Johanna Küther

„Kinderarzneimittelforschung ist eine echte Herausforderung“

Prof. Dr. Antje Neubert leitet die Zentrale für klinische Studien in der Pädiatrie am Universitätsklinikum Erlangen. Welche Hürden die Arzneimitteltherapie und -forschung bei Kindern und Jugendlichen mit sich bringt, beschreibt sie auch im neuen TK-Report „Kinder und Arzneimittel“.

Frau Prof. Neubert, warum gibt es so wenig Studien zu Arzneimitteln bei Kindern?

Kinder waren von der klinischen Forschung lange Zeit ausgeschlossen. Das hat sich auch mit dem Arzneimittelgesetz 1976 nicht geändert. Mit ihm wurden die Prüfung und der Nachweis über die Wirksamkeit und Sicherheit von Arzneimitteln festgeschrieben. Gleichzeitig waren Minderjährige von der klinischen Prüfung ausgenommen. Weiterhin galt es als unethisch, die Wirksamkeit von Medikamenten an Kindern zu erforschen – Kinder sollten keine Versuchskaninchen sein. Mittlerweile gilt es eher als unethisch, wenn in Studien nicht auch die Wirkung bei Kindern erforscht wurde. Und mit der EU-Kinderarzneimittelverordnung gibt es nun auch eine Rechtsgrundlage, die pharmazeutische Hersteller verpflichtet, Kinder in die Entwicklung neuer Arzneimittel einzubeziehen. Diese gesetzliche Regelung war notwendig, denn Arzneimittelforschung in diesem Bereich ist für die Industrie oft nicht attraktiv, weil es sich um einen kleinen Markt und damit geringe Gewinne handelt.

Prof. Dr. Antje Neubert leitet die Zentrale für klinische Studien in der Pädiatrie am Uniklinikum Erlangen.

Was sind die Besonderheiten in der Arzneimittelforschung bei Kindern?

Die Fallzahl, also die Anzahl der Probanden, ist ein sehr großes Problem. Wir benötigen ja nicht nur eine Gruppe von Probanden zwischen 0 und 18 Jahren, wir benötigen in dieser Population auch Untergruppen wie Säuglinge, Kleinkinder oder Jugendliche, eigentlich kleine Extrastudien. Diese ohnehin schon kleine Gruppe muss dann noch beispielsweise ein bestimmtes Krankheitsbild aufweisen und definierte Ein- und Ausschlusskriterien, also Anforderungen an Alter oder allgemeinen Gesundheitszustand, der klinischen Forschung erfüllen – und wir müssen natürlich Eltern überzeugen. Alles in allem eine echte Herausforderung.

Wie geht man in der Praxis mit dieser schwierigen Situation um?

Vielfach werden in der Kinderheilkunde – mangels Alternativen – eben auch Arzneimittel außerhalb der eigentlichen Zulassung eingesetzt. Im Rahmen dieser so genannten Off-Label-Anwendung, werden Medikamente verordnet, die für die Behandlung bestimmter Erkrankungen bei Erwachsenen zugelassen sind. Nicht nur, aber insbesondere in diesen Fällen ist es besonders wichtig, sich an die entsprechende Dosierungsempfehlung durch den Arzt oder die Ärztin zu halten. Außerdem, und das gilt für alle Medikamente und Einsatzgebiete, ist die Überwachung nach der Zulassung wichtig. Ärztinnen und Ärzte, aber auch Apothekerinnen und Apotheker sind verpflichtet, Nebenwirkungen zu melden. So können Nutzen und Risiken kontinuierlich ins Verhältnis gesetzt und bewertet werden. Durch eine systematische Auswertung solcher Meldungen wurde zum Beispiel festgestellt, dass ein häufig genutztes Mittel gegen Übelkeit bei Kindern in bestimmten Altersgruppen nicht eingesetzt werden sollte. Hier stand der Nutzen in keinem Verhältnis zu den möglichen Nebenwirkungen. Das ist ein sehr wichtiger Prozess für die Arzneimittelsicherheit!

Sie haben die unabhängige Datenbank für Kinderarzneimittel kinderformularium.DE mitentwickelt. Was findet man hier?

Das kinderformularium.DE richtet sich vor allem an Angehörige der Heilberufe und stellt evidenzbasiert Arzneimittelanwendungen, Dosierungs- und Darreichungsformen und den Zulassungsstatus zusammen. Unser Fokus liegt dabei auf den bereits genannten Off-Label-Anwendungen. Das ist im Bereich der Kinderheilkunde nun einmal historisch bedingt besonders oft der Fall. In diesem Bereich führen wir die aktuelle Datenlage, entsprechende Studien und Quellen zusammen und schaffen so eine von der Industrie unabhängige und wissenschaftlich begleitete Datenbank als einheitliche Referenz.

