Miriam Grob

Diagnose Neurodermitis: Wann Kortison hilft

Neurodermitis ist vor allem im Kindes- und Jugendalter verbreitet. Betroffene leiden unter starkem Juckreiz und spröder, geschädigter Haut. Zur Behandlung werden oft kortisonhaltige Präparate verschrieben – zum Bedenken vieler Eltern.

Professor Dr. Matthias Augustin ist Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten und Institutsdirektor am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE).

Professor Dr. Matthias Augustin vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) erklärt im Interview, was bei der Behandlung von Neurodermitis mit Kortison zu beachten ist.

Herr Prof. Dr. Augustin, laut dem Neurodermitisreport, den das UKE gemeinsam mit der TK veröffentlicht hat, ist fast jedes zehnte Kind unter 15 Jahren von Neurodermitis betroffen. Was bedeutet die Diagnose für Kinder und ihre Eltern?

Sie löst vor allem bei Eltern von kleineren Kindern häufig Unbehagen aus und wird als etwas Schicksalhaftes und Beängstigendes erlebt. Eltern haben Angst, dass ihr Kind nunmehr immer öfter mit quälenden Hautausschlägen konfrontiert wird. Mit diesen Ängsten der Eltern müssen dann auch die Ärztinnen und Ärzte umgehen können – und gut aufklären. Natürlich sind Bedenken verständlich, aber es ist wichtig, zu erklären: Der Verlauf der Erkrankung kann ganz individuell ablaufen und es gibt gute Therapien, die dabei helfen können, Beschwerden zu lindern.

Kortison hat in der Öffentlichkeit einen eher schlechten Ruf. Erleben Sie als Arzt das auch im Gespräch mit Eltern?

Das ist eher die Regel als die Ausnahme. Tatsächlich bestehen fast immer Bedenken beim Einsatz von Kortison. Sorgen müssen sich Patienten und Eltern aber nicht machen, wenn die Anwendung des Präparates gut erklärt und die Therapie nach den geltenden Regeln – in Bezug auf die Dauer der Anwendung und die Dosierung – durchgeführt wird. Klar muss auch sein, dass diese Therapie nur einen Baustein im Gesamtkonzept der individuellen Behandlung darstellt. Es ist dabei sehr wichtig, dass Ärzte den Eltern und Patienten die Krankheit, das Krankheitsbild und die Behandlung ganzheitlich erklären, damit sie im Anschluss eine informierte Entscheidung treffen können. Sprich: Eine Entscheidung, bei der ich als Arzt den Eltern und Patienten nichts auferlege, sondern mit ihnen zusammen darüber beratschlage, ob Kortison zur Behandlung herangezogen werden sollte. Kommunikation ist hier sehr wichtig.

Kortisonhaltige Präparate gibt es als Creme oder als Tablette. Wann sollte welche Darreichungsform genutzt werden?

Ein kluger Umgang mit Kortison ist das Entscheidende. Als Notfallmaßnahme kann Kortison in Tablettenform eingenommen werden, um bei einer schweren Form der Neurodermitis oder einem schweren Schub kurzzeitig Linderung zu verschaffen. Die äußerliche Anwendung mit einer Creme kann hingegen über eine längere Zeit erfolgen. Der Vorteil: Die Menge ist besser zu steuern und es gibt deutlich weniger Nebenwirkungen. Aber, auch eine Creme eignet sich nicht für einen Dauereinsatz – denn langfristig kann die Haut dünner werden. Generell gilt: Aufgrund der schnellen Wirkungsweise ist Kortison vor allem sinnvoll, um wichtige Zeit zu schaffen. Diese Zeit kann für flankierende Basistherapien genutzt werden, die die natürliche Schutzfunktion der Haut stärken und erhalten. Daher wird Kortison zumeist in der Intervalltherapie, also abwechselnd mit wirkstofffreien, pflegenden Cremes, eingesetzt.

Was sind weitere Behandlungsmöglichkeiten?

Die deutsche Fachleitlinie sieht zunächst einmal vor, dass stark irritierte Haut wieder durch rückpflegende Bestandteile, die die Barriere unserer Haut ausmachen, geschmeidig gemacht wird. Diese Maßnahme allein kann oftmals schon greifen. Daneben sollte vor allem geprüft werden, ob noch andere Faktoren vorliegen, die die Erkrankung ausgelöst oder verschlimmert haben. Das kann zum Beispiel eine Kontaktallergie sein. Auf diese beiden Maßnahmen sollte allergrößter Wert gelegt werden, bevor mit Kortison behandelt wird. Alternative Wirkstoffe zu Kortison sind Tacrolimus und Pimecrolimus. In ihrem Wirkungsgrad sind sie mit einem mittelstarken Kortisonpräparat vergleichbar, können aber über deutlich längere Zeiträume eingesetzt werden. Bei einem sehr starken Entzündungsgeschehen, das äußerlich nicht in den Griff zu kriegen ist, bieten sich zwei neu zugelassene Wirkstoffe an, die auch für die Langzeittherapie geeignet sind. Das Präparat Dupilumab wird als Spritze ab 6 Jahren, das zweite namens Baricitinib als Tablette ab 18 Jahren angewendet.


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