Nicole Battenfeld

Sinnvolle Vorverteilung: Der TriageClient weist den richtigen Behandlungsweg

Weniger Wartezeit und Konflikte, dafür schneller Klarheit und bessere Behandlungsqualität – das sind Ergebnisse durchdachter Digitalisierung an der Uniklinik Freiburg. Wie genau das funktioniert, zeigt Dr. Felix Hans, Sektionsleiter der digitalen Notfallmedizin am Zentrum für Notfall- und Rettungsmedizin.

Lange Wartezeiten in der Notaufnahme kennt fast jeder. Wie sich das ändern lässt, zeigt die Uniklinik Freiburg im integrierten Notfallzentrum. Vor Ort unterstützt eine eigens entwickelte Software das medizinische Personal dabei, Hilfesuchende schneller einzuschätzen und gezielt in die Notdienstpraxis oder die Notaufnahme weiterzuleiten.

Dr. Felix Hans, Oberarzt und Sektionsleiter der digitalen Notfallmedizin am Zentrum für Notfall- und Rettungsmedizin des Universitätsklinikums Freiburg, am Ticketautomaten.

In wenigen Minuten auf den richtigen Behandlungsweg

An diesem Dienstagnachmittag ist es ungewöhnlich ruhig an der Notaufnahme des Universitätsklinikums Freiburg. Die Schiebetür öffnet sich und die wenigen Stühle im Gang dahinter sind unbesetzt. Am Ticketautomat zieht Dr. Felix Hans zur Demonstration die Nummer 52: „An durchschnittlichen Tagen zählen wir 155 Patientinnen und Patienten, zwischen Weihnachten und Neujahr können es schon einmal 300 sein“, erklärt der Oberarzt und Sektionsleiter der digitalen Notfallmedizin am Zentrum für Notfall- und Rettungsmedizin des Universitätsklinikums Freiburg.

Die fiktive Patientin 52 wird nach durchschnittlich 1,3 Minuten dem „Triageraum 1“ zugewiesen, wo eine spezialisierte Pflegekraft auf sie wartet. Die rekordverdächtig kurze Wartezeit wird durch die am Universitätsklinikum entwickelte Software „TriageClient“ ermöglicht. In nur drei bis vier Minuten nimmt diese anhand eines standardisierten Fragen-Antworten-Katalogs eine Ersteinschätzung vor. Dabei werden auch wichtige Vitalwerte wie Herzfrequenz und Blutdruck der Patientinnen und Patienten berücksichtigt.

„Im früheren Verfahren nahm dieser Prozess mindestens zehn Minuten in Anspruch, plus vorheriger Wartezeit“, erinnert sich Prof. Dr. Hans-Jörg Busch, Ärztlicher Leiter des Zentrums für Notfall- und Rettungsmedizin.

Prof. Dr. Hans-Jörg Busch, Ärztlicher Leiter des Zentrums für Notfall- und Rettungsmedizin

Notdienstpraxis oder Notaufnahme?

Etwa 38 Prozent der Patientinnen und Patienten werden danach direkt in die Notdienstpraxis geleitet, die das Universitätsklinikum und die Kassenärztliche Vereinigung gemeinsam betreiben. Die Wege aus den beiden Triage Räumen – entweder zur Notdienstpraxis oder in die Notaufnahme – sind farblich markiert und die Wartebereiche getrennt. „Durch die räumliche Einteilung ist es uns auch gelungen, begleitende Angehörige gezielter zu leiten und so Konfliktsituationen zu vermeiden“, betont Dr. Hans-Jörg Busch. Der immer noch präsente Sicherheitsdienst komme also seltener wegen vermeintlich ungleicher Behandlung oder wartebedingter Frustration zum Einsatz.

„Es macht einen großen Unterschied, dass die Menschen schnell einen medizinischen Erstkontakt bekommen. Das beruhigt und macht anschließende Wartezeiten eher erträglich“, ergänzt Prof. Busch. Auch das Personal werde durch die neuen Abläufe emotional entlastet und könne sicherer arbeiten.

Während im Zimmer der diensthabenden Praxisärztin auf einem Display leichtere Behandlungsanlässe wie Insektenstich, Rückenschmerzen oder erhöhte Temperatur aufleuchten, wird die mit Krücken ausgestattete Schülerin Laura samt ihrer Mutter direkt Richtung Notaufnahme weitergeschickt. „Sportunfall“, erklärt Dr. Hans, „das muss geröntgt werden.“

Rund 15 Prozent der durch die Triage an die Notarztpraxis verwiesenen Fälle müssen doch noch in die Notaufnahme. „Mal zeigen sich in der Behandlung weitere abklärungsbedürftige Befunde, mal hat der oder die Diensthabende keine Routine im Nähen von Platzwunden oder ähnliches“, so Hans.

Digitale Triage ermöglicht schnellere und passende Behandlung

Trotzdem habe sich die Einteilung der sogenannten „strukturierten Vorstellungsgründe“ nach Behandlungssektoren inzwischen bewährt. „Als wir angefangen haben, gab es dafür keine Vorgaben. Die haben wir auf Basis des Vorgehens in kanadischen Notaufnahmen und mit einem Expertenpanel aus Deutschland entwickelt“, erklärt der Oberarzt, der mit seinem Team für das Gesamtkonzept kürzlich den „Innovationspreis 2026“ des Deutschen Interdisziplinären Notfallmedizin Kongresses (DINK) erhalten hat.

Seit zweieinhalb Jahren arbeitet das Universitätsklinikum Freiburg mit dem TriageClient. Auch die neue Kinderklinik, die 2024 eröffnet wurde, ist damit ausgestattet und beherbergt eine Kindernotfallpraxis. Insgesamt haben seitdem rund 185.000 Patientinnen und Patienten mit Hilfe der digitalen Triage eine schnelle und passende Behandlung erhalten.

„Ein überfülltes Notfallzentrum erleben wir nur noch in Ausnahmesituationen. Da wir fast 40 Prozent der Menschen in unsere Notfallpraxis steuern können, geht es in der Notaufnahme automatisch schneller, und das mit verbesserter Patientensicherheit“, betont Prof. Busch.

Durch die gezielte Steuerung wird die Notaufnahme von Patientinnen und Patienten mit leichteren Beschwerden entlastet und wir können schwer erkrankte Menschen schneller versorgen. Gleichzeitig erhalten alle frühzeitig Klarheit über ihren Behandlungsweg.

Dr. Felix Hans

TriageClient als bundesweites Vorbild

Mit der digitalen Triage leistet die Uniklinik Freiburg, die bundesweit eines der größten Notfallzentren betreibt, echte Pionierarbeit: Noch ist Freiburg der einzige Standort, der mit der eigens entwickelten Software arbeitet. Andere Kliniken in Deutschland wollen dem Freiburger Vorbild folgen und bereiten den Einsatz der digitalen Triage bereits vor.  

Auch die kürzlich vom Bundeskabinett verabschiedete Notfallreform unterstützt das Konzept: Darin ist vorgesehen, dass „digital vernetzte integrierte Notfallzentren“ (INZ) eine flächendeckende ambulante Erstversorgung gewährleisten. INZ bestehen aus der Notaufnahme eines Krankenhauses, einer KV-Notdienstpraxis und einer zentralen Ersteinschätzungsstelle. Also genau den Elementen, die in Freiburg bereits zu finden sind. 



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