Nicole Battenfeld

Bessere Geburtshilfe = weniger Kaiserschnitte?

In den Niederlanden kommen weit weniger Babys per Kaiserschnitt zur Welt als in Deutschland. Was machen unsere Nachbarn anders?

Mit 16 Prozent haben die Niederlande fast die niedrigste Kaiserschnittrate aller OECD-Länder*, nur in Island (15 Prozent) kommen noch mehr Babys auf natürlichem Weg zur Welt. Der Durchschnitt aller 24 Staaten liegt bei 27 Prozent; in Deutschland wird fast jedes dritte Kind (31 Prozent) per Kaiserschnitt auf die Welt geholt.

Am Liebfrauen-Krankenhaus Amsterdam wurde die Delegation aus Deutschland (mit Andreas Vogt, 5. v. r.) unter anderen von Gynäkologin Eline von den Akker (ganz rechts) und Chefarzt Rob Hardeman (2. v. r.) empfangen.

Deutschland will nachbessern. In Baden-Württemberg beispielsweise gibt es einen „Runden Tisch Geburtshilfe“, angesiedelt im Landesministerium für Soziales und Integration unter Leitung von Staatssekretärin Bärbl Mielich. Dort hat man sich ein Vorbild ausgeguckt, nicht weit von uns entfernt – und Andreas Vogt, Leiter der TK-Landesvertretung, schloss sich kurzerhand der Delegationsreise an: Auf in die Niederlande!

Komfortable Geburtsräume mit eigener Kitchenette

Zahlreiche niederländische Experten – Ärztinnen und Ärzte, Hebammen und Gesundheitspolitiker – erklärten den Besuchern aus Deutschland genau, wie die Versorgungsstruktur in der holländischen Geburtshilfe aufgebaut ist. Und natürlich gab es praktische Beispiele zu sehen: „Im Liebfrauen-Krankenhaus in Amsterdam konnten wir komfortable Geburtsräume mit eigener Kitchenette, mobilem Internetzugang und einer aufklappbaren Badewanne für Geburten im Wasser bestaunen“, berichtet Andreas Vogt.

Die Geburtshilfe-Akademie in Amsterdam erlebte er als eine moderne Hebammen-Hochschule mit großzügigen Übungsräumen, technisch modern ausgestatteten Hörsälen und einer umfassenden Bibliothek.

Die Kooperationskultur aller Beteiligten ist beeindruckend. Durch die gut organisierte Zusammenarbeit haben alle mehr Spaß und es gibt kaum Konflikte. Davon profitieren auch Mutter und Kind.

Andreas Vogt

Hebammen sind akademisch ausgebildet

Denn in den Niederlanden ist längst Realität, was auf europäischer Ebene bereits festgelegt und nun von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zur Stärkung der Geburtshilfe auch für Deutschland angekündigt wurde: Hebammen sind akademisch ausgebildet und agieren weitgehend auf Augenhöhe mit Medizinern. Andreas Vogt überzeugt das Konzept.

Betreuung der Mütter als bruchloser Prozess

Anscheinend gelingt es den Hebammen nach einem Studium auch besser, den werdenden Müttern die Angst vor einer natürlichen Geburt zu nehmen. „Werdende Mütter erleben dort die Betreuung in der Schwangerschaft, bei der Geburt und die obligatorische Nachsorge als bruchlosen Prozess – das ist ein großes Plus“, brachte Vogt als wesentliche Erkenntnis mit.
Trotzdem könne man die Versorgungsstruktur aus den Niederlanden nicht eins zu eins nach Deutschland übertragen. So gebe es dort keine niedergelassenen Frauenärzte, die hierzulande einen festen Bestandteil der Geburtsversorgung bilden.

Mut machen zu einer natürlichen Geburt

Das Beispiel der Niederlande zeigt, dass gute Organisation und attraktive Betreuungsangebote für Schwangere und Wöchnerinnen wesentlich dazu beitragen, Frauen Mut zu einer natürlichen Geburt zu machen.
Aber es gibt auch andere Aspekte, die man berücksichtigen muss: Der TK-Geburtenreport von 2017 hat nach der Auswertung von fast 39.000 Geburten festgestellt, dass insbesondere werdende Mütter mit Vorerkrankungen wie Ängsten oder Depressionen den Kaiserschnitt wählen.
Wenn es jedoch darum geht, die Zahl der Kaiserschnitte auf das medizinisch notwendige Maß zu reduzieren, lohnt sich der Blick über den Tellerrand.

*Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung


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