Alle Artikel > Prothesen aus dem 3D-Drucker

Prothesen aus dem 3D-Drucker

07.09.2017

Dieser Beitrag ist Teil des Start-up-Features von Wir Techniker im Rahmen des TK-Accelerators 2017. Unter zahlreichen Bewerbern wurde „Mecuris“ als eines von drei jungen Unternehmen für das 100-tägige Mentoring-Programm ausgewählt.


Es sieht aus wie ein Sandkasten, in dem eine Wunderkerze Muster in den Sand prägt. Schicht für Schicht schmilzt ein Laserstrahl Linien in ein Pulverbett und lässt so millimeterweise aus Polymerstaub den Umriss eines Fußes entstehen. Wenige Stunden dauert es bis der 3D-Drucker auf diese Weise einen kompletten Prothesenfuß erstellt hat und ein fertiges Modell aus dem Pulver geborgen werden kann. Wo sonst Teile für Autos oder Implantate gefertigt werden, druckt das Münchner Start-up „Mecuris“ Prothesen und Orthesen. „Durch das 3D-Druckverfahren können wir unsere Hilfsmittel individuell an den Patienten anpassen“, erklärt Manuel Opitz, einer der sechs Gründer des Unternehmens.

Maßgeschneidert statt Einheitsgröße

Auch für den Badesee geeignet: wasserfeste Prothese und Cover von Mecuris.

Bei herkömmlichen Hilfsmitteln ist es wie bei Kleidergrößen. Der Patient muss in eines der vorhandenen Modelle hineinpassen, während Mecuris Parameter wie Passform, Funktionalität und Design individuell an jeden Patienten anpasst.

Entstanden ist die Idee, Prothesen mittels 3D-Druck zu fertigen, aus der Not heraus. Dr. med. Simon Weidert arbeitet als Unfallchirurg an der Universitätsklinik in München und war auf der Suche nach einer passenden Orthese für einen Patienten mit komplexer Halswirbelsäulenfraktur, dessen Kopf über mehrere Wochen fixiert werden musste. Weil es auf dem Markt kein passendes Produkt gab, entwickelte er zusammen mit seiner Doktorandin, Orthopädietechnikern und Designern die Orthese kurzerhand selbst. Da der Patient das Hilfsmittel sofort brauchte, kamen die herkömmlichen Fertigungsverfahren nicht in Frage. Weidert probierte es mit dem 3D-Druckverfahren und war vom Ergebnis überzeugt. Die Idee zu Mecuris war geboren.

Die vierjährige Emma testet ihren neuen Prothesenfuß.

Bessere Compliance durch individuelles Design

Das Start-up wurde im Mai 2016 als Spin-off des Klinikums der Ludwig-Maximilians-Universität München gegründet. Mittlerweile sitzt das 17-köpfige Team in einem Büro am Sendlinger Tor und hat drei Modelle im Sortiment: Jeweils einen Prothesenfuß für Kinder und Erwachsene und eine kosmetische Verkleidung für Beinprothesen.

Das Besondere bei Mecuris ist, dass nicht nur das Endprodukt digital im 3D-Druck gefertigt wird, sondern der gesamte Erstellungsprozess digitalisiert ist. Das Start-up hat eine Softwareplattform für Orthopädietechniker entwickelt, auf der sie die Maße oder Bilder der Patienten hochladen und die Prothese digital für den Träger maßschneidern. Zur Konfiguration zählt weiterhin individuelle Funktionalität basierend auf Gewicht, Mobilitätslevel oder auch Wasserfestigkeit. Auch die Optik lässt sich individuell gestalten. Für die 4-jährige Emma, die erste kleine Trägerin der Mecuris-Fußprothese, hat das Start-up einen Prothesenfuß in rosa passend zu Ihrem Schaft mit lilafarbenen Herzen gestaltet. „Gerade bei Kindern wird die Compliance enorm gesteigert, wenn sie selbst entscheiden können, wie die Prothese aussieht“, sagt Opitz.

Zwei Millionen Schritte und eine Tonne Belastung

Die große Herausforderung bei der Konstruktion einer Prothese ist die mechanische Stabilität. Um einen natürlichen Gangprozess nachzuahmen, muss sie belastbar sein, auf der anderen Seite jedoch auch flexibel genug, um bei Bewegungen mitzugehen. Die Feuertaufe hatte die Fußprothese von Mecuris im Dezember 2016. Für die CE-Zertifizierung musste der Fußersatz einen Dauerlasttest mit zwei Millionen Gangzyklen und eine Belastung von mehreren Hundert Kilo überstehen. „Wir sind jetzt weltweit die ersten, die 3D-gedruckte Prothesen mit CE-Kennzeichnung fertigen“, so Opitz. Ein wichtiger Meilenstein für das junge Team, um langfristig im ersten Gesundheitsmarkt Fuß zu fassen.

