Christiane Haun-Anderle

Notfallversorgung entlasten mit digitaler Rettungskette

Die Kassenärztliche Vereinigung Thüringen (KVT) hat im Mai 2026 ein landesweites Tele-Notarztsystem in Betrieb genommen. Das ist der letzte Schritt, um die gesamte Rettungskette im Land zu digitalisieren. Im Interview berichtet KVT-Hauptgeschäftsführer Sven Auerswald über den Weg dorthin.

Demografischer Wandel, überfüllte Notaufnahmen und steigende Einsatzzahlen – die Notfallversorgung steht zunehmend unter Druck. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, geht die Kassenärztliche Vereinigung Thüringen (KVT) mit dem Tele-Notarztsystem neue Wege. Erste Erfahrungen zeigen bereits den Erfolg: weniger unnötige Notarzteinsätze vor Ort, bessere Abstimmung zwischen Rettungskräften und Krankenhäusern und Entlastung für die Notaufnahmen. Im Interview haben wir mit dem KVT-Hauptgeschäftsführer Sven Auerswald über die Einführung und bisherigen Erfahrungen gesprochen.

Sven Auerswald, Hauptgeschäftsführer der Kassenärztliche Vereinigung Thüringen (KVT)

Wie war der Weg von der Idee bis zur Etablierung des Tele-Notarztsystems?

Vorab muss man wissen: Die KV Thüringen organisiert schon seit 2009 im Auftrag der Landesregierung die notärztliche Versorgung im Freistaat. Obwohl diese Aufgabe für eine KV ungewöhnlich ist, sind wir diesen Weg aber gegangen.

Eine telemedizinische Unterstützung wurde in Thüringen erstmals in der Corona-Pandemie ab 2020 eingesetzt, und zwar als Rückfallebene für infektionsbedingte, flächendeckende Notarztausfälle. Auch für Ärztinnen und Ärzte galten Quarantäne-Pflichten bei Kontakt mit Covid-infizierten Personen. Auf die ersten Erfahrungen in der Pandemie, folgte ein Pilotprojekt in Kooperation mit dem Amt für Brandschutz, Katastrophenschutz und Rettungsdienst der Stadt Weimar, den in Weimar an der Durchführung des Rettungsdienstes Beteiligten sowie der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin des Sophien- und Hufeland-Klinikums Weimar. Das Ganz erfolgte zunächst auf eigene Faust, von der Idee bis zur Finanzierung. Glücklicherweise haben die regionalen Krankenkassen den Mehrwert dieses Konzepts sehr schnell erkannt und die Finanzierung übernommen. Dafür waren und sind wir bis heute sehr dankbar.

Im Jahr 2023 wurde der Einsatz des Telenotarztes als Bestandteil der notärztlichen Versorgung im Thüringer Rettungsdienstgesetz verankert. Damit wurde die Grundlage geschaffen, um eine landesweite Einrichtung zu schaffen. Über viele Jahre haben wir die Rettungskette dann digitalisiert, vom Einsatzprotokoll bis zum digital dazugeschalteten Notarzt. Das Thüringer Innenministerium und das Thüringer Gesundheitsministerium haben dieses Großprojekt finanziell gefördert, wofür wir überaus dankbar sind.

Wie ist die digitale Rettungskette mit dem Tele-Notarztsystem aufgebaut?

Angefangen haben wir 2018 damit, das Einsatzprotokoll zu digitalisieren. Die Notärztinnen und -ärzte haben weiterhin ein Protokoll zu ihren Einsätzen angefertigt, aber mit dem Unterschied, dass beim Schreiben ein „smarter Stift“ zum Einsatz kam. Dieser hat das Geschriebene direkt digitalisiert.

Im Jahr 2020 folgte mit dem Projekt „MEDiRETT“ die Vernetzung der Rettungswagen mit den Krankenhäusern. Die Rettungsfachkräfte können mithilfe digitaler Technik bereits aus dem Rettungswagen heraus die Patientinnen und Patienten für die Aufnahme in der Klinik voranmelden. Informiert wird etwa über den Zustand der Person, die Art der Verletzung oder Erkrankung sowie die voraussichtliche Ankunftszeit. Anhand dieser Informationen kann das Klinikum frühzeitig die nötigen Vorbereitungen in der Notaufnahme treffen. Gleichzeitig können im Rahmen des rettungsdienstlichen Einsatzes erhobene Befunde und Parameter bereits vorab an die Klinik übermittelt werden.

