Denise Jacoby

Videospielsucht: „Nur noch eine Runde“

Digitale Spiele gehören für viele zum Alltag und bieten Spaß und Erfolgserlebnisse. Aber was macht sie eigentlich so faszinierend und wo beginnt die Sucht? Im Interview berichtet die Psychologin Jessica Kathmann-Rosenthal, woran man problematisches Gaming erkennen kann und wie sich Betroffene helfen können.

Rund die Hälfte der Menschen in Deutschland nutzt regelmäßig Video- und Computerspiele. Bei Kindern und Jugendlichen ist das Spielen häufig fest im Alltag verankert. Fachleute sehen gerade in dieser Altersgruppe einen leichten Anstieg auffälliger Nutzungsmuster. Welche Faktoren dazu beitragen, wie sich unbeschwertes Spielen von problematischem Gaming unterscheidet und welche Warnsignale auf eine beginnende Abhängigkeit hindeuten, erläutert die Kathmann-Rosenthal im Gespräch.

Jessica Kathmann-Rosenthal, Psychologin (M. Sc.)

Wo endet normale Spielfreude und wo beginnen problematisches Gaming und Spielsucht?

Von einer Videospielabhängigkeit wird laut der Internationalen Krankheitsklassifikation „ICD-11“ gesprochen, wenn eine Person die Kontrolle über das Spielen verliert, beispielsweise wenn Dauer und Situationen des Spielens nicht mehr gesteuert werden können. Die Spiele erhalten für Betroffene eine immer höhere Priorität im Alltag, während andere Interessen und Aktivitäten zunehmend in den Hintergrund treten.

Trotz negativer Konsequenzen für Beziehungen, Schule, Ausbildung oder Beruf wird weitergespielt, möglicherweise sogar noch intensiver. Dieses Verhalten muss in der Regel über einen Zeitraum von zwölf Monaten dauerhaft oder immer wieder in Episoden auftreten und zu deutlichen Beeinträchtigungen in wichtigen Lebensbereichen führen. Die reine Spieldauer pro Tag ist dabei kein Diagnosekriterium. Entscheidender ist, wie stark das Spielen das Leben bestimmt und einschränkt.

Zur Person

Jessica Kathmann-Rosenthal ist Psychologin (M. Sc.) und promoviert seit 2024 am Leibniz‑Institut für Wissensmedien Tübingen zum Lernen mit digitalen Spielen. Nebenberuflich arbeitet sie mit Dr. Benjamin Strobel und Nicolas Hoberg im Unternehmen „Behind the Screens“, das Fachkräfte zu psychischen Auswirkungen digitaler Medien und Spiele informiert und berät. Alle drei sind im Podcast „Videospielsucht verstehen“ zu hören.

Die Hessische Landesstelle für Suchtfragen e.V. rückt das Thema Videospielsucht, mit dem sich Familien, Schulen und Beratungsstellen zunehmend beschäftigen, in der zweiten Staffel ihres Mediensucht-Podcasts in den Fokus. Der Podcast ist auf allen gängigen Podcast-Plattformen verfügbar und wird von der TK in Hessen gefördert.

Dr. Benjamin Strobel, Nicolas Hoberg und Jessica Kathmann-Rosenthal (v. l. n. r.) aus dem Podcast „Videospielsucht verstehen“

Gibt es Personengruppen, die vermehrt von dem Thema Videospielsucht betroffen sind?

Besonders häufig sind Jugendliche und junge Erwachsene betroffen – und Männer öfter als Frauen. Dass eher junge Menschen betroffen sind, könnte mit der Entwicklung der Impulskontrolle zusammenhängen. Diese ist oft erst ab Mitte 20 voll ausgebildet. Aber auch unabhängig vom Lebensalter unterscheiden sich Personen teilweise erheblich darin, wie gut sie ihre Emotionen regulieren können. Wer Schwierigkeiten damit hat, scheint anfälliger für problematisches Gaming zu sein. Individuelle Faktoren spielen natürlich auch eine Rolle, zum Beispiel die eigene Persönlichkeit oder psychische Vorbelastungen, aber auch die Lebensumstände.

Mit welchen Methoden arbeiten Spielanbieter, um Gamerinnen und Gamer möglichst lange im Spiel zu halten?

Viele Videospiele bieten ständig neue Inhalte und arbeiten mit Belohnungen, die viel häufiger auftreten als bei anderen Aktivitäten. Spielende erhalten unmittelbares Feedback und erleben in kurzer Zeit viele Erfolge. Diese Häufung von Reizen führt dazu, dass viele Spielende kaum innehalten und reflektieren.

Auch Zufallselemente wie virtuelle Überraschungspakete – sogenannte „Lootboxen“ – und andere glücksspielähnliche Mechanismen können die Euphorie weiter steigern. Insbesondere in vermeintlich kostenlosen „Free to Play“-Spielen kommen häufig sogenannte „Dark Patterns“ zum Einsatz. Diese Gestaltungstricks sollen Menschen zu einem Verhalten verleiten, das sie von sich aus so nicht zeigen würden. Zum Beispiel müssen sich Spielende dann zu bestimmten Zeiten einloggen oder eine bestimmte Zeitspanne am Tag spielen, um Boni zu erhalten. Wie stark Dark Patterns tatsächlich zu einer Abhängigkeit von Videospielen beitragen, ist in der Forschung noch nicht eindeutig geklärt. Aus unserer Sicht sollten solche Mechanismen aber nicht eingesetzt werden, besonders in Spielen mit jungen Zielgruppen.

Welche Präventionstipps haben Sie für Betroffene und deren Umfeld?

Für Betroffene ist zunächst eine ehrliche Selbstanalyse wichtig: Aus welchen Gründen spiele ich so viel und wo könnte ich hier ansetzen? Etwa bei ungelösten Konflikten oder belastenden Schwierigkeiten im Alltag? Manchmal helfen bereits einfache Maßnahmen wie ein Wecker, der während des Spielens außerhalb der Reichweite steht, oder Apps, die Zeitlimits für das Spielen setzen. Wichtig ist außerdem, andere Aktivitäten zu finden, mit denen man Erfolgserlebnisse, Verbundenheit mit anderen und eigene Entscheidungsspielräume erlebt.

Für Eltern gibt es Online-Angebote, die bei der Einschätzung und beim Umgang mit problematischem Medienverhalten der Kinder unterstützen. Schulen und Arbeitgeber können externe Präventionsangebote nutzen, zum Beispiel Workshops oder Informationsveranstaltungen.

Angebote für Jugendliche

Mediensucht, Cybermobbing, Sexting, Fake News, Respekt in Games oder Hass im Netz können Heranwachsende stark belasten. Die bundesweite Beratungsplattform JUUUPORT bietet via Messenger unkompliziert und schnell Hilfe bei Fragen oder Problemen. Die Techniker Krankenkasse unterstützt das Projekt bereits seit 2016 und begleitet JUUUPORT bei der stetigen Erweiterung der Online-Seminare für Schulklassen.



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