Laura Hassinger

Gesundheitspolitik zwischen Reformdruck und Polarisierung

Unser politisches Gefüge ist spürbar ins Wanken geraten. Die Polarisierung nimmt zu, Diskurse verhärten sich – und das betrifft auch die Debatten über unser Gesundheitswesen. Gerade jetzt, wo der Reformdruck auf das System riesig ist, stellt sich die Frage: Wie bewahren wir den konstruktiven Dialog?

Im Rahmen der Herbstsitzung 2026 des TK-Verwaltungsrats haben wir gemeinsam mit den Demokratie-Experten Prof. Dr. Wolfgang Schroeder und Prof. Dr. Hans Vorländer über dieses Spannungsfeld diskutiert.

"Wir erleben quasi das Ende der Demokratie, wie wir sie kannten." - Prof. Vorländer

Warum driftet unsere Gesellschaft auseinander und was können wir dagegen tun?

Prof. Schroeder: Viele Menschen haben das Gefühl, dass der Staat nicht mehr liefert und die eigene Stimme nicht mehr zählt. Wenn Politik als statisch wahrgenommen wird und die Bedürfnisse der Bürger nicht mehr abholt, entsteht ein gefährliches Vakuum. Das Recht ist von und für Menschen gemacht und muss verändert werden, wenn es diese nicht mehr abholt.

Prof. Vorländer: Politik ist immer auch bestimmt von Gefühlen. Und diese Empörungsmuster, die Prof. Schroeder hier schildert, verdrängen oft rationale, pragmatische Lösungen. Verstärkt wird das durch die Digitalisierung: In sozialen Medien entstehen Teilöffentlichkeiten, die zwar intern intensiv, aber kaum noch miteinander kommunizieren. Das macht Regieren extrem schwer. Wir erleben quasi das Ende der Demokratie, wie wir sie kannten. Umso wichtiger sind Institutionen wie die soziale Selbstverwaltung in der GKV, die als Brückenbauer fungieren.

"Frust im Wartezimmer bereitet den Boden für Populismus." - Prof. Schroeder

Wie stark beeinflusst ein funktionierendes Gesundheitssystem die Stabilität unserer Demokratie?

Prof. Schroeder: Enorm. Das Gesundheitssystem ist die Basis unserer Lebensqualität. Wer merkt, dass der Zugang zum Arzt hakt oder die Versorgungsqualität sinkt, verliert schnell das Vertrauen in den Staat. Frust im Wartezimmer bereitet den Boden für Populismus. Dabei haben wir in Deutschland weniger einen Ärztemangel als vielmehr eine mangelhafte Verteilung – zu viele Praxen um die Opernhäuser, zu wenige um die Bauernhäuser. Auch in der Krankenhauslandschaft sind längst nicht alle Strukturen optimal. Wir müssen in allen Versorgungsbereichen ehrlich debattieren, wie wir Effizienz steigern, ohne den Sozialstaat zu schmälern.

Prof. Vorländer: Das bestätigt die Wissenschaft: Es gibt einen messbaren Zusammenhang zwischen mangelnder Daseinsvorsorge – besonders im ländlichen Raum – und rechtsextremem Wahlverhalten. Ein ungleicher Zugang zur Versorgung wird als soziale Ungerechtigkeit wahrgenommen. Deshalb ist es essenziell, dass Krankenkassen, Ärzteschaft und Kliniken gemeinsam strukturelle Lösungen finden.

Ein Beispiel für konstruktive Zusammenarbeit ist die soziale Selbstverwaltung in der GKV. Welchen Wert hat dieses Modell heute?

Prof. Vorländer: Die Selbstverwaltung ist ein großes Gut, das es unbedingt zu stärken gilt. Hier ringen gewählte Vertreterinnen und Vertreter von Arbeitgebern und Versicherten gemeinsam um die beste Lösung. Ich wünsche mir jedoch noch mehr Mut zu einer klaren Positionierung im Sinne der Beitragszahlenden – als notwendiges Gegengewicht zu starken Lobbygruppen, beispielsweise aus Pharma und Klinikwirtschaft. 

Prof. Schroeder: Das sehe ich genauso. Die Selbstverwaltung beweist, dass gemeinsame Lösungen trotz unterschiedlicher Interessen funktionieren. Das ist gelebte Demokratie. Sie schützt damit aktiv unsere offene Gesellschaft und den Rechtsstaat. 

Herzlichen Dank Prof. Schroeder und Prof. Vorländer!

Zu den Personen

Prof. Dr. Wolfgang Schroeder ist Politikwissenschaftler an der Universität Kassel. Er forscht zu den Themen Demokratie, Parteien, Verbände, Gewerkschaften und Sozialpolitik. Zudem ist er Research Fellow am Wissenschaftszentrum Berlin und Vorsitzender des Progressiven Zentrums. 

Prof. Dr. Hans Vorländer ist Seniorprofessor für Politikwissenschaft an der TU Dresden mit den Forschungsschwerpunkten politische Theorie, Demokratie, Verfassung und Migration. Zudem leitet er das Mercator Forum Migration und Demokratie sowie das Zentrum für Verfassungs- und Demokratieforschung.



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