Hier setzt das Projekt „PEKo – Partizipative Entwicklung von Konzepten zur Gewaltprävention in der Pflege“ an. Seit 2018 entwickelt und erprobt die TK gemeinsam mit stationären und ambulanten Pflegeeinrichtungen sowie Krankenhäusern und mehreren Hochschulen praxisnahe Konzepte, die Gewaltprävention im Alltag verankern. Die Ergebnisse zeigen eine gestiegene Sensibilität und ein gestärktes Bewusstsein für respektvolle Kommunikation.
Bundesweites Angebot in der Pflege
Mit einer exklusiven Ausbildung zu PEKo-Beraterinnen und -Beratern geht das Projekt nun in die nächste Phase. Im Herbst 2025 fand erstmals eine mehrtätige Schulung statt, bei der teilnehmende Fachkräfte qualifiziert wurden, Einrichtungen im Rahmen einer TK-Projektförderung zu begleiten, interne Arbeitsgruppen zu beraten und die Umsetzung des Programms gemeinsam mit der TK zu unterstützen. Wir haben darüber mit Anja Bergmann gesprochen, wissenschaftliche Mitarbeiterin im PEKo-Projekt an der Universität zu Köln und Dozentin für das PEKo-Programm.
Anja Bergmann
Frau Bergmann, Sie begleiten PEKo seit vielen Jahren. Welche Formen kann Gewalt in der Pflege annehmen – und bleibt das Thema weiterhin ein Tabu?
Gewalt in der Pflege kann sehr unterschiedliche Formen annehmen – physisch, psychisch, sexualisiert, finanziell oder auch digital. Hinzu kommen Vernachlässigung und freiheitsentziehende Maßnahmen. Gewalt kann sehr subtile Ausprägungen annehmen, die im Alltag leicht übersehen werden. Wichtig ist: Das Erleben von Gewalt ist subjektiv. Aktuell liegt der öffentliche Fokus stark auf Gewalt gegen Gesundheitspersonal – eine wichtige Perspektive, die zu Recht viel Aufmerksamkeit erhält, in den Medien jedoch oft sehr zugespitzt dargestellt wird. Die alltäglichen, weniger sichtbaren Formen, die auch vom Gesundheitspersonal selbst ausgehen können, geraten dabei kaum in den Blick.
Wenn ich mit Beschäftigten spreche, erlebe ich ein sehr differenziertes Bewusstsein für die vielen Graubereiche. Was oft fehlt, sind Räume, in denen diese Erfahrungen ohne Skandalisierung oder Schuldzuweisungen besprochen werden können. Genau dort setzt PEKo an: mit Formaten, die dabei helfen, ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln, eigene Wahrnehmungen und Handlungen zu reflektieren und sensibel miteinander ins Gespräch zu kommen.
Mit der neuen Ausbildung von PEKo-Beraterinnen und -Beratern geht das Projekt in die nächste Phase. Warum ist dieser Schritt so wichtig?
PEKo ist ein wissenschaftlich entwickeltes und über viele Jahre praxisnah erprobtes Konzept. Die neue Berater:innenausbildung sorgt dafür, dass diese Ergebnisse fachlich weiter gestärkt und langfristig abgesichert werden. Im Herbst 2025 haben wir den ersten Ausbildungsworkshop für PEKo-Beraterinnen und Berater durchgeführt. Dabei wurde deutlich: Die Teilnehmenden bringen bereits viel Erfahrung aus Organisationsentwicklung und Beratung mit – wir können so sehr gut unsere wissenschaftliche Expertise mit praktischer Umsetzungskompetenz verbinden.
Es ist keineswegs selbstverständlich, dass ein Präventionsprojekt dauerhaft in die Breite getragen wird und nachhaltig in den Einrichtungen ankommt. Viele gute Ansätze laufen nach einer Erprobungsphase aus. Umso wertvoller ist es, dass PEKo nun von der TK strukturell verankert und mit qualifizierten Expertinnen und Experten weitergeführt wird. Nach unserem Wissen gibt es in Deutschland kein anderes Angebot, das die Prävention von Gewalt in unterschiedliche Richtungen über so viele Settings hinweg – stationär, ambulant, Krankenhaus – so umfassend zusammenführt.
Die Teilnehmenden der ersten PEKo-Schulung für Berater und Beraterinnen, die im Herbst 2025 in Köln stattfand.
Welche Inhalte und Kompetenzen werden in der Schulung vermittelt?
Die Ausbildung umfasst sowohl vertiefende fachliche Grundlagen als auch methodische und organisatorische Kompetenzen. Dazu gehören unter anderem die Bausteine des PEKo-Programms, also Inhalte, Methoden und Umsetzungswege. Aber auch eine fundierte Sensibilisierungseinheit zum Gewaltverständnis, wie wir sie auch in den Einrichtungen durchführen – das ist wichtig, damit die Beraterinnen und Berater einen guten Zugang zu den zukünftigen PEKo-Teams finden. Auch Fachwissen zu Gewaltformen, Prävention und den Erfahrungen aus den bisherigen Teilprojekten wird vermittelt, um die Handlungssicherheit zu stärken.
