Katharina Lemke

Gesunde Arbeit neu denken: Was braucht ein modernes BGM?

Wenn die Techniker am 22. und 23. November beim ersten deutschen Ausbildungsleiterkongress (DALK) in Düsseldorf ist, diskutieren und informieren Experten für Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM), wie Arbeitgeber in Zukunft ein modernes BGM in ihren Unternehmen umsetzen können.

Und auch jeder von uns hat sich diese Frage schon einmal gestellt: Was macht gesunde Arbeit aus? Bürostühle, die sich in abenteuerliche Richtungen drehen lassen? Höhenverstellbare Tische, die jedes Mal die gesamte Kabelage mit sich reißen? Oder doch das vegane Quinoa-Risotto an karamellisierten Pfirsichspalten mit Chiasamen-Topping in der Kantine, das „so naja“ schmeckt?

Gegen Bandscheibenprobleme und Mangelerscheinungen sind wir durch unseren Arbeitgeber heute weitestgehend geschützt. Dem betrieblichen Gesundheitsmanagement sei Dank! Doch was genau steckt darüber hinaus noch alles drin, in der Idee BGM? Was sind seine Potenziale für die Zukunft?

Menschen machen Unternehmenskultur

Darüber habe ich mich mit den BGM-Experten Klaus Jumpertz und Wiebke Arps unterhalten. Beide sind Fachleute auf ihrem Gebiet: Wiebke Arps arbeitet bei der TK und war selbst lange als BGM-Beraterin „im Feld“. Heute arbeitet sie in der Konzeption des Bereichs Gesundheitsmanagement.

Arbeitsmediziner Klaus Jumpertz ist im Bereich Prävention und Gesundheitsförderung für Unternehmen tätig und berät sie zudem als systemischer Management-Coach.

Für viele Unternehmen ist Gesundheitsmanagement eher ein „nice-to-have“. Worauf richten diese bislang mehrheitlich ihren Fokus beim Thema BGM?

Klaus Jumpertz: Schwerpunkt in den Unternehmen ist nach wie vor die betriebliche Gesundheitsförderung, also die Sensibilisierung der Mitarbeiter für die eigene Gesundheit. Das betrifft nicht nur eine vermehrte Bewegung und bessere Ernährung, sondern auch eine Steigerung der Resilienz, also der Widerstandsfähigkeit. Leider wird in den wenigsten Unternehmen ein „echtes“ Gesundheitsmanagement gelebt.

Wiebke Arps: Das stimmt. Eine systemische ganzheitliche Beratung wird von Unternehmen eher selten angefragt. Oft kommen die Unternehmen erst dann auf die BGM-Berater zu, wenn „das Kind schon in den Brunnen gefallen ist“ – wenn also zu viele Mitarbeiter dauerhaft krankheitsbedingt fehlen.

Ein modernes Gesundheitsmanagement kümmert sich nicht nur um die Belastungen am Arbeitsplatz, sondern auch darum, Gesundheitsressourcen der Mitarbeiter zu fördern. Wie sieht das in der Praxis aus?

Arps: Vor allem geht es erst mal darum, ein Bewusstsein bei den Führungskräften des Unternehmens dafür zu schaffen, dass sie Einfluss auf die Gesundheit und das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter haben. Viele denken, beim BGM gehe es darum, Krankheiten zu verhindern beziehungsweise gesundheitliche Beschwerden zu bessern. BGM setzt aber eigentlich ganz woanders an: bei der Förderung des Wohlbefindens der Beschäftigten. Maßnahmen wie eine bewegte Pause, Betriebssportgruppen und gesundes Kantinenessen kratzen dabei nur an der Oberfläche. Eine Aufgabe unserer BGM-Berater ist es darum auch, dem Unternehmen die positiven Ressourcen aufzuzeigen, die es nutzen kann.

Jumpertz: Der Begriff lautet ja „Gesundheitsmanagement“, es muss also im Unternehmen ein Managementprozess etabliert werden. Das heißt, die Betriebe müssen den Begriff  „Gesundheit“ neu definieren und dann analysieren, was ihre Mitarbeiter konkret brauchen, damit sie ihren Arbeitsplatz als gesund empfinden. Und schließlich müssen konkrete Maßnahmen erarbeitet, durchgeführt und die Ergebnisse evaluiert werden.

„Es braucht also eine Unternehmenskultur und Führungskultur, für die Gesundheit nicht nur Massage, Darmkrebsvorsorge und Betriebssport bedeutet. BGM ist eine unternehmerische Managementaufgabe.“ (Klaus Jumpertz)

Was sind die Bedürfnisse der Mitarbeiter?

Arps: Die sind natürlich sehr individuell. Ein paar Faktoren sind allerdings offensichtlich: Durch den demografischen Wandel und ein späteres Renteneintrittsalter sind Beschäftigte länger im Job. Da stellt sich automatisch die Frage, wie der Berufsalltag im Alter gestaltet werden kann. Auf der anderen Seite gibt es viele junge Bewerber, die heute mehr von ihrem Arbeitgeber erwarten und sich fragen: Was kann mir mein Arbeitgeber über das Gehalt hinaus denn bieten?

Zunehmend sind auch die Bedürfnisse, den Beruf und die Zeit für die Familie besser vereinbaren zu können. Das gilt nicht nur für Eltern, sondern auch zum Beispiel für pflegende Angehörige. Führungskräfte müssen ihre Mitarbeiter hier – und das ist ganz wichtig – in der jeweiligen Lebensphase abholen und dafür ein besonderes Gespür haben.

Was sind die Zukunftsfelder eines modernen betrieblichen Gesundheitsmanagements?

Jumpertz: Die Definition davon, was ein gesunder Arbeitsplatz ist, verändert sich. BGM bedeutet nicht mehr nur, sich am Arbeitsplatz ausreichend zu bewegen und in der Kantine gesund zu essen. Ich persönlich glaube, dass der Trend dahin geht, die Schwerpunkte auf Personal- und Organisationsentwicklung zu legen. Wir müssen Begriffe wie „Arbeit“ und „Leistung“ neu definieren. Wir müssen lernen, mit digitalen Medien besser umzugehen und ihre Vorteile effizienter zu nutzen. Trotz massiver Veränderungen in der Arbeitswelt haben viele Unternehmen ihnen noch nicht ausreichend Rechnung getragen. Also können sie nicht von ihren Mitarbeitern verlangen, sich zu verändern. Unternehmen dürfen auf äußere Einflüsse nicht bloß reagieren, sondern müssen der Entwicklung einen Schritt voraus sein.

Was Klaus Jumpertz anlässlich des TK-Gesundheitsreports im Sommer 2016 zum Thema zu sagen hatte, sehen Sie im Video:


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Jessica Kneißler Jessica Kneißler
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