Die Vision ist der tatsächlichen Erfindung immer einen Schritt voraus; und das manchmal um Jahrhunderte. Dennoch sind diese Erfindungen schließlich im Stande, die Welt zu verändern. Der Traum der Telefonie entstand bereits im 18. Jahrhundert. „Das Pferd frisst keinen Gurkensalat“, den ersten Satz, der über ein Telefon gesprochen wurde, vernahm die Welt aber erst 1861. Apollo 11 landete 1969 auf unserem Erdtrabanten, also knapp 100 Jahre nach der Veröffentlichung von Jules Vernes „Von der Erde zum Mond“.
Mehr als 100 Jahre sind vergangen seit Frederick Twort und Félix d‘Hérelle in den Jahren 1915 beziehungsweise 1917 die Bakteriophagen entdeckten und 1919 die erste medizinische Anwendung erfolgte. Heute gewinnen Bakteriophagen (kurz: Phagen) wieder an globaler Bedeutung.
Prof. Dr. Kühn gibt TK-Landespressesprecher Leon Strohmaier einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand
Phagen: die natürlichen Feinde der Bakterien
Phagen sind Viren, die ausschließlich Bakterien infizieren und dabei hochspezifisch agieren: Ein Phage, der beispielsweise das Bakterium Staphylococcus aureus zerstört, ist in der Regel nicht gegen andere Bakterienspezies wirksam. Der Phage dringt in die bakterielle Zelle ein, vermehrt sich und zerstört sie.
Prof. Dr. Kühn, Herzchirurg und Leiter des nationalen Phagenzentrums der Medizinischen Hochschule Hannover, vergleicht die Wirkungsweise mit dem Schlüssel-Schloss-Prinzip: „Es gibt ganz viele Schlösser, es gibt ganz viele Schlüssel – den richtigen Match zu finden, ist mitunter etwas mühsam. Sicher ist: Für jedes Bakterium gibt es den passenden Phagen.“ Und genau hier liegt ein möglicher Vorteil gegenüber Antibiotika, die zunehmend an ihre Grenzen stoßen.
Multiresistente Erreger: ein wachsendes Problem
2023 stufte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) antimikrobielle Resistenzen als eine der zehn größten globalen Bedrohungen für die öffentliche Gesundheit ein. Weltweit gehen laut WHO-Schätzung jährlich fünf Millionen Todesfälle auf resistente Bakterien zurück.
Das Problem: Bakterien mutieren, passen sich an – und das schneller als die Antibiotika-Forschung angemessen reagieren kann. „In der Wissenschaft werden die Stimmen lauter, die von einer Post-Antibiotika-Ära sprechen“, umreißt Prof. Dr. Kühn den Status Quo.
Eiskalter Tresor: In der Tiefkühlung sammelt das Phagenzentrum alle bisher identifizierten Phagengattungen. Mittlerweile sind es 80 verschiedene gegen zwölf verschiedene Bakterienspezies.
Phagenforschung in Niedersachsen
An der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) ist die Phagentherapie in der Klinik für Herz‑, Thorax‑, Transplantations- und Gefäßchirurgie angesiedelt. Als nationales Phagenzentrum gewährleistet die Einrichtung die Auswahl gut charakterisierter Phagen und die Herstellung ausgewählter Phagen in den Laboren.
Die Suche nach dem richtigen Phagen beginnt allerdings nicht in den sterilen Räumen des Phagenzentrums. Im Gegenteil, berichtet Laborleiter Dr. Evgenii Rubalskii: „Einer meiner ersten Dienstgänge ging in Gummistiefeln und mit zwei Kanistern ins Herrenhäuser Klärwerk.“
Löcher im Bakterienrasen auf einer Agarplatte geben Hinweise auf die Existenz geeigneter Phagen.
Individualisierte Einzelphagen: präzise, effizient, aber teuer
Denn in Hannover wird auf natürlich vorkommende Phagen gesetzt; keine Synthese, keine genetische Modifikation. Die gefundene Gattung wird charakterisiert, isoliert und schließlich vermehrt, bis eine hochdosierte Einzelphagen-Therapie möglich ist.
Der in Hannover verfolgte Ansatz unterscheidet sich von Verfahren, bei denen vorgefertigte Phagencocktails zum Einsatz kommen, wie sie beispielsweise in Russland oder Kasachstan verwendet werden. Höchst präzise und effektiv, ist der individualisierte Einzelphage jedoch zeit- und kostenintensiv; ihn in standardisierten Zulassungsverfahren zu integrieren ist schwer.
Prof. Dr. med. Christian Kühn (rechts) und Dr. Evgenii Rubalskii
Phagentherapie in Deutschland als ultima ratio
„Bei modernen Reserve-Antibiotika oder Lastline-Antibiotika reden wir auch von Therapiekosten von 800 bis 1000 Euro pro Tag. Und mit Phagen wollen wir keine Pickel behandeln. Es handelt sich um das letztmögliche Mittel“, betont Prof. Dr. Kühn. An der MHH wurden bislang 68 erfolgreiche Heilversuche mit individualisierten Einzelphagen unternommen – alle mit Erfolg. Prof. Dr. Kühn unterstreicht: „Bei diesen Patienten war das Ende der therapeutischen Fahnenstange erreicht.“ Trotz der nachgewiesenen Wirksamkeit der lytischen Bakteriophagen-Therapie ist ihre Anwendung nur als ultima ratio Therapie gemäß § 37 der Deklaration von Helsinki und damit nur in besonderen Fällen möglich.
Die Forderung von Prof. Dr. Kühn ist daher klar: „Wir, das sind Entscheider aus Forschung, Praxis und Politik, müssen uns an einen Tisch setzen und schauen, wie wir der wachsenden antimikrobiellen Resistenz Herr werden können. Und ich bin davon überzeugt, dass Phagen hier entscheidend sein können.“
Zur Person
Prof. Dr. med. Christian Kühn ist Facharzt für Herzchirurgie und leitender Oberarzt in der Abteilung für Herz-, Thorax-, Transplantations- und Gefäßchirurgie an der Medizinischen Hochschule Hannover. Zusätzlich leitet er dort das Nationale Zentrum für Phagen-Therapie und setzt Bakteriophagen bei der Therapie von Herzpatientinnen und -patienten ein.
Evgenii Rubalskii ist Assistenzarzt der Klinik für Herz-, Thorax-, Transplantations- und Gefäßchirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover. Er forscht zu Bakteriophagen und ist Laborleiter im nationalen Phagenzentrum.