In den TK-geförderten „Ohrenstark“-Workshops werden Hörbeeinträchtigte von Trainerinnen und Trainern begleitet, die selbst eine Hörbehinderung haben und aus eigener Erfahrung wissen, worauf es im Alltag ankommt. In altersgerecht zusammengestellten Gruppen üben die Teilnehmenden, ihre Hörsituation verständlich zu erklären und Bedürfnisse zu formulieren. Auch für Eltern und Geschwisterkinder gibt es ein passendes Workshop-Angebot.
Wir haben mit der Initiatorin Nicole Schilling und dem Trainer Benedict Kolajka gesprochen. Kolajka trägt seit seiner Kindheit Hörgeräte und auf einer Seite seit drei Jahren ein Cochlea-Implantat. Es überträgt den Schall mit elektrischen Impulsen. Damit können selbst Menschen, die ertaubt sind, wieder etwas hören.
Benedict Kolajka, ehrenamtlicher Trainer bei „Ohrenstark“
Herr Kolajka, wie erleben Sie Ihren Alltag mit einer Hörbeeinträchtigung?
Benedict Kolajka: In meinem Kopf kommen Sprache und alle weiteren Geräusche gleichzeitig an. Laute oder sehr schnelle Kommunikationssituationen wie im Unterricht, Gespräche in Gruppen oder öffentliche Orte wie Bahnhöfe können schwierig sein. Menschen mit Hörbehinderung können sich schnell ausgeschlossen fühlen, weil sie Informationen verpassen. In der Hörgeschädigten-Pädagogik gibt es einen Ansatz, den wir auch bei „Ohrenstark“ verfolgen: Dabei geht es darum, eine innere Haltung zu entwickeln, mit der die eigene Höreinschränkung nicht als Makel, sondern als Teil der eigenen Identität gesehen wird, mit der man sicher und selbstbewusst umgeht.
Nicole Schilling, eine der Initiatorinnen von „Ohrenstark“
Was erleben Sie in den Workshops?
Nicole Schilling: Der psychologische Effekt des Austauschs unter Gleichgesinnten ist riesig. Ein Satz, den wir immer wieder hören, lautet: „Hier sind alle gleich, hier sind wir normal.“ Viele Kinder erleben zum ersten Mal einen Raum, in dem Hörgeräte oder Cochlea-Implantate nicht erklärt werden müssen. Es ist für sie entlastend und stärkend, sich so zeigen zu können, wie sie sind.
Benedict Kolajka: Die Kinder und Jugendlichen erleben uns als Erwachsene, die mit einer ähnlichen Hörbehinderung unterschiedliche Bildungs- und Berufswege gegangen sind. So können wir zu Vorbildern werden. Zu Beginn sage ich in unserer Vorstellungsrunde zum Beispiel: „Ich bin Benny und trage ein Hörgerät.“ Auch die Kinder stellen sich so vor und nehmen diese offene Haltung im besten Fall in ihren Alltag mit. Viele entwickeln sich im Lauf der Zeit von zurückhaltenden Personen zu selbstbewussten, lebhaften Jugendlichen, die ihre Bedürfnisse klar benennen können. Das hilft, Missverständnisse im Alltag zu vermeiden.
Was sind denn typische Missverständnisse und Konflikte?
Nicole Schilling: Kinder mit Hörbeeinträchtigung reagieren manchmal nicht, wenn sie von hinten oder aus größerer Entfernung angesprochen werden. Außenstehende deuten das mitunter als Arroganz. Hilfreich ist dann ein Hinweis wie: „Sprich mich von vorne an, dann kann ich Dich verstehen und Dir antworten.“ Oder sie wirken im Unterricht schüchtern und beteiligen sich wenig, weil sie bei dem Geräuschpegel nicht alles mitbekommen. Deshalb ist es wichtig für sie zu lernen, ihre Andersartigkeit anzunehmen und zu äußern, was sie brauchen, um gleichberechtigt kommunizieren zu können.
Benedict Kolajka: Bei „Ohrenstark“ lernen sie, dass Schwierigkeiten etwa in Gesprächen mit ihrer individuellen Hörsituation zusammenhängen und nicht mit persönlichem Versagen, und sie üben, ihr Kommunikationsbedürfnis auszusprechen. Zum Beispiel indem sie sagen: „Lass uns an einen ruhigeren Ort gehen, da kann ich besser mit Dir sprechen.“ Auch in der Kommunikation mit Lehrkräften liegt viel Potenzial. Hier kann ein Hinweis auf den vereinbarten Nachteilsausgleich helfen, wie etwa zusätzliche Schreibzeit bei Klassenarbeiten.
Zu den Personen
Für Nicole Schilling rückte das Thema Hörbehinderung im Jahr 2006 mit der Geburt ihrer ältesten Tochter, die mittel- bis hochgradig schwerhörig ist, in den Mittelpunkt. Seit 2014 engagiert sich die Diplom-Betriebswirtin im Vorstand der Elternvereinigung hörgeschädigter Kinder in Hessen, seit 2019 als deren erste Vorsitzende. Außerdem ist Schilling eine der Initiatorinnen von „Ohrenstark“.
Benedict Kolajka legte sein Abitur an einer Regelschule ab und absolvierte ein Studium der Erziehungswissenschaften. Hauptberuflich ist er stellvertretender Leiter in einem integrativen Kindergarten in Frankfurt und ehrenamtlich nun schon im fünften Jahr Trainer bei „Ohrenstark“.
Wie unterstützt „Ohrenstark“ die Eltern?
Nicole Schilling: Wir erklären den Eltern zum Beispiel mit Hörsimulationen, wie ihre Kinder hören. Situationen wie „Wir rufen zum Abendessen, aber niemand kommt“ werden dann anders bewertet. Auch bestärken wir Eltern, auf die Schule zuzugehen, um für besondere bildungsrelevante Bedürfnisse zu sensibilisieren und zum Beispiel eine bessere technische Versorgung oder Unterricht in Räumen mit besserer Akustik einzufordern. Eltern und Geschwister profitieren auch vom Austausch „auf Ohrenhöhe“ mit anderen Familien in ähnlicher Situation.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Benedict Kolajka: Hörbehinderungen sind oft unsichtbar, die Barrieren aber real. Wir brauchen mehr Aufklärung, damit sich Betroffene nicht immer wieder neu erklären müssen.
Nicole Schilling: Kinder und Jugendliche sollen ihre Ausbildung und ihren Beruf nach Fähigkeiten und Interessen wählen können, ohne durch vermeidbare Barrieren gebremst zu werden. Sie sollen die gleichen Chancen haben wie alle anderen. Dazu braucht es Aufklärung, strukturelle Unterstützung, gelebte Inklusion und Angebote wie dieses, in denen sie lernen, für sich selbst einzustehen.