Dr. Jens Baas

Die Zukunftsfähigkeit des Solidarsystems steht auf dem Spiel

Die gesetzliche Krankenversicherung ist eine zentrale Säule des Sozialstaats. Sie fußt vor allem auf einem Prinzip: Solidarität. Kurzsichtiges politisches Handeln gefährdet diesen gesellschaftlichen Grundwert, ist TK-Chef Dr. Jens Baas überzeugt.

„Beitragsschock“ und „explodierende Kosten“: Wer derzeit den gesetzlichen Krankenkassen in den Medien begegnet, liest vor allem Negativschlagzeilen. Diese Entwicklungen kommen keinesfalls plötzlich und unerwartet. Die Ursachen sind lange bekannt: halbherzig umgesetzte Reformen, vertagte Strukturfragen und politische Kompromisse. Strukturelle Probleme werden dabei oft mit Geldspritzen ins System übertüncht. Und „mehr Geld“ heißt hier: Beitragsgelder der Versicherten und Arbeitgeber. Diese politische Kurzsichtigkeit riskiert einen Vertrauensverlust in das Prinzip Solidarität.

Dabei basiert das gesamte System der gesetzlichen Krankenversicherung auf dem Grundsatz der Solidarität. Die Beiträge der Mitglieder richten sich nicht nach ihrem individuellen Risiko, sondern einzig nach ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit. Die Leistungen sind für alle Versicherten gleich. Das eigene Einkommen, das Alter oder das individuelle Gesundheitsrisiko spielen dabei keine Rolle. Es ist ein grundlegend anderes System als bei vielen anderen Versicherungen, insbesondere auch im Vergleich zur privaten Krankenversicherung.

Wie viel dieses Prinzip den Menschen in Deutschland bedeutet, zeigt eine aktuelle repräsentative Umfrage des GKV-Spitzenverbands im Auftrag der gesetzlichen Krankenversicherungen. So sehen 80 Prozent die GKV als wichtigen Teil des Sozialstaats an, 73 Prozent befürworten das finanzielle Solidarprinzip – das gemeinsame Tragen der Kosten über alle Versicherte hinweg. 83 Prozent sind der Meinung, dass alle Versicherten – unabhängig von ihrer Lebenslage – den gleichen Anspruch auf Versorgung haben sollten.

Setzt man die Zukunftsfähigkeit dieses Solidarsystems aufs Spiel, riskiert man mehr als nur die Sicherheit, dass alle Menschen im Krankheitsfall versorgt werden. Man riskiert die Stabilität eines Systems, das zwar sicherlich reformbedürftig ist, aber in dem auch viele motivierte und hochqualifizierte Menschen jeden Tag ihre Patientinnen und Patienten engagiert betreuen. Und es schwächt auch den Zusammenhalt in der Gesellschaft, denn nichts anderes bedeutet Solidarität: Zusammenhalt.

Schon zu lange gilt das Motto „Im Zweifel zahlen die Beitragszahlenden“

Umso unverständlicher ist daher der politische Umgang mit der Finanzierung von Gesundheit in den vergangenen Legislaturperioden. Der erinnerte bisweilen an einen Einkauf mit fremden Kreditkarten. Nach dem Prinzip “im Zweifel zahlen die Beitragszahlenden“, trieben teure Gesetze wie das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) die Ausgaben in die Höhe, ohne dass die Versorgung für die Menschen spürbar besser wurde.

Großzügigkeit fällt leichter, wenn man die Rechnung am Ende nicht selbst begleichen muss. Die Folge: Viel Geld fließt in das System, wird aber ineffizient verteilt und nicht gezielt in eine passgenaue Versorgung gesteckt. Indessen sind wir an einem Punkt, an dem die Besitzerinnen und Besitzer dieser Kreditkarte – die Beitragszahlenden – stark belastet sind. Der Anteil der Sozialversicherungsabgaben hat die 42-Prozent-Marke überschritten und steigt weiter. Dabei galten die 40 Prozent lange als maximale Belastungsgrenze. Und: Immer mehr zu zahlen, ohne dafür mehr zu bekommen, erzeugt Unzufriedenheit mit dem System. Dass die Zukunftssorgen bereits da sind, zeigt die Umfrage ebenso:  66 Prozent der Befragten machen sich große oder sogar sehr große Sorgen um die finanzielle Stabilität der GKV.

