Natalie Hahn

Migräne-App: von der Idee zum festen Alltagsbegleiter

Zehn Jahre am Markt, über eine Million Downloads und wissenschaftlich belegt. Wir haben mit Prof. Dr. Hartmut Göbel von der Schmerzklinik Kiel und Klaus Rupp, Leiter des TK-Versorgungsmanagements, über die Erfolgsgeschichte der Migräne-App gesprochen.

Lange noch bevor Apps auf Rezept und Künstliche Intelligenz (KI) eine Rolle in der Gesundheitsversorgung spielten, wagte die TK gemeinsam mit der Schmerzklinik in Kiel einen digitalen Vorstoß: die Migräne-App. Heute, zehn Jahre später, wurde sie mehr als 1,14 Millionen Mal heruntergeladen und ist ein wertvoller Begleiter für Menschen mit Migräne. Prof. Dr. Hartmut Göbel, Gründer und Ärztlicher Direktor der Schmerzklinik Kiel, und Klaus Rupp, Leiter des TK-Versorgungsmanagements, ziehen Bilanz über ein Jahrzehnt Innovation.

Prof. Dr. Hartmut Göbel, Gründer und Ärztlicher Direktor der Schmerzklinik Kiel

Was hat 2016 den Anstoß für die Idee der Migräne-App gegeben?

Prof. Dr. Göbel: Ausgangspunkt war ein Problem, das wir aus der täglichen Versorgung kannten: Migräne findet fast vollständig außerhalb der Arztpraxis statt. Gleichzeitig trugen immer mehr Menschen mit dem Smartphone einen leistungsfähigen Computer ständig bei sich. Da lag der Gedanke nahe: Warum nutzen wir das nicht, um Menschen dort zu unterstützen, wo ihre Migräne tatsächlich stattfindet – im Alltag?
Dabei ging es von Anfang an um mehr als einen elektronischen Kopfschmerzkalender. Wir wollten Wissen vermitteln, den individuellen Verlauf sichtbar machen, vor Medikamentenübergebrauch warnen und gemeinsame Therapieentscheidungen von ärztlichem Personal und den Betroffenen unterstützen.

Klaus Rupp, Leiter des TK-Versorgungsmanagements

Eine Gesundheits-App war damals etwas komplett Neues. Was hat die TK bewogen, den Weg mitzugehen?

Herr Rupp: 2016 gab es lediglich allgemeine Patientenbroschüren. Die haben Patientinnen und Patienten zwar informiert, aber sie waren für alle gleich. Mit einer Gesundheits-App konnten wir erstmals auf die jeweilige Krankheitssituation zugeschnittene Patienteninformationen geben. Das war für uns eine Chance, um Versicherte im Umgang mit ihrer Krankheit zu unterstützen und ihnen eine Begleitung bei chronischen Erkrankungen außerhalb der Arztpraxis zu ermöglichen. Betroffene können mit der Gesundheits-App interagieren, ihr Befinden und die umgesetzte Therapie festhalten – das stärkt auch unmittelbar die Patientensicherheit.

Über eine Million Downloads sind beeindruckend, aber woran erkennt man, ob eine Gesundheits-App medizinisch etwas bewirkt?

Prof. Dr. Göbel: Downloads allein sind noch kein Nachweis medizinischen Nutzens. Deshalb haben wir die Migräne-App früh wissenschaftlich evaluiert. An einer Untersuchung nahmen 1.464 Nutzerinnen und Nutzer teil. Rund 71 Prozent brachten ihre App-Auswertungen in die ärztliche Sprechstunde mit. Etwa 76 Prozent berichteten, dass die App sie bei der Einhaltung des Behandlungsplans und der Therapieregeln unterstützte. Bei 58 Prozent wurden die Daten gemeinsam mit dem Arzt für Therapieentscheidungen genutzt. Das fand ich besonders interessant. Es widerspricht der Vorstellung, Digitalisierung entferne Patienten vom Arzt.

Die App wurde über zehn Jahre kontinuierlich weiterentwickelt – beispielsweise kam im Jahr 2025 ein KI-gestützter Assistent dazu. Wie könnte die App in 10 Jahren aussehen?

Herr Rupp: Das ist ein weiter Blick in die Zukunft. Aber ich glaube, in zehn Jahren wird sich die Migräne-App zu einem vorausschauenden, KI-gestützten Gesundheitsassistenten entwickeln. Indem die App im Hintergrund Daten von Smartwatches oder Umweltwerte analysiert, erkennt sie schon Stunden vorher, dass eine Attacke bevorsteht. Bevor die Schmerzen richtig einsetzen, greift die App aktiv ein, zum Beispiel indem sie ein kleines, tragbares Gerät aktiviert, das die Nerven stimuliert und die Attacke mildert. Schließlich ermöglicht die App, Medikamente exakt auf die Patientinnen und Patienten abzustimmen, weil der behandelnde Neurologe alle wichtigen Daten vorliegen hat.

Was braucht eine Gesundheits-App, damit sie nicht nach zwei oder drei Jahren wieder verschwindet?

Prof. Dr. Göbel: Für mich sind es drei Dinge. Erstens: Sie muss ein echtes medizinisches Problem lösen. Zweitens: Sie muss wissenschaftlich fundiert sein. Drittens: Sie muss für Menschen so einfach und nützlich sein, dass sie sie tatsächlich in ihrem Alltag verwenden. Und vielleicht kommt ein vierter Punkt hinzu: Man darf eine digitale Anwendung niemals als fertig betrachten.

Herr Rupp: Außerdem wird relevant sein, dass die App integrierter Teil der Versorgung ist. Das heißt, dass ärztliches Personal die App wie eine Medikation einsetzt und verordnet. Zudem sollte die App für den Datenaustausch zwischen dem ärztlichen Personal und den Patientinnen und Patienten über die elektronische Patientenakte (ePA) angebunden sein.

Weitere Details

Die Migräne-App ist ein Meilenstein in der Vorsorge und Behandlung von Migräne und Kopfschmerzen. Sie wurde in enger Zusammenarbeit von Expertinnen und Experten der Schmerzklinik Kiel, des bundesweiten Kopfschmerzbehandlungsnetzes und der Techniker entwickelt.



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