Prof. Jonas Schreyögg ist Direktor des Hamburg Centre for Health Economics (HCHE) und hat die größte länderübergreifende Evaluation des Hausarztprogramms durchgeführt. Ziel der Studie war es, anhand von Abrechnungsdaten der TK zu prüfen, ob HzV-Teilnehmende tatsächlich besser durch das Gesundheitssystem geführt werden als diejenigen, die nicht an der HzV teilnehmen. Im Interview berichtet Prof. Schreyögg über die Ergebnisse der Studie.
Prof. Jonas Schreyögg, Direktor des Hamburg Centre for Health Economics (HCHE)
Prof. Schreyögg, was ist die hausarztzentrierte Versorgung und was soll sie erreichen?
Die HzV soll die Teilnehmenden durch die enge hausärztliche Betreuung besser durch das Gesundheitssystem führen und dadurch eine Über- oder Fehlversorgung vermeiden. Sie soll zu weniger Spezialfacharztbesuchen und Krankenhausaufenthalten führen und dadurch Kosteneinsparungen ermöglichen. Allerdings zeigt die Evaluation, dass die HzV nur eine bedingte Steuerungswirkung aufweist. Die HzV führt zu keiner wesentlichen Verbesserung in der Steuerung der Versorgung, der Wirtschaftlichkeit und bei der Versorgungsqualität.
Was haben Sie sich für die Studie genau angeschaut?
Wir haben die Daten von über 300.000 HzV-Teilnehmenden der TK analysiert und damit eine sehr robuste Datenbasis. Um die Effekte der HzV möglichst genau zu erfassen, haben wir die Versorgungssituation von HzV-Teilnehmenden mit der von Menschen verglichen, die nicht an der HzV teilnehmen, also in der Regelversorgung sind. Wichtig ist: Die beiden Gruppen haben wir so gebildet, dass sie sich weder in ihrem Gesundheitszustand noch in demografischen Merkmalen wie zum Beispiel Alter oder Geschlecht unterscheiden. Keine Gruppe ist also kränker als die andere. Außerdem haben wir die Versorgungssituation der beiden Gruppen über mehrere Jahre hinweg analysiert.
Durch unsere Methodik können wir daher genau herleiten, welchen Effekt die HzV auf die Versorgung ihrer Teilnehmenden wirklich hat. Dafür haben wir uns viele verschiedene Indikatoren angeschaut.
Welchen Einfluss hat die HzV auf die Versorgung?
Tatsächlich hat sich rausgestellt, dass die HzV insgesamt zu keiner wesentlichen Verbesserung in der Steuerung der Versorgung und bei der Versorgungsqualität geführt hat. Das wird durch verschiedene Indikatoren deutlich: Die Teilnehmenden gehen nahezu unverändert oft zu ihrem Hausarzt/Hausärztin – und sogar etwas häufiger zu Facharztpraxen als diejenigen, die nicht an der HzV teilnehmen. Auch Krankenhausaufenthalte werden durch die HzV nicht reduziert. Bei den Arzneimittelverordnungen gibt es kaum Veränderungen im Vergleich zur normalen Regelversorgung.
Lediglich in Teilgruppen, wie Ältere und chronisch Erkrankte, zeigen sich leicht positive Tendenzen durch die HzV, zum Beispiel bei HzV-Teilnehmenden mit Diabetes. Interessant ist auch, dass Versorgungseffekte in die erwünschte Richtung gehen, wenn sich die Teilnehmenden mehr an die Regeln des HzV-Modells halten, also den Weg über ihren HzV- Hausarzt/Hausärztin gehen.
Was sagt die Studie zu den finanziellen Auswirkungen der HzV, kommt es zu Einsparungen?
Finanziell verursacht die HzV Mehrkosten. HzV-Teilnehmende weisen im Vergleich zu den Versicherten, die nicht am HzV-Vertrag teilnehmen, jeweils 122 Euro pro Jahr an zusätzlichen Kosten über alle Leistungsbereiche hinweg auf. Diese Mehrkosten entstehen dadurch, dass für die Versorgung der HzV-Teilnehmenden mehr bezahlt wird, ohne dass es zu Einsparungen an anderer Stelle kommt. Zum Beispiel sinken die Ausgaben für die stationäre Versorgung als wichtigster Kostenblock durch die HzV nicht.
Welche Schlussfolgerung ziehen Sie aus der Studie?
Als größte länderübergreifende Evaluation liefert die Studie wertvolle Erkenntnisse darüber, welche Bedingungen ein erfolgreiches Primärversorgungssystem erfüllen muss. Jetzt gilt es, aus den Erfahrungen zu lernen. Die Studie zeigt, dass der bisherige HzV Ansatz für die meisten Teilnehmenden nicht die gewünschten Steuerungs- und Kosteneffekte erzielt. Sie zeigt aber auch, dass mehr Verbindlichkeit in der Steuerung zu besserer Versorgung führen kann. Entsprechend sollte meiner Meinung nach für den Aufbau des geplanten Primärversorgungssystems unbedingt auf eine stärkere Verbindlichkeit geachtet werden. Außerdem sollte eine künftige Primärversorgung speziell chronisch Erkrankte und Ältere mit ihren Behandlungsbedarfen in den Blick nehmen.
Zur Studie
Laut der größten länderübergreifenden HzV-Evaluation führt die HzV weder zu der angestrebten Vermeidung von unnötigen Facharztkontakten noch zu weniger Krankenhausaufenthalten. Der TK entstehen dadurch Mehrkosten von 160 Millionen Euro jährlich. Die gesamte Studie sowie eine politische Einordnung aus TK-Perspektive gibt es im Presseportal.