersthelfer, eine Reanimation durchzuführen. Dabei ist Erste Hilfe gar nicht so schwer. 

    Erleidet jemand einen Herz-Kreislauf-Stillstand, zählt jede Sekunde. Doch nur in rund 40 Prozent der Notfälle trauen sich Ersthelfer, eine Reanimation durchzuführen. Dabei ist Erste Hilfe gar nicht so schwer. 

    Artikel jetzt lesen
    0

    Vollzeit studieren und nebenbei arbeiten: „Das belastet mich extrem“

    Vollzeit studieren und nebenbei arbeiten: "Das belastet mich extrem"

    10.10.2018

    Studierende feiern viel, schlafen lange und gehen ab und zu mal an die Uni, so das gängige Vorurteil. Denen muss es ja gut gehen? Stimmt nicht: Viele klagen über Stress und Zukunftsängste, eine Studie bescheinigt Studierenden eine vergleichsweise hohe psychische Belastung. Luisa und Benjamin erzählen aus ihrem Alltag.

    Studierende feiern viel, schlafen lange und gehen ab und zu mal an die Uni, so das gängige Vorurteil. Denen muss es ja gut gehen? Stimmt nicht: Viele klagen über Stress und Zukunftsängste, eine Studie bescheinigt Studierenden eine vergleichsweise hohe psychische Belastung. Luisa und Benjamin erzählen aus ihrem Alltag.

    Artikel jetzt lesen
    0

    Gesundheit auf dem Campus (er-)leben

    Gesundheit auf dem Campus (er-)leben

    20.07.2018

    Auf dem Campus Berlin-Buch ist ein besonderes Projekt gestartet: 13 Unternehmen gestalten gemeinsam ihr Betriebliches Gesundheitsmanagement. Die TK unterstützt das Angebot.

    Auf dem Campus Berlin-Buch ist ein besonderes Projekt gestartet: 13 Unternehmen gestalten gemeinsam ihr Betriebliches Gesundheitsmanagement. Die TK unterstützt das Angebot.

    Artikel jetzt lesen
    0

    Das Vermächtnis des Herrn Semmelweis

    Das Vermächtnis des Herrn Semmelweis

    02.07.2018

    Jährlich erkranken rund 500.000 Patienten in deutschen Krankenhäusern an einer Infektion. Die Folgen sind für Betroffene mitunter gravierend. Auch das Gesundheitssystem wird mit unnötigen Kosten belastet. Doch es gibt eine einfache wie wirksame Gegenmaßnahme: Sie geht zurück auf den 1818 geborenen Arzt Ignaz Semmelweis, den "Retter der Mütter".

    Jährlich erkranken rund 500.000 Patienten in deutschen Krankenhäusern an einer Infektion. Die Folgen sind für Betroffene mitunter gravierend. Auch das Gesundheitssystem wird mit unnötigen Kosten belastet. Doch es gibt eine einfache wie wirksame Gegenmaßnahme: Sie geht zurück auf den 1818 geborenen Arzt Ignaz Semmelweis, den "Retter der Mütter".

    Artikel jetzt lesen