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„Es selbst meistern“ – das kann der TK-Depressions-Coach

13.06.2017

Neben „Rücken“ oder „Zucker“ gehören auch Depressionen auf die Liste der Volkskrankheiten. Während etwa ein Fünftel der Bevölkerung im Laufe des Lebens an einer Depression erkrankt, wird gleichzeitig nur ein Bruchteil von ihnen wirklich angemessen behandelt. Die Gründe dafür sind so vielfältig wie das Krankheitsbild Depression selbst, dazu gehören Schwierigkeiten dabei, eine passende Therapie zu finden oder auch gefühlte beziehungsweise tatsächliche Hürden, ein Behandlungsangebot überhaupt in Anspruch zu nehmen. Der Depressions-Coach, den die TK seit 2013 gemeinsam mit der Freien Universität (FU) Berlin anbietet, will auf diesem Feld eine Versorgungslücke schließen. Er bietet Menschen mit leichten bis mittelschweren Depressionen eine schnelle und interaktive Hilfe per Online-Beratung. 

Was der Depressions-Coach kann, wie er funktioniert und wodurch er sich gegenüber einer konventionellen face-to-face-Therapie auszeichnet, darüber haben wir mit Professor Dr. Christine Knaevelsrud gesprochen. Sie begleitet den Online-Coach nicht nur seit Stunde Null, sondern ist darüber hinaus die führende Wissenschaftlerin im Bereich der psychologischen Online-Intervention.

Frau Dr. Knaevelsrud, der TK-Depressions-Coach richtet sich an Patienten mit „leichten bis mittelschweren Depressionen“ – das ist eine ganz schön breite Indikation! Wie funktioniert die Diagnosestellung des Online-Tools? Wie stellt das Programm sicher, den seelischen Zustand des Patienten korrekt einzuschätzen?

Tatsächlich lässt die Formulierung die Indikation breiter erscheinen, als sie ist. Zunächst beurteilen wir anhand anerkannter psychologisch-diagnostischer Fragebögen die Symptomschwere der Teilnehmenden. Hierbei wird nur ein recht schmaler Bereich von möglichen Punkten, die auf diesen Instrumenten erzielt werden können, für den TK-Depressions-Coach berücksichtigt. Mit diesen Teilnehmenden führen wir zusätzlich sogenannte strukturierte klinische Interviews am Telefon. In ausführlichen Gesprächen werden die bei den Teilnehmenden auftretenden Symptome geprüft. Strukturierte klinische Interviews gelten als psychologisch-diagnostischer Gold-Standard. So stellen wir sicher, dass die Teilnehmenden keine Diagnosen aufweisen, die wir im Rahmen der Online-Beratung nicht gut auffangen könnten, zum Beispiel Wahnideen oder intensive Suizidgendanken.

Was ist das Besondere am Depressions-Coach? Wodurch zeichnet er sich gegenüber einer anderen Behandlungsmethode – beispielweise einer face-to-face-Therapie – aus?

Eine Online-Beratung kann nicht grundsätzlich als Ersatz für ambulante face-to-face-Behandlung angesehen werden. Einerseits wissen wir, dass unterschiedliche Menschen auch unterschiedliche Bedürfnisse haben, was eine Behandlung angeht. Nicht jeder möchte über den PC seine Probleme teilen – anderen hingegen erscheint gerade das besonders zielführend und zugänglich. Online-Beratungen sind auch nicht für alle Störungsbilder oder Symptomschweren gut genug untersucht.
Für leichte bis mittelschwere Depressionen ist das Angebot allerdings nachweislich sehr hilfreich – insbesondere, weil es zeitlich und örtlich flexibel einsetzbar ist. Außerdem ist der Coach – im Gegensatz zu vielen anderen psychologischen oder psychotherapeutischen Angeboten – sofort verfügbar. Er ist damit ideal, um zum Beispiel Wartezeiten auf andere Behandlungen zu überbrücken. Der Depressions-Coach ist auch sehr gut geeignet, Menschen aufzufangen, die aufgrund von beruflichen oder persönlichen Gegebenheiten nicht in der Lage sind, regelmäßige face-to-face-Angebote in Anspruch zu nehmen.


Professor Dr. Christine Knaevelsrud ist approbierte psychologische Psychotherapeutin und Professorin für klinisch-psychologische Intervention an der Freien Universität Berlin. Sie ist Deutschlands führende Wissenschaftlerin im Bereich der psychologischen Online-Intervention und erforscht seit über 15 Jahren die Möglichkeiten, durch digitale Medien unterversorgte Patientengruppen zu erreichen bzw. Versorgungslücken zu schließen.


Die Therapie mit dem Depressions-Coach kann ja auch als eine Form des digitalen Selbstmanagements betrachtet werden. Kann dieses aktive Einbeziehen in den Behandlungsprozess nicht auch die Therapietreue bei Patienten erhöhen?

Die Abbruch-Quote im Depressions-Coach ist außergewöhnlich niedrig. Das liegt in unseren Augen an mehreren Faktoren: Einerseits ist die individuelle Betreuung durch die Psychologen entscheidend, denn sie erhöht die Motivation zur Teilnahme. Andererseits ist gerade der eigenständige Erarbeitungsprozess in Online-Beratungen für die Teilnehmenden wichtig, das haben bereits andere Projekte gezeigt. Im Vergleich zu face-to-face-Ansätzen passiert die Therapiearbeit unabhängiger vom Beratenden. Das erhöht im späteren Verlauf das motivierende Gefühl „es selbst gemeistert zu haben“.

