Kathrin Heydebreck

„Ein Hitzetag kostet Deutschland über 400 Millionen Euro“

Die Umweltmedizinerin und Wissenschaftlerin Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann erforscht, wie sich der Klimawandel auf die Gesundheit auswirkt. Im Interview erklärt sie, warum Allergien zunehmen, wie wir uns vor Hitze schützen können und warum Tropenkrankheiten längst nicht mehr nur in den Tropen auftreten.

Claudia Traidl-Hoffmann untersucht im Labor am Universitätsklinikum Augsburg die komplexen Zusammenhänge von Umwelt und Gesundheit. Welche Faktoren in der Umwelt fördern unsere Gesundheit und welche können zu chronischen Krankheiten wie Allergien führen? Die Professorin für Umweltmedizin hat sich ein ambitioniertes Ziel gesetzt: Mit Aufklärung und Prävention will sie die Zahl der Menschen mit Allergien auf etwa zehn Prozent reduzieren – aktuell sind 15 Prozent der Menschen in Deutschland betroffen. Wir haben sie für ein Interview getroffen, das es in voller Länge im Podcast Maschinenraum Gesundheit zu hören gibt.

Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann (Foto: Samuel Tschaffon)

Was hat der Klimawandel mit der Zunahme von Pollen-Allergien zu tun?

Dazu kann man grundsätzlich vier Dinge nennen: Erstens wird die Pollensaison länger. Durch die Erderwärmung fliegen die Pollen bei uns das ganze Jahr über. Zweitens fliegen mehr Pollen pro Tag. Die Pflanzen sind unter Stress und deswegen produzieren sie mehr Pollen, gerade die Birken. Und drittens wird der Pollen selbst aggressiver. Er produziert mehr von dem Eiweiß, das bei uns die Allergie auslöst. Dieses Eiweiß dient dem Abwehrsystem des Pollens und entsteht als Stressreaktion auf Umweltverschmutzung oder Trockenheit. Und der vierte Punkt ist: Wir haben neue Pollen. Zum Beispiel das beifußblättrige Traubenkraut, eine invasive Pollenspezies, die gerade im Herbst Menschen unter Asthma leiden lässt.

Zur Person

Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann ist Professorin für Umweltmedizin an der Medizinischen Fakultät der Universität Augsburg und leitet als Chefärztin die Hochschulambulanz für Umweltmedizin am Universitätsklinikum Augsburg. Darüber hinaus ist sie Direktorin des Instituts für Umweltmedizin bei Helmholtz Munich. Außerdem sitzt Prof. Traidl-Hoffmann im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen und ist Sonderbeauftragte für Klimaresilienz und Prävention des bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit, Pflege und Prävention.

Mit den steigenden Temperaturen gibt es nicht mehr nur Pollen, es kommen auch exotische Insekten zu uns – zum Beispiel die Tigermücke. Steigt damit auch die Gefahr, sich hierzulande mit Tropenkrankheiten zu infizieren?

Ja, das ist ein Tsunami, für den die Infektionsmedizin schon heute Lösungen sucht. Die Tigermücke hat am Gardasee und in Südfrankreich bereits zu Dengue-Fieber-Virusinfektionen geführt. Das Gute ist: Gegen Dengue-Fieber gibt es eine Impfung. Man kann sich also schützen, aber die Tigermücke ist trotzdem tückisch: Sie fliegt auch tagsüber, ist nicht zu hören und sehr klein. Hinzu kommen andere Krankheiten, die ich früher im Medizinstudium noch als Tropenkrankheit kennengelernt habe. Dazu zählen das Chikungunyafieber und das West-Nil-Fieber, das mittlerweile bereits in Berlin vorkam. Auch das Risiko, sich eine „Frühsommer-Meningoenzephalitis“ zu holen – also eine durch Zecken übertragene virusbedingte Gehirn- und Hirnhautentzündung –, beginnt längst nicht mehr erst im Frühsommer. Die Zecken breiten sich nämlich genauso wie die Pollen-Saison aus. Konkret zeigt sich das auch durch mehr Borreliose-Fälle, da Borrelien bei höheren Temperaturen aktiver sind.

