Katharina Lemke

Diagnose „Rücken“: Wie sinnvoll ist ein Disease Management Programm (DMP)?

Ein Patentrezept gegen den Rückenschmerz gibt es nicht. Dem einen hilft der herabschauende Hund im wöchentlichen Yoga-Kurs, der andere muss mindestens zwei Abende in der Woche auf die Bank, Gewichte drücken, der Dritte schwört auf sanftes Nordic Walking, damit sein Rücken schmerzfrei bleibt. So unterschiedlich die Techniken zur Vermeidung von Rückenschmerzen, so individuell sind in der Regel auch die Ursachen. Wie sinnvoll ist vor diesem Hintergrund ein pauschalisiertes Behandlungskonzept? Was bringt ein DMP für Rückenschmerzen und verbessert sich dadurch tatsächlich die Versorgung?

DMP – kurz für Disease-Management-Programm – sind strukturierte Behandlungsprogramme für Menschen mit chronischen Erkrankungen. Die Kernidee: Die Behandlung des Patienten wird mit einem gezielten Versorgungsmanagement arztgruppen- und sektorenübergreifend koordiniert. Versorgungsdefizite wie Über-, Unter- und Fehlversorgung sollen dadurch abgebaut und gleichzeitig Qualität und Wirtschaftlichkeit der Versorgung verbessert werden. Ein DMP ist dann sinnvoll, wenn chronische Krankheiten intensiv begleitet werden müssen, beispielsweise bei Asthma, KHK (Koronare Herzkrankheit) oder Diabetes.

DMP Rücken?

Für das Krankheitsbild Rückenleiden soll nun ein eigenständiges DMP entstehen. Das entschied der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) in einem Beschluss vom August 2014. Die Umsetzung des DMP „Rücken“ wird nach aktuellem Stand für circa Mitte 2020 erwartet.

Wie das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in seinem Abschlussbericht vom November 2015 verkündete, seien alle erforderlichen Leitlinien für ein Disease-Management-Programm für chronische Rückenleiden erfüllt und alle wichtigen Aspekte von Diagnostik, Therapie und Prophylaxe abgedeckt.

Die Sache hat allerdings einen Haken: Für die besagten Leitlinien gilt, dass nachvollziehbar sein muss, wie evident die Empfehlungen sind, also auf welcher Datengrundlage sie beruhen. Das ist laut des IQWiG-Abschlussberichts zum DMP Rücken nicht immer der Fall – insbesondere bei nicht-medikamentösen Verfahren und Reha-Empfehlungen.

Rücken ist nicht gleich Rücken

Der Ansatz eines DMPs für Rückenschmerz, welches die leitliniengerechte Behandlung durch die Ärzte stärker fördert und die Patienten vor allem mit Hilfe von körperlichen Aktivierungs- und Entspannungsmaßnahmen an der Bewältigung ihrer Erkrankung mitwirken lässt, ist grundsätzlich richtig. Allerdings: Bei Rückenschmerzen ist die Diagnose diffus und oft unspezifisch, die Ursachen sind vielfältig, die Zielgruppe nicht klar abgrenzbar. Rückenbeschwerden basieren in den seltensten Fällen allein auf einer Ursache. Oft kommen mehrere Faktoren wie Bewegungsmangel, einseitige Belastung oder Stress zusammen. Kurz: Rückenschmerzen sind ein Volksleiden und betreffen viele Menschen in unterschiedlicher Ausprägung. In vielen Fällen ist es kein chronisches Leiden, sodass ein langfristiges und stark festgelegtes Behandlungsprogramm wenig Sinn macht.

Auch Vorstandsvorsitzender der TK Dr. Jens Baas spricht sich in einem Gastbeitrag in „Welt der Krankenversicherung“ vom April 2016 gegen ein DMP für Rückenschmerzen aus. Denn Es handele sich „noch nicht einmal um eine definierte Erkrankung, sondern um ein Symptom für viele Erkrankungen“, so Baas.

Pauschalprogramme setzen die falschen Anreize. Vielmehr sollten Behandlungsangebote zielgerichtet auf individuelle Versichertengruppen entworfen werden. In einigen Bereichen wie der Ergonomie und berufsbedingtem Stress kann beispielsweise Betriebliches Gesundheitsmanagement konkret Maßnahmen für gesünderes Arbeiten ergreifen. In vielen anderen Lebensbereichen aber sind die Betroffenen selbst gefragt, für Entlastung zu sorgen. Hier ist letztlich auch der Patient selbst gefragt, denn oft weiß er am besten, was er braucht.

„Wer Stress hat, hat mehr Rücken“: Hier geht’s zur aktuellen Pressemitteilung im TK Pressecenter.

Informationen zu weiteren DMP Programmen finden Sie auf TK.de.


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