Wie wir die GKV zukunftsfest machen

Die Befragung zeigt deutlich: Das Vertrauen ins Solidarsystem ist da – aber auch die Sorge um dessen Zukunft. Aus beidem ergibt sich der dringende Handlungsbedarf: Wir brauchen endlich eine nachhaltige Finanzpolitik, die strukturelle Probleme angeht. Diese muss aus drei Schritten bestehen:

  1. Schnell wirksame Sofortmaßnahmen beschließen, um die Beitragsspirale zu stoppen.
  2. Sinnvolle Reformen der Versorgungsstrukturen auf den Weg bringen, damit unser Gesundheitssystem mittel- und langfristig effizienter wird.
  3. Künftige gesundheitspolitische Entscheidungen auf Kosten der Beitragszahlenden einer Kosten-Nutzen-Prüfung unterziehen, damit sich die Beitragsspirale nicht immer weiter dreht.

Mehr zur Umfrage

Die repräsentative Onlineumfrage im Auftrag des GKV-Spitzenverbandes wurde im September und Oktober 2025 durchgeführt. Dazu befragte das Meinungsforschungsinstitut essentiq bundesweit insgesamt 2.000 Personen ab 18 Jahren.



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2 Kommentare

  • Dr. D. Weyers

    Ja, es ist ungeheuerlich, wie unsere Regierungen dieses Problem immer wieder weiter verschärfen, statt es endlich zu lösen.

    Allerdings stimmt es ja leider nicht, wenn Sie schreiben: „Die Beiträge der Mitglieder richten sich (…) einzig nach ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit.“.

    Selbstständige zahlen als freiwillig Versicherte in der GKV oft ein Vielfaches (!) von dem, was Angestellte verbeitragen. Denn:

    1. Schon auf ihren Gewinn zahlen sie nicht nur Arbeitgeber- und Arbeitnehmeranteil zusammen, also 200% von dem, was Angestellte zahlen, sondern ca. 220% dessen, da ihre Beiträge nicht nach dem Äquivalent zum Arbeitnehmerbrutto berechnet werden, sondern quasi auf das Arbeitgeberbrutto.

    2. Sie zahlen ihre Beiträge obendrein auch auf Zinsen, Dividenden, ggf. Mieteinnahmen oder Nebenjobs, ja sogar auf Depotwechselprämien, das alles bis zur Beitragsbemessungsgrenze von 2025: 66.150 €.

    Diese Regelung trifft also Hunderttausende vor allem ‚kleinere‘ Selbstständige, wie z. B. den Kioskbesitzer von nebenan, zahlreiche Handwerker:innen oder die nette Tanzlehrerin und viele, die nur in Teilzeit erwerbstätig sein können, weil sie gesundheitlich eingeschränkt sind oder selbst Care-Arbeit leisten. Wie viele davon Frauen und wie viele Männer sind wird leider nicht erhoben.

    Für Pflichtversicherte ist die Vorstellung mehr als 20% ihrer Zinsen etc. an die TK weiterzureichen vermutlich sehr befremdlich: Das sind ab 2026 ca. 23 € pro 100 €, die sie ganz solidarisch behalten dürfen, während kinderlose Selbstständige dies für KV und PV an die ‚Solidargemeinschaft‘ abtreten.

    So behindert diese Regelung viele Selbstständige beim Aufbau ihrer Alterssicherung, obwohl gerade sie besonders auf eine private Alterssicherung angewiesen sein werden. Altersarmut wird hier geradezu provoziert.

    Wenn Sie also schreiben “die Beiträge der Mitglieder richten sich (…) einzig nach ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit.“, so erscheint mir dies, pardon, wie ein Hohn für alle die, hier sehr viel höhere Beiträge zahlen als ihre pflichtversicherten Kolleg:innen.

  • Reinhold Horn

    Zum Kommentar von
    Dr. D. Weyers 20.12.2025 um 17:43
    Allerdings stimmt es ja leider nicht, wenn Sie schreiben: „Die Beiträge der Mitglieder richten sich (…) einzig nach ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit.“.

    Er hat völlig recht!
    Wir heutigen Rentner, die mit unseren eigenfinanzierten Direktversicherungen verantwortungsvoll Altersvorsorge getätigt haben, werden seit dem GMG von 2004 schon lange überproportional stark belastet (abgezockt)
    offenbar damit sich der Bund seiner Zahlungen für versicherungsfremde Leistungen entziehen kann. Nur blöd, die Abzocke reicht jetzt nicht mehr.