Sie beraten unter anderem die Bayerische Staatsregierung. Was empfehlen Sie der Politik, zum Beispiel um Menschen in Städten vor Hitze zu bewahren?

Ich bin für eine „Health-in-all-Policies“, also dafür die Gesundheit in allen Politikfeldern zu verankern. Bei jeder gesellschaftlichen Aktion müssen wir immer die Gesundheit mitdenken, auch beispielsweise bei der Städteplanung. Derzeit haben wir Asphalt-Wüsten, zu viel Straßenverkehr und eine hohe Schadstoffbelastung. Wir brauchen mehr Bäume und Wasser und müssen den öffentlichen Nahverkehr erweitern, um weniger auf das Auto angewiesen zu sein. Es hilft nicht, Parkplätze einfach nur teurer zu machen oder zu streichen. Deutschland hat viel Luft nach oben und es gibt viele Vorbilder, an denen wir uns orientieren können. Durch ganz Paris kann man zum Beispiel wunderbar mit dem Fahrrad fahren. Außerdem sollte die Politik Prävention ganz nach oben stellen. Sie spart Geld, weil jeder Mensch, der gesund ist, arbeiten kann und so die Krankenkassen weniger kostet. Gesundheit ist unser höchstes Gut.

Ein Hitzetag kostet Deutschland über 400 Millionen Euro, weil es zum Beispiel zu Produktivitätsverlusten und Arbeitsausfällen sowie zu Fehltagen durch hitzeinduzierte Krankheiten und Unfälle kommt.

Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann

Wie kann sich jede und jeder selbst vor Hitze schützen?

Der erste und wichtigste Schutz vor Hitze ist: die Hitze ernst nehmen. In Deutschland arbeiten zwei Millionen Menschen draußen. Für sie ist Hitzeschutz gleich Arbeitsschutz. Wir sehen hier im Universitätsklinikum Menschen, die morgens völlig gesund und abends an einem Hitzschlag gestorben sind, weil sie ohne Kopfbedeckung auf einer schwarzen Dachpappe gearbeitet haben. Wenn es draußen 35 Grad hat, fällt es aber auch drinnen schwer, konzentriert zu arbeiten. Ein Hitzetag kostet Deutschland über 400 Millionen Euro, weil es zum Beispiel zu Produktivitätsverlusten und Arbeitsausfällen sowie zu Fehltagen durch hitzeinduzierte Krankheiten und Unfälle kommt. Das hat dieses Jahr das Bundesministeriums für Arbeit und Soziales im Bericht Klimabedingte Risiken für die Arbeitswelt berechnen lassen. Deshalb sollte man dafür sorgen, dass der Raum kühl ist, indem man ihn morgens verschattet. Ich rate auch, feuchte Tücher aufzuhängen, die Füße in einem kalten Topf Wasser zu baden und vor allem ein Glas Wasser pro Stunde zu trinken. Ältere Menschen und erkrankte Menschen sollten Hitzetage im Blick haben und sich mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin absprechen. Bei hohen Temperaturen muss beispielsweise die Dosierung bestimmter Medikamente angepasst werden. Außerdem müssen Arzneimittel kühl aufbewahrt werden, wenn es in den Räumen tagsüber zu heiß wird.

TK-Report zum Einfluss des Klimawandels auf die Arbeitswelt

Hitze ist nicht nur heißes Sommerwetter, sondern geht auch auf die Gesundheit. Laut des TK-Gesundheitsreports spüren ca. 60 Prozent der Beschäftigten, dass sich der Klimawandel auf ihr Wohlbefinden auswirkt. Doch welche konkreten Folgen hat das für die einzelnen Branchen? Was wünschen sich die Beschäftigten, um auch in Zeiten des Klimawandels gesund arbeiten zu können? Antworten gibt die Befragung des Instituts für Betriebliche Gesundheitsberatung (IFBG) im Auftrag der TK. Hier geht es zum TK-Gesundheitsreport 2025: „Macht das Wetter krank? Der Einfluss des Klimawandels auf die Arbeitswelt“.



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