Zusätzlich ist für die neuen PEKo-Berater und Beraterinnen das Wissen um den TK-Förderantrag „Starke Pflege“ wichtig. Dieses Hintergrundwissen und die Einbettung des Programms in die Strukturen der TK ist elementar für die Realisierung von PEKo in der Einrichtung. Mit dem Antrag formulieren die Einrichtungen ihren Bedarf und reichen diesen bei der TK ein.
Wie praxisnah ist die Ausbildung – gibt es Fallbeispiele oder Anwendungsszenarien?
Nach der theoretischen Einführung werden konkrete Umsetzungsszenarien durchgespielt – darunter zwei umfassende Fallbeispiele. Die Teilnehmenden wenden die Methoden an, die später auch in den Einrichtungen genutzt werden, und reflektieren gemeinsam, wie diese im Alltag funktionieren können. Die Rückmeldungen zeigen, dass dieser Praxisteil besonders wertvoll ist, weil er Sicherheit gibt und die Übertragung in die eigene Beratungstätigkeit erleichtert.
Welchen Nutzen haben Pflegeeinrichtungen, wenn sie künftig mit ausgebildeten PEKo-Beraterinnen und -Beratern zusammenarbeiten?
Einrichtungen profitieren von einem strukturierten und bewährten Programm, das hilft, Gewaltprävention dauerhaft in ihrer Organisation zu verankern. Die Beraterinnen und Berater unterstützen dabei, passende Maßnahmen zu entwickeln und ein gemeinsames Verständnis im Team aufzubauen.
Das Angebot basiert auf einem Konzept, das über viele Jahre in unterschiedlichen Settings erprobt, evaluiert und weiterentwickelt wurde. Einrichtungen erhalten praxistaugliche Arbeitsmaterialien, erprobte Vorlagen und einen klaren Rahmen mit festen Elementen wie einem Erstgespräch mit der Leitungsebene, einem PEKo-Tag zur Teamentwicklung, regelmäßigen Treffen des PEKo-Teams und einer Leitungsschulung – ohne unnötigen bürokratischen Aufwand. Gleichzeitig bleibt genug Freiraum, um die Umsetzung flexibel an die jeweilige Einrichtung anzupassen und an bestehende Strukturen anzuknüpfen.
Wie geht es nach Abschluss der Ausbildung weiter – bleiben die Beraterinnen und Berater eng ans Netzwerk angebunden?
Ja – sowohl an uns als auch an die regionale TK-Struktur. Nach der Schulung starten die Beraterinnen und Berater mit der Umsetzung des Programms in interessierten Einrichtungen. Dabei begleiten wir sie aktiv, unterstützen bei der Umsetzung und stehen für Rückfragen zur Verfügung. Gleichzeitig sind auch die regionalen Pflege-Expertinnen und Experten Prävention der TK vor Ort aktiv eingebunden. Darüber hinaus ermöglichen wir den Austausch der neuen Beraterinnen und Berater untereinander, damit Erfahrungen und Lösungswege geteilt werden können – besonders wichtig in der Anfangsphase, in der viele ähnliche Fragen auftreten.
Was braucht es, damit Gewaltprävention nicht nur ein Projekt bleibt, sondern dauerhaft in den Einrichtungen verankert wird?
Entscheidend ist, dass das Thema in den Einrichtungen auf Leitungsebene als relevant erkannt und aktiv vorangetrieben wird. Leitungsteams müssen bereit sein, Ressourcen bereitzustellen – sei es Zeit, Personal oder organisatorische Unterstützung – gleichzeitig ist es wichtig, bereits bestehende Strukturen zu nutzen und sinnvoll an diese anzuknüpfen.
Zugleich braucht es engagierte PEKo-Teams, die sensibilisiert sind, über Fachwissen und Handlungssicherheit verfügen und Maßnahmen kontinuierlich weiterentwickeln. PEKo versteht sich nicht als zeitlich begrenztes Projekt, sondern als Programm, das Einrichtungen langfristig implementieren und das Strukturen schafft oder ergänzt, in denen Gewaltprävention dauerhaft gelebt wird – gerade auch, indem vorhandene Ressourcen gebündelt und bereits bekannte Herausforderungen im Themenfeld aufgegriffen werden.
Unterstützung der TK
Die TK engagiert sich seit Jahren im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung und Prävention in der Pflegebranche. Unsere Expertinnen und Experten beraten fachlich, unterstützen aber auch mit konkreten Projektideen und Förderungen stationäre, teilstationäre und ambulante Pflegeeinrichtungen sowie Krankenhäuser.
Weitere Informationen zu PEKo finden Sie auf dem TK-Lebensweltenportal, über das Kontaktformular können Sie mit den TK-Expertinnen und Experten über den Einsatz von PEKo ins Gespräch kommen.