Katharina Lemke

„Es selbst meistern“: Das kann der TK-Depressions-Coach

Neben „Rücken“ oder „Zucker“ stehen Depressionen auf die Liste der Volkskrankheiten ganz oben. Etwa ein Fünftel der Bevölkerung erkrankt im Laufe des Lebens an einer Depression. Doch nur ein Bruchteil von ihnen wird angemessen behandelt.

Die Gründe dafür sind so vielfältig wie das Krankheitsbild Depression selbst: Schwierigkeiten, eine passende Therapie zu finden. Gefühlte und tatsächliche Hürden, eine Behandlung überhaupt in Anspruch zu nehmen.
Der Depressions-Coach, den die TK seit 2013 gemeinsam mit der Freien Universität (FU) Berlin anbietet, will eine Versorgungslücke schließen. Er bietet Menschen mit leichten bis mittelschweren Depressionen schnelle und interaktive Hilfe per Online-Beratung.

Wie der Depressions-Coach funktioniert und wodurch er sich gegenüber einer konventionellen Therapie auszeichnet, darüber haben wir mit Professor Dr. Christine Knaevelsrud gesprochen. Sie begleitet den Online-Coach seit Anfang an und ist darüber hinaus die führende Wissenschaftlerin im Bereich der psychologischen Online-Intervention. Knaevelsrud verantwortet mehrere großangelegte Interventionsstudien (u.a. zu Depressionen, Angststörungen, posttraumatischen Belastungsstörungen und Anpassungsstörungen). Von 2004 bis 2015 war sie wissenschaftliche Leiterin des Behandlungszentrums für Folteropfer und dort verantwortlich für die Entwicklung von psychologischen Onlineinterventionen zur Versorgung von psychisch erkrankten Patienten in Krisen- und Kriegsgebieten (Ilajnafsy).

Frau Dr. Knaevelsrud, der TK-Depressions-Coach richtet sich an Patienten mit „leichten bis mittelschweren Depressionen“. Wie funktioniert die Diagnosestellung des Online-Tools?

Zunächst beurteilen wir anhand anerkannter psychologisch-diagnostischer Fragebögen die Symptomschwere der Teilnehmenden. Dann führen wir zusätzlich sogenannte strukturierte klinische Interviews am Telefon. In ausführlichen Gesprächen werden die bei den Teilnehmenden auftretenden Symptome geprüft. Strukturierte klinische Interviews gelten als psychologisch-diagnostischer Gold-Standard. So stellen wir sicher, dass die Teilnehmenden keine Diagnosen aufweisen, die wir im Rahmen der Online-Beratung nicht gut auffangen könnten. Dazu zählen Wahnideen oder intensive Suizidgendanken.

Wodurch zeichnet sich der Depressions-Coach sich gegenüber einer anderen Behandlungsmethode – beispielweise einer face-to-face-Therapie – aus?

Eine Online-Beratung kann nicht grundsätzlich als Ersatz für ambulante Behandlung angesehen werden. Einerseits wissen wir, dass unterschiedliche Menschen auch unterschiedliche Bedürfnisse haben, was eine Behandlung angeht. Nicht jeder möchte über den PC seine Probleme teilen. Anderen hingegen erscheint gerade das besonders zielführend und zugänglich.
Online-Beratungen sind auch nicht für alle Störungsbilder oder Symptomschweren gut genug untersucht. Für leichte bis mittelschwere Depressionen ist das Angebot allerdings nachweislich sehr hilfreich. Insbesondere, weil es zeitlich und örtlich flexibel einsetzbar ist. Außerdem ist der Coach – im Gegensatz zu vielen anderen psychologischen oder psychotherapeutischen Angeboten – sofort verfügbar. So lassen sich zum Beispiel Wartezeiten auf andere Behandlungen überbrücken. Der Depressions-Coach ist auch sehr gut geeignet, Menschen aufzufangen, die aufgrund von beruflichen oder persönlichen Gegebenheiten nicht in der Lage sind, regelmäßige face-to-face-Angebote in Anspruch zu nehmen.