Mit diesem Vorhaben wurde in Thüringen die Verzahnung von Rettungsdienst und Notaufnahme bereits umgesetzt, was im Zuge der anstehenden Notfallreform bundesweit erst noch eingeführt werden soll. Das System minimiert damit den bürokratischen Aufwand. Viel wichtiger ist aber noch, dass Patientinnen und Patienten in den Kliniken viel schneller mit den richtigen Maßnahmen behandelt werden können. Und nun runden die landesweit verfügbaren Telenotärztinnen und -ärzte die vollständig digitalunterstütze Rettungskette ab.

In welchen Szenarien kommen die Telenotärztinnen und -ärzte zum Einsatz?

Die Telenotärztinnen und -ärzte unterstützen den Rettungsdienst: Das notärztliche Personal kann zu jeder Zeit digital als zusätzliche Entscheidungshilfe in den laufenden Einsatz eingebunden werden.

Sie können zum Beispiel die kritische Phase zwischen dem Eintreffen des Rettungswagens und des Notarztes oder -ärztin vor Ort überbrücken, wenn notärztliche Expertise dringend geboten ist. Die Vitaldaten der Patientinnen und Patienten werden an den Telenotarzt oder -ärztin übertragen. Diese können dann den Zustand in Echtzeit einschätzen und im Bedarfsfall die Rettungsfachkräfte vor Ort zu notärztlichen Maßnahmen anleiten, bis der Notarzt bzw. -ärztin am Einsatzort eintrifft.

Insbesondere bei fraglichen Vorstellungen in einem Krankenhaus, nicht notfallrelevanten Erkrankungen oder Verletzungen kann telemedizinisch notärztliches Personal zu Rate gezogen werden. Das Tele-Notarztsystem kann zum Beispiel auch entscheiden, dass ein Transport ins Krankenhaus nicht nötig ist. Außerdem können die Telenotärztinnen und -ärzte im Rahmen von Verlegungstransporten zum Einsatz kommen.

Wie viele Ärztinnen und Ärzte beteiligen sich daran?

An sieben Tagen in der Woche sind rund um die Uhr zwei Telenotärztinnen oder -ärzte im Einsatz, sodass für alle Fälle zu jeder Zeit eine Rückfallebene eingerichtet ist. Aktuell nehmen 37 Notärztinnen und -ärzte aus allen Thüringer Regionen teil. Zum Vergleich: In ganz Thüringen sind rund 900 Ärztinnen und Ärzte an der klassischen Notfallversorgung beteiligt.

Wie kann das neue Tele-Notarztsystem die Versorgung verbessern und die Notaufnahmen entlasten?

Das Stichwort Entlastung trifft es genau auf den Punkt. Es handelt sich beim Telenotarzt um ein ergänzendes Angebot, das die bestehenden Notarztstrukturen unterstützen und keineswegs ersetzen soll. Jährlich gibt es in Thüringen rund 90.000 Notarzteinsätze – und in zahlreichen Fällen wäre unter Umständen der Notarzt vor Ort verzichtbar gewesen. Wenn beispielsweise die Rettungsfachkräfte nach Rücksprache mit dem Telenotarzt erkennen, dass eine Vorstellung in der Notaufnahme nicht zwingend notwendig ist, entlasten wir damit die Krankenhäuser. Das notärztliche Personal im klassischen Einsatz kann sich so auf die Fälle konzentrieren, in denen ihre Expertise am dringendsten gebraucht wird.

Wenn bei planbaren Verlegungstransporten eine Telenotärztin oder ein Telenotarzt statt einer physisch anwesenden Person den Zustand des Patienten überwachen kann, erweitern wir auch in diesen Fällen die Kapazitäten im Sinne einer besseren Patientenversorgung und -steuerung.

Ist der Digitalisierungsprozess damit finalisiert, oder gibt es noch Pläne und Wünsche für die Zukunft?

Derzeit arbeiten wir daran, bei der Datenübertragung auch Kliniken angrenzender Bundesländer einzubinden. Ganz ähnlich wie heute schon in Thüringer Kliniken wollen wir damit erreichen, dass Patientinnen und Patienten in Krankenhäusern jenseits der Landesgrenzen vorangemeldet werden können.

Natürlich beobachten wir auch den Trend zur Künstlichen Intelligenz und prüfen, welche Anwendungen die digitalisierte Rettungskette ergänzen können. Potenziell sehen wir die Chance, die erfassten Daten besser auszuwerten, was zu einer optimierten Zuweisung der Patientinnen und Patienten an die richtigen Hilfestellen führen kann.



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