Warum ist eine ärztliche (digitale) Zweitmeinung vor einer geplanten Rücken-OP wichtig?
In erster Linie ist es für die betroffenen Menschen wichtig. Idealerweise bestätigt die Zweitmeinung die erste Empfehlung. Somit können übrige Zweifel ausgeräumt werden und der Patient oder die Patientin steht hinter der Entscheidung. Außerdem geht es darum, unnötige Operationen zu vermeiden. Denn häufig lässt sich die Erkrankung auch konservativ und damit schonender behandeln – zum Beispiel per Physiotherapie, Änderungen im Lebensstil oder durch lokale schmerzstillende Spritzen, sogenannte Infiltrationen.
Aber auch aus ärztlicher Sicht ist die Zweitmeinung wichtig. Ärztinnen und Ärzte sollten nicht zu stolz sein, sie aktiv anzubieten. Ich empfehle immer eine Zweitmeinung, weil ich froh bin, wenn Patientinnen und Patienten sich noch einmal informieren. Das macht klar: Ich überrede niemanden zum Eingriff.
Prof. Dr. med. Max Scheyerer, Leitender Arzt für Wirbelsäulenerkrankungen und
Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie
Wie funktioniert das Angebot einer Zweitmeinung von DocRobin?
DocRobin basiert auf einem Chatdialog, der die aktuellen medizinischen Leitlinien vollständig abbildet. Die Patientin oder der Patient meldet sich über die DocRobin‑Plattform an und wird von einem digitalen Avatar durch den Dialog geleitet. Wichtig ist, dass bereits eine klare Diagnose gestellt wurde und ein konkreter OP‑Plan vorliegt. Außerdem können die Patientinnen und Patienten ihre radiologischen Aufnahmen und Befunde hochladen. Spezialisierte Ärztinnen und Ärzte begutachten dann die medizinischen Unterlagen und erstellen ein Zweitmeinungs-Gutachten. Diese Einschätzung können die Betroffenen dann nutzen, um mit ihren behandelnden Ärztinnen und Ärzten das weitere Vorgehen zu besprechen.
Welche Rolle könnte Künstliche Intelligenz (KI) in Zukunft bei der Zweitmeinung und Schmerzbehandlung spielen?
Ich finde es sehr spannend, wenn KI uns zukünftig sagen könnte, wie wahrscheinlich die Therapie, die wir Patientinnen und Patienten vorschlagen, wirklich wirkt.
Nehmen wir das Beispiel Skoliosen, also Wirbelsäulenverkrümmungen. Ab einem gewissen Krümmungsgrad bleiben manche Skoliosen stabil, andere verschlechtern sich weiter. Wir wollen natürlich nur diejenigen behandeln, die voraussichtlich ein hohes Risiko für eine Verschlechterung haben. Wenn die KI anhand der vorhandenen Befunde und weiterer Daten vorhersagen könnte, wer in die Risikogruppe fällt, könnten wir gezielt behandeln und bei den Menschen, bei denen die Prognose gut ist, von einer Therapie absehen.
Ein weiteres Feld ist die Schmerzlokalisation. Im Vergleich zur Hüfte, bei der die Schmerzquelle meist eindeutig ist, hat die Wirbelsäule pro Segment mehrere Gelenke. Heute tasten wir mit vielen Infiltrationen nach dem „Schmerzgenerator“. Eine KI, die die Bildgebung auswertet, könnte uns bereits im Vorfeld zeigen, in welchem Segment der Schmerz wahrscheinlich entsteht, und wir könnten gezielter behandeln.
Was würden Sie jemandem mitgeben, der gerade über eine Rücken-OP nachdenkt?
Zunächst muss man genau schauen, woher der Schmerz kommt – nicht jede Rückenoperation ist gleich. Deshalb ist mein erster Rat, sich zu fragen, ob wirklich alle konservativen Therapiemaßnahmen ausgeschöpft sind. Dazu gehört zunächst eine ausführliche Physiotherapie, idealerweise mit stabilisierenden Übungen. Wenn es einen Spinalkanal‑Stenose‑Verdacht gibt, werden oft spezielle Bewegungsübungen eingesetzt. Ein weiterer Punkt ist das Lebensstilmanagement. Oft kann allein eine Gewichtsreduktion den Rückenschmerz deutlich reduzieren. Deshalb sollten Betroffene ehrlich prüfen, ob ihre täglichen Gewohnheiten – zum Beispiel Bewegungs‑ und Ernährungsgewohnheiten – noch Verbesserungspotenzial bieten. Die OP sollte das letzte Mittel der Wahl sein. Ob es noch schonendere Alternativen gibt, kann die Zweitmeinung intensiv prüfen.