 

Wenn Arzneimittel bei Erwachsenen sicher und wirksam sind, kann man das nicht automatisch auch auf Kinder übertragen. Kinder unterliegen ihren eigenen Regeln, vor allem, weil sie so unterschiedliche Entwicklungsstufen durchlaufen.

Wie blicken Sie in die Zukunft der Arzneimittelforschung bei Kindern und Jugendlichen?

Zum einen wünsche ich mir, dass es im Bereich der Kinderheilkunde noch mehr öffentliche Förderung gibt, denn über den wirtschaftlichen Anreiz werden wir hier nicht viel bewegen können. Dieser ist meist nur gegeben, wenn es sich um innovative und damit besonders teure Medikamente handelt. Kinder und Jugendliche sind zwar eine kleine Gruppe, aber die der Zukunft und deshalb sollten sie auch in der Forschung mehr Priorität bekommen.

Außerdem würde ich mir wünschen, dass eine Datenbank wie das kinderformularium.DE dauerhaft gefördert wird und wir das Thema auch länderübergreifend vorantreiben. Das kinderformularium.DE entstand auf Basis einer niederländischen Datenbank. Weitere Länder wie Österreich und Norwegen sind auch schon dabei, sodass wir voneinander profitieren können. Meine Vision ist eine dauerhafte europäische Lösung.

Eine Ihrer zentralen Aussagen im Report in Bezug auf die Arzneimitteltherapie bei Kindern ist: „Kinder sind keine kleinen Erwachsenen.“ Was meinen Sie damit?

Wenn Arzneimittel bei Erwachsenen sicher und wirksam sind, kann man das nicht automatisch auch auf Kinder übertragen. Kinder unterliegen ihren eigenen Regeln, vor allem, weil sie so unterschiedliche Entwicklungsstufen durchlaufen. In dieser Zeit vervielfachen sich nicht nur ihr Körpergewicht und ihre Größe, auch der Stoffwechsel ist im Wandel, was insbesondere Anpassungen der Dosierung von Medikamenten, also eine Reduktion oder die Erhöhung der Dosis, notwendig macht.

Worauf müssen Eltern achten?

Wichtig sind eine altersgerechte Dosierung und Darreichungsform. Nehmen wir an, ein Kind sollte ein Zehntel der Dosierung eines Erwachsenen erhalten: Versuchen Sie mal, eine Tablette in zehn Teile zu teilen. In solchen Fällen sind Säfte oder Tropfen das Mittel der Wahl – überhaupt, wenn es um Kinder geht, die noch keine Tabletten schlucken können. Außerdem sollte darauf geachtet werden, welche Hilfsstoffe oder Hilfsmittel das Arzneimittel beinhaltet. In Tropfen wird beispielsweise oft Alkohol verwendet, was bei Kindern und Jugendlichen in einem stärkeren Maße toxisch ist. Zukunftsträchtig sind innovative Arzneiformen wie Minitabletten oder Arzneistofffilme, die über die Mundschleimhaut aufgenommen werden.

Genauso wichtig ist, dass sich Eltern an die Dosierungsempfehlung des Arztes oder der Ärztin halten. Bei einer zu geringen Dosierung werden Kinder Nebenwirkungen ausgesetzt, ohne dass ein Behandlungserfolg erzielt wird. Ein klassisches Beispiel sind Antibiotika. Werden diese nicht konsequent und wie verordnet genommen, können Resistenzen entstehen, ohne dass die eigentliche Erkrankung bekämpft wird. Auch andersherum kann es gefährlich werden: Paracetamol ist richtig dosiert weitestgehend unbedenklich, zu hoch dosiert oder zu häufig verabreicht kann es jedoch die Leber schädigen.

Häufig nehmen Kinder Arzneimittel ein, die in der Apotheke frei verkäuflich sind und dann ohne vorherigen Arztbesuch gekauft werden. Birgt das auch Risiken?

Wie man im TK-Verordnungsreport sieht, gehören abschwellende Nasentropfen zu den am häufigsten eingesetzten Medikamenten. Für viele ein Mittel der Wahl, denn sie sind eigentlich ab dem Säuglingsalter zugelassen. Gleichzeitig sieht man immer wieder schwerwiegende Nebenwirkungen. Deswegen ist es immer und insbesondere bei frei verkäuflichen Medikamenten so wichtig, Dosierungsempfehlungen strikt zu befolgen.

TK-Verordnungsreport "Kinder & Arzneimittel"

Wie gut Kinder in Deutschland mit Impfstoffen und Arzneimittel versorgt sind, dieser Frage geht der TK-Report „Kinder & Arzneimittel“ nach. Mehr Informationen finden Sie auf unserer Themenseite.


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