Professor Dr. Christine Knaevelsrud ist approbierte psychologische Psychotherapeutin und Professorin für klinisch-psychologische Intervention an der Freien Universität Berlin. Sie ist Deutschlands führende Wissenschaftlerin im Bereich der psychologischen Online-Intervention und erforscht seit über 15 Jahren die Möglichkeiten, durch digitale Medien unterversorgte Patientengruppen zu erreichen bzw. Versorgungslücken zu schließen.

Die Therapie mit dem Depressions-Coach kann ja auch als eine Form des digitalen Selbstmanagements betrachtet werden.

Ja, zudem ist die Abbruch-Quote im Depressions-Coach ist außergewöhnlich niedrig. Das liegt in unseren Augen an mehreren Faktoren: Einerseits ist die individuelle Betreuung durch die Psychologen entscheidend, denn sie erhöht die Motivation zur Teilnahme. Andererseits ist gerade der eigenständige Erarbeitungsprozess in Online-Beratungen für die Teilnehmenden wichtig. Im Vergleich zu face-to-face-Ansätzen passiert die Therapiearbeit unabhängiger vom Beratenden. Das erhöht im späteren Verlauf das motivierende Gefühl, „es selbst gemeistert zu haben“.

Das Krankheitsbild „Depression“ reiht sich heute in die Liste der Volkskrankheiten ein, nicht zuletzt auch durch eine zunehmende Entstigmatisierung. Ist ein Tool wie der Depressions-Coach ein Modell für Versorgung in der Zukunft?

Wir wissen, dass etwa ein Fünftel der Bevölkerung im Laufe des Lebens an einer Depression erkrankt – gleichzeitig wird nur ein Bruchteil davon wirklich angemessen behandelt. Das kann vielfältige Gründe haben: etwa, dass die Depression oft weder von den Betroffenen noch von den Hausärzten als solche erkannt wird. Hinzu kommen wahrgenommene oder tatsächliche Hürden, ein konventionelles Behandlungsangebot in Anspruch zu nehmen. Viele Menschen leiden dadurch länger als notwendig unter ihren Symptomen.
Online-Interventionen können einige dieser Hürden umgehen. Der Depressions-Coach soll auch Menschen ansprechen, die eine zunehmende Verschlechterung ihrer Stimmung feststellen, aber aus den unterschiedlichen Gründen noch kein anderes Angebot hierfür in Anspruch nehmen. Ein erster positiver Kontakt mit psychologischer Behandlung kann so auch Ängste vor „mental health“-Angeboten reduzieren.
Online-Beratungen müssen dabei in Zukunft noch stärker mit face-to-face-Ansätzen kombiniert und vernetzt werden, sodass ein barrierearmes und nahtloses Gesamtangebot entsteht, welches unterschiedlichsten Bedürfnissen besser gerecht wird, als dies bisher der Fall ist.

Wie wollen Sie die Studienergebnisse nutzen, um den Coach weiterzuentwickeln?

Wir haben unter anderem festgestellt, dass wir viele Interessenten aufgrund ihrer schwereren Symptomatik ausgeschlossen haben, obwohl diese gerne teilgenommen hätten. Für solche Fälle würden wir uns wünschen, dass die Online-Beratung perspektivisch komplementär zu einem face-to-face-Netz funktioniert, bei dem ich als Versicherter etwa hilfreiche Online-Tools nach meinen zeitlichen Vorlieben nutzen kann, aber gleichzeitig auch einen professionellen face-to-face-Ansprechpartner habe.


Weiterlesen:

Weitere Informationen über den TK-Depressions-Coach und die Ergebnisse der aktuellen Studie finden Sie auf unserer Themenseite im Portal „Presse & Politik„.

Zur Webseite des Arbeitsbereichs „klinisch-psychologische Intervention“ der FU Berlin.


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