Laura Hassinger

Ein Blick in die Arzneimittel-Lager

Damit alle notwendigen Medikamente stets verfügbar sind, gibt es gesetzliche Vorratsfristen für Hersteller. Die TK hat sich selbst einen Überblick verschafft und die Lagerbestände ihrer Vertragspartner geprüft.

Wenn Patientinnen und Patienten ein bestimmtes Medikament benötigen, müssen sie sich darauf verlassen können, dieses zu erhalten. Das ist ein Grundpfeiler unserer medizinischen Versorgung. Als im Winter 2022/2023 die Atemwegsinfektionen stark anstiegen und einige Medikamente nicht ausreichend verfügbar waren, beschloss die Bundesregierung mit dem Arzneimittel-Lieferengpassbekämpfungs- und Versorgungsverbesserungsgesetz (ALBVVG) verschiedene Maßnahmen für eine resilientere Arzneimittelversorgung.

Doch helfen diese gesetzlichen Maßnahmen tatsächlich? Wird der vorgeschriebene Mindestvorrat eingehalten? Die TK hat sich selbst einen Überblick verschafft und im vergangenen Jahr die Lagerbestände von insgesamt sechs verschiedenen Rabattpartnern geprüft. Ein Interview mit Tim Steimle, Leiter des Fachbereichs Arzneimittel.

Tim Steimle, Apotheker und Leiter des Fachbereichs Arzneimittel der TK

Herr Steimle, welchen Weg nimmt ein Arzneimittel vom Hersteller bis zur Apotheke? 

Arzneimittel haben oft einen langen Weg hinter sich, bevor die Kundin oder der Kunde sie in der Apotheke erhält. Zunächst muss der Wirkstoff vom Pharmazeutischen Unternehmen hergestellt werden, dann im Fall einer Darreichung als Tablette gepresst, portioniert und verpackt werden. Anschließend gelangt das Fertigarzneimittel von der Produktionsstätte in ein zentrales Warenlager im Endverbrauchsland. In Deutschland kann eine Apotheke die Medikamente teilweise direkt über den Hersteller und damit indirekt über das Warenlager beziehen, oder aber sie bestellt bei sogenannten Pharmagroßhändlern. Diese beliefern sehr viele Apotheken und halten ein breites Portfolio an Arzneimitteln vorrätig.

Wie muss man sich so ein Arzneimittellager vorstellen?

Arzneimittel werden wie andere Güter auch in zum Teil riesigen Hallen mit Hochregalen gelagert. Für eine optimale Qualität werden unter anderem die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit streng überwacht. Eine der besichtigten Lagerstätten verfügt beispielsweise über Stellplätze für knapp 85.000 Europaletten auf einer Fläche von 65.000 Quadratmetern. Das sind mehr als neun Fußballfelder. Bei einer solchen Menge an vorrätig gehaltenen Arzneimitteln müssen alle Prozesse reibungslos laufen und die Schnittstellen zwischen Herstellern, Großhändlern und Apotheken gut aufeinander abgestimmt sein. Viele Unternehmen können den Lagerbestand ihrer Produkte fast minütlich genau überprüfen.

Ein Einblick in das Hochregallager der SK Pharma Logistics GmbH, mit freundlicher Genehmigung der SK Pharma Logistics GmbH.

Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen, sind die Arzneimittellager ausreichend gefüllt?

Unsere Prüfung hat ergeben, dass der gesetzlich vorgeschriebene Mindestvorrat bereits zu etwa 80 Prozent eingehalten wurde. Das bedeutet aber nicht, dass für die anderen 20 Prozent Lieferschwierigkeiten bestehen. Eine pauschale Vorratspflicht ist schlichtweg nicht für alle Arzneimittel das beste Instrument. Daher haben wir Ideen ausgearbeitet, wie die Regelung noch zielführender gestaltet werden kann.

Insgesamt ist die Qualität der Lagerhaltung sehr hoch. Gerade was den Informationsfluss und damit die Planungssicherheit betrifft, zeigen sich zwischen den einzelnen Rabattpartnern jedoch teilweise große Unterschiede. Das verdeutlicht, wie wichtig eine Datentransparenz zwischen den Arzneimittelbehörden, Herstellern und Krankenkassen ist.

Neben dem Bericht zur Lagerbesichtigung enthält der Lieferklima-Report auch Interviews mit verschiedenen Arzneimittel-Fachleuten und eine zusammenfassende Bewertung des ALBVVG. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Erkenntnisse?

Man muss klar betonen: Die Generika-Versorgung funktioniert bereits sehr gut, dazu hat auch das ALBVVG merklich beigetragen. Und wenn von Lieferengpässen die Rede ist, darf man die Relation nicht aus dem Auge verlieren. Immerhin 98,9 Prozent der Produkte sind hierzulande sofort lieferfähig, und für weitere 0,8 Prozent ist ein direkter Austausch, zum Beispiel durch Wechsel auf einen anderen Hersteller, möglich. Das bedeutet: 99,7 Prozent aller Arzneimittel sind direkt verfügbar.

Um die bereits resiliente Generika-Versorgung noch weiter zu verbessern, haben wir im Lieferklima-Report fünf konkrete Vorschläge gemacht. Unter anderem betreffen diese die Ausschreibung besonders relevanter Wirkstoffe in einem regionalen Mehrpartner-Modell und die Überarbeitung des Rabattverbots für Kinderarzneimittel. Damit ließe sich die Arzneimittelversorgung auch für zukünftige Herausforderungen wappnen.

Mehr Infos

Sie wollen mehr darüber erfahren, wie Arzneimittel in Deutschland gelagert werden, was mit Retouren und Arzneimittel-Müll passiert und wie man die Liefersicherheit weiter verbessern könnte? Dann lohnt ein Blick in den Lieferklima-Report 2025 der TK.  



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