Rücken, Zucker, Herz-Kreislauf – das Krankheitsbild „Depression“ reiht sich heute in die Liste der Volkskrankheiten ein, nicht zuletzt auch durch eine zunehmende Entstigmatisierung. Ist ein Tool wie der Depressions-Coach ein Modell für Versorgung in der Zukunft?

Wir wissen, dass etwa ein Fünftel der Bevölkerung im Laufe des Lebens an einer Depression erkrankt – gleichzeitig wird nur ein Bruchteil davon wirklich angemessen behandelt. Das kann vielfältige Gründe haben: etwa, dass die Depression oft weder von den Betroffenen noch von den Hausärzten als solche erkannt wird. Hinzu kommen wahrgenommene oder tatsächliche Hürden, ein konventionelles Behandlungsangebot in Anspruch zu nehmen. Viele Menschen leiden dadurch länger als notwendig unter ihren Symptomen.
Online-Interventionen können einige dieser Hürden umgehen. Der Depressions-Coach soll auch Menschen ansprechen, die eine zunehmende Verschlechterung ihrer Stimmung feststellen, aber aus den unterschiedlichen Gründen noch kein anderes Angebot hierfür in Anspruch nehmen. Ein erster positiver Kontakt mit psychologischer Behandlung kann so auch Ängste vor „mental health“-Angeboten reduzieren.
Online-Beratungen müssen dabei in Zukunft noch stärker mit face-to-face-Ansätzen kombiniert und vernetzt werden, sodass ein barrierearmes und nahtloses Gesamtangebot entsteht, welches unterschiedlichsten Bedürfnissen besser gerecht wird, als dies bisher der Fall ist.


Christine Knaevelsrud verantwortet mehrere großangelegte onlinebasierte Interventionsstudien zu einem breiten Störungsspektrum (u.a. Depressionen, Angststörungen, posttraumatische Belastungsstörungen und Anpassungsstörungen) und war von 2004 bis 2015 wissenschaftliche Leiterin des Behandlungszentrums für Folteropfer und in dieser Funktion verantwortlich für die Entwicklung und Implementierung von psychologischen Onlineinterventionen zur Versorgung von psychisch erkrankten Patienten in Krisen- und Kriegsgebieten (Ilajnafsy). 

 

 

 


In der heutigen Zeit wird auch immer öfter ein übermäßiger Medienkonsum als Ursache für Depressionen angesehen. Wie geht der Depressions-Coach damit um, wenn genau da beim Patienten der Hund begraben liegt? Sagt er dann: „Schalte mich ab“?

Erhöhte Mediennutzung kann eine Begleiterscheinung von depressiven Symptomen sein, etwa, weil die Leere im Alltag mit Fernsehen, Computerspielen oder App-Nutzung kompensiert wird. Die Nutzung des Depressions-Coaches stellt hierzu keinen Widerspruch dar, denn wir bemühen uns darum, den Alltag der Teilnehmenden umzustrukturieren: Körperliche Aktivität, soziale Kontakte oder sinnlicher Genuss werden unter Anleitung der Berater als Gegenangebot zum Medienkonsum aufgebaut. Man muss auch unterscheiden zwischen einem funktionalen beziehungsweise notwendigen Medienkonsum, wie etwa auf der Arbeit oder bei der Nutzung einer Online-Beratung, und einem Medienkonsum, der möglicherweise auf eine Verhaltenssucht hinweist. Hier nutzen die Betroffenen auch nicht „Medien“ oder „das Internet“ im Allgemeinen, sondern konsumieren in bestimmten „Nischen“: Spiele, Pornografie, soziale Netzwerke oder E-Mails. In anderen Bereichen kann der Medienkonsum dabei unproblematisch – und sogar hilfreich – sein.

Wie wollen Sie die Studienergebnisse nutzen, um den Coach weiterzuentwickeln?

Derzeit bietet der Depressions-Coach vor allem Aufgaben, die den Teilnehmenden helfen, ihre depressiven Symptome zu reduzieren – das Repertoire ist dabei für alle Teilnehmenden gleich. Tatsächlich gibt es aber Fälle, wo die von uns als sinnvoll angesehene Reihenfolge oder die Inhalte nicht perfekt auf die Lebenssituation der Teilnehmenden passen. Hier möchten wir unsere Erkenntnisse nutzen, um das

Angebot flexibler zu gestalten. In Zukunft wäre es auch denkbar, gezielt Tools anzubieten, die im Umgang mit anderen Symptomen helfen, zum Beispiel bei Ängstlichkeit. Zwar zeigen unsere Studienergebnisse, dass der Depressions-Coach schon jetzt Ängste reduziert, wir sind uns aber sicher, dass wir hier noch besser werden können.

Wir möchten unser Angebot weiterentwickeln, so dass es individueller zu einer noch größeren Gruppe von Teilnehmenden passt. So haben wir auch festgestellt, dass wir viele Interessenten aufgrund ihrer schwereren Symptomatik ausgeschlossen haben, wobei diese gerne teilgenommen hätten. Für solche Fälle würden wir uns wünschen, dass die Online-Beratung komplementär zu einem face-to-face-Netz funktionieren könnte, bei dem ich als Versicherter etwa hilfreiche Online-Tools nach meinen zeitlichen Vorlieben nutzen kann, aber gleichzeitig auch einen professionellen face-to-face-Ansprechpartner habe.


Weiterlesen:

Weitere Informationen über den TK-Depressions-Coach und die Ergebnisse der aktuellen Studie finden Sie auf unserer Themenseite im Portal „Presse & Politik„.

Zur Webseite des Arbeitsbereichs „klinisch-psychologische Intervention“ der FU Berlin.

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