Natalie Hahn

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind keine Männersache!

Herz-Kreislauf-Erkrankungen zählen zu den häufigsten Todesursachen bei Frauen. Meistens weil sie zu spät erkannt werden. Ein Grund dafür: Die Symptome äußern sich anders als bei Männern. Prof. Dr. Christiane Tiefenbacher erklärt, warum das so ist und welche versteckten Warnsignale es gibt.

Professorin Dr. med. Christiane Tiefenbacher, Chefärztin der Klinik für Kardiologie, Angiologie und Pneumologie am Marien-Hospital in Wesel und Vorstandsmitglied bei der Deutschen Herzstiftung.

Frau Prof. Tiefenbacher, warum wird das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen so unterschätzt – trotz höherer Todeszahlen als etwa bei Brustkrebs?

Das Thema Krebs ist sehr emotional belastet, weil das so eine „unheimliche“ Erkrankung ist. Deshalb haben die Menschen oft nicht so viel Angst vor den Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie vor dem Krebs. Aber die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Als Todesursache sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich häufiger als alle Krebserkrankungen – bei Frauen wie bei Männern.

Ein weiterer Aspekt ist, dass Herzinfarkte häufig als „Männerkrankheit“ gesehen werden: Der gestresste Manager kriegt einen. Viele Frauen haben aber genauso starke Belastungen, oft in der Doppelrolle als Mutter und Berufstätige.

Und auch die ersten Symptome äußern sich bei Frauen anders. Sie haben oft nicht den klassischen starken Druck auf der Brust wie es ihn häufig bei Männern gibt, sondern Übelkeit, Rückenschmerzen oder Abgeschlagenheit. Das kann dazu führen, dass die Frauen selbst, aber auch behandelnde Ärztinnen und Ärzte, vielleicht nicht als erstes an einen Herzinfarkt denken. Hierzu gibt es Auswertungen aus Notambulanzen, die zeigen, dass die Diagnose Herzinfarkt bei Frauen oft viel später gestellt wird als bei Männern. Und das führt dann wiederum dazu, dass die Behandlung später eingeleitet wird und die Sterblichkeit in der Akutphase bei Frauen höher ist.

Welche Warnsignale sollten Frauen unbedingt ernst nehmen – und wie entscheidend sind die ersten Stunden?

Beim Herzinfarkt hat man genau sechs Stunden, um Herzmuskelgewebe zu retten. Nach sechs Stunden ist es abgestorben und vernarbt dann, so dass der Herzmuskel nicht mehr richtig pumpen kann. In der Folge kann dann auch eine Herzmuskelschwäche auftreten.

Wenn Frauen also das Gefühl haben: „Irgendwas stimmt mit mir nicht, ich habe Beschwerden, die ich überhaupt nicht kenne, ich fühle mich insgesamt sehr unwohl, ich bekomme einen Schweißausbruch, ich habe Magenschmerzen und vielleicht auch sogar Druck auf der Brust“ – dann sollten sie hellhörig werden. Wenn es ihnen ganz schlecht geht, dann sollten sie sich in die Notaufnahme begeben oder zumindest zum Hausarzt, um einen Check-up durchzuführen.

HerzFit-App: Die digitale Unterstützung für die individuelle Herzgesundheit

Die TK-geförderte HerzFit-App der Deutschen Herzstiftung bietet eine digitale Unterstützung, um die individuelle Herzgesundheit zu verbessern. Die App ist sowohl geeignet für Menschen, die einer Herz-Kreislauf-Erkrankung vorbeugen möchten als auch für Betroffene, bei denen bereits eine Herzerkrankung diagnostiziert wurde.

Welche besonderen Risikofaktoren spielen bei Frauen eine Rolle – und wie können sie frühzeitig gegensteuern?

Generell sind die üblichen Risikofaktoren für beide Geschlechter gleich: Zuckerkrankheit, Bluthochdruck, Cholesterin, Rauchen und Übergewicht. Eine aktuelle Studie zeigt etwa: Wer im Alter von 50 Jahren ohne diese Risikofaktoren lebt, hat eine 14 Jahre höhere Lebenserwartung als jemand mit diesen Risikofaktoren. Wir haben unser Schicksal also zu einem großen Teil selbst in der Hand.

Bei Frauen im Speziellen ist es so, dass sie lange Zeit durch die Östrogene geschützt sind und deshalb die Infarkte eher zehn Jahre später auftreten als bei Männern. Man hat vor diesem Hintergrund überlegt, ob es sinnvoll ist, auch Hormone zu substituieren. Aber Hormone haben zumindest in höherem Alter auch gegenteilige Effekte. Deshalb ist eine Hormonersatztherapie bei dem Großteil der Patientinnen nicht sinnvoll.

Was müsste sich gesellschaftlich ändern, damit die Herzgesundheit von Frauen nachhaltig verbessert wird?

Erstens ist es wichtig, dass das Thema Herzgesundheit von Frauen diskutiert wird und beispielsweise durch Aktionstage wie den „GoRed-Day“ Aufmerksamkeit findet. Als Zweites müssen bei pharmakologischen Studien die Geschlechtsaspekte berücksichtigt werden, da bislang überwiegend Männer untersucht wurden. Wir haben aber jetzt schon einige Beispiele für Krankheitsbilder, bei denen Unterschiede in der richtigen Dosierung der Medikamente, aber auch in der Art der Medikamente bestehen. Diese Unterschiede zwischen den Geschlechtern sollten auch Bestandteil der Lehre im Medizinstudium sein.

Und als Drittes gilt für beide Geschlechter: Prävention. Damit sollte man nicht erst in fortgeschrittenem Lebensalter beginnen, wenn man vielleicht schon Krankheiten hat, sondern am besten schon ganz früh in der Schule. Bereits hier sollte man sich den Fragen widmet: „Wie lebe ich gesund, und wie kann ich verhindern, dass ich später krank werde?“

Zur Person

Professorin Dr. med. Christiane Tiefenbacher ist Chefärztin der Klinik für Kardiologie, Angiologie und Pneumologie am Marien-Hospital in Wesel. Zudem ist sie als Vorstandsmitglied bei der Deutschen Herzstiftung tätig.



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