Marija Gildermann

Erkältungskrankheiten: Wann ist ein Antibiotikum sinnvoll?

Seit Jahren sinkt in Deutschland der Anteil der Antibiotikaverschreibungen bei Erkältungen – das zeigen Auswertungen der TK. Über die Bedeutung dieser Entwicklung und die Zukunft der Antibiotikaversorgung spricht Dr. Frank Verheyen, Leiter des Bereichs Arzneimitteldistribution bei der TK.

Der Anteil der Antibiotikaverschreibungen bei erkälteten Patientinnen und Patienten ist in den letzten zehn Jahren um mehr als die Hälfte zurückgegangen – von 38,3 Prozent 2010 auf 14,3 im Jahr 2020. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein?

Mit dieser Grundthematik befasst sich die Medizin schon länger: Wann ist es überhaupt sinnvoll, Antibiotika einzusetzen? Die allermeisten Erkältungskrankheiten werden nämlich durch Viren verursacht. Dann ist der Einsatz von Antibiotika nicht sinnvoll, weil sie nicht gegen Viren wirken, sondern eben nur gegen bakteriell verursachte Atemwegserkrankungen. Ein unnötiger Einsatz von Antibiotika kann dann zu Resistenzen führen – was auf jeden Fall zu vermeiden ist. Das heißt also, ein sinnvoller Rückgang unnötiger Antibiotikaverschreibungen ist durchaus positiv zu bewerten.

Dr. Frank Verheyen leitet bei der TK den Geschäftsbereich Arzneimitteldistribution

Was sind die Gründe dafür, dass Antibiotika trotzdem bei Erkältungen verschrieben werden?

Die Ärztin oder der Arzt entscheidet letztlich im Austausch mit den Patienten und anhand der Symptomatik und gegebenfalls weiterer Diagnostik, ob sie oder er ein Antibiotikum verschreibt. Es gibt durchaus Situationen, in denen nicht ganz sicher ist, ob es sich wirklich um eine bakterielle Infektion handelt und dennoch Handlungsbedarf besteht. Was aber auch schon öfter in der Literatur beschrieben wurde: Es gibt sicherlich die Situation, dass man sich als Arzt im Patientengespräch mit einem gewissen Handlungsdruck konfrontiert sieht, etwas gegen die Erkrankung zu tun. Bei einer viralen Atemwegsinfektion können Ärzte aber gar nicht viel machen. So eine Erwartungshaltung kann unter Umständen dazu führen, dass es zu Verschreibungen kommt, die nicht unbedingt notwendig gewesen wären.

Die Ersatzkassen und damit auch die TK haben sich am Projekt RESIST beteiligt – was war das für ein Projekt?

Das RESIST-Projekt sollte dazu beitragen, unnötige Antibiotikaverschreibungen bei Erkältungen zu vermeiden – eben vor dem Hintergrund, dass Antibiotika nur in genau spezifizierten Fällen wirklich sinnvoll sind. Es wurde in Zusammenarbeit mit acht kassenärztlichen Vereinigungen durchgeführt. Am Ende des Projekts hat sich gezeigt, dass die Antibiotikaverschreibungen bei den rund zweieinhalbtausend teilnehmenden Ärztinnen und Ärzten signifikant zurückgegangen sind. Umfasst hat das Projekt in erster Linie die Förderung der Kommunikation zwischen Arzt und Patient. Hierfür wurden gezielte Online-Fortbildungen für Ärztinnen und Ärzte veranstaltet, aber auch Informationsmaterial für Patienten bereitgestellt.

 

Antibiotika-Verordnungen bei Erkältungskrankheiten sind deutlich rückläufig.

Im Zusammenhang mit Antibiotikaresistenzen warnen Forscher vor einem „vorantibiotischen Zeitalter“ – was würde das für die Versorgung bedeuten?

Ja, die Bezeichnung „vorantibiotisches Zeitalter“ wird oftmals diskutiert. Ich stehe dem Begriff etwas kritisch gegenüber. Natürlich wäre es fatal, wenn wir keine Behandlungsmöglichkeiten mehr durch Antibiotika hätten. Aber das „vorantibiotische Zeitalter“ beschreibt für mich eine Zeit, bevor wir Antibiotika überhaupt kannten. Heute müssen wir natürlich insbesondere darauf achten, dass wir den unnötigen Antibiotikabedarf reduzieren. Das betrifft nicht nur die Humanmedizin, sondern auch die Massentierhaltung. Die Arzneimittelforschung hat sich aber seit den Anfängen sehr deutlich weiterentwickelt. Ich bin auch daher optimistisch, weil das medizinische und pharmazeutische Know-how so groß ist, dass wir genug Innovationskraft haben, um da gegensteuern zu können. Dazu brauchen wir aber sicherlich die Forschung zu neuen Antibiotika. Und es ist ganz klar, dass es eine enorm wichtige Aufgabe ist, den Einsatz von Antibiotika insgesamt zu reduzieren, um Resistenzen zu vermeiden.

Weitere Informationen

Die prozentualen Anteile der rückläufigen Antibiotikaverschreibungen, die im Interview thematisiert wurden, entstammen dem Gesundheitsreport 2021 der Techniker Krankenkasse, der im Juni veröffentlicht wird. Mehr Informationen finden Sie auch hier.


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