Modell NexStep ist als erste 3D-gedruckte Prothese weltweit CE- und ISO-zertifiziert.

 

„Unsere Vision ist es, dass die Prothese in Zukunft in 48 Stunden ausgeliefert wird“, sagt Opitz. Derzeit dauert die Fertigung von der Vermessung beim Orthopädietechniker bis zur Lieferung maximal zehn Werktage. Diese kurze Produktionszeit ist besonders für Kinder ein großer Vorteil. Regulär beträgt die Anpassungszeit für Prothesen nämlich zwei bis drei Monate, Kinder im Wachstum benötigen jedoch alle drei bis sechs Monate eine neue Prothese.

Gemeinsam mit der TK will das Start-up im Rahmen des Accelerator-Programms den Zugang zum ersten Gesundheitsmarkt beschleunigen, um eine schnellere und individuellere Versorgung zu gewährleisten. Das Start-up setzt hier auf die Erfahrung der TK. „Wir profitieren im Accelerator von der Erfahrung einer Krankenkasse im Hilfsmittelmarkt“, so Opitz. Das gemeinsame Ziel ist es, den derzeit noch komplizierten und aufwendigen Bestellprozess zu vereinfachen und die Erstattung zu beschleunigen.

 

Im Video: „Mecuris“ stellt sich vor.

 


Weiterlesen:

Gründen, entwickeln, pitchen: Das verbirgt sich hinter der Start-up Förderung der TK.

Bitte gib mir nur ein Wort! – Start-up neolexon geht neue Wege in der Sprachtherapie.

Brille an, Phobie aus. Wie funktioniert Virtual Reality in der Angsttherapie?

 

Kommentieren Sie als Erster diesen Artikel

    Weitere Artikel aus den Sammlungen „#SmartHealth“, „Presse und Politik“

    0

    TK-Verwaltungsrat: Stimme der Versicherten

    Die Stimme der Versicherten

    21.09.2018

    Sie tun es ehrenamtlich. Für mehr als zehn Millionen Menschen setzen sie sich ein. Und ihre Entscheidungen sind für alle TK-Versicherten spürbar - die Rede ist von den Verwaltungsräten der TK.  

    Sie tun es ehrenamtlich. Für mehr als zehn Millionen Menschen setzen sie sich ein. Und ihre Entscheidungen sind für alle TK-Versicherten spürbar - die Rede ist von den Verwaltungsräten der TK.  

    Artikel jetzt lesen
    0

    „Demenz ist unsichtbar“

    "Demenz ist unsichtbar"

    17.09.2018

    Am 21. September ist Weltalzheimertag, der auf die häufigste Form von Demenz aufmerksam machen soll. Reinhild Wörheide hat das Konzept für die Kursreihe "Begleitung im Andersland" entwickelt, das TK-Versicherte nutzen können. Im Interview spricht die Diplom-Gerontologin über ihre Erfahrungen.

    Am 21. September ist Weltalzheimertag, der auf die häufigste Form von Demenz aufmerksam machen soll. Reinhild Wörheide hat das Konzept für die Kursreihe "Begleitung im Andersland" entwickelt, das TK-Versicherte nutzen können.

    Artikel jetzt lesen
    0

    Pflegende Angehörige: Was hilft den Helfern?

    Pflegende Angehörige: Was hilft den Helfern?

    10.09.2018

    Der TK-Meinungspuls Pflege zeigt: Einen nahen Angehörigen zu pflegen steht bei den Menschen in Deutschland hoch im Kurs. 86 Prozent der Befragten sind grundsätzlich bereit, zu pflegen. Die Zahl derjenigen, die es tatsächlich tun, ist aber deutlich geringer.

    Der TK-Meinungspuls Pflege zeigt: Einen nahen Angehörigen zu pflegen steht bei den Menschen in Deutschland hoch im Kurs. 86 Prozent der Befragten sind grundsätzlich bereit, zu pflegen. Tatsächlich tun es aber deutlich weniger.

    Artikel jetzt lesen
    0

    Organspende: Wir müssen die Krankenhäuser stärken!

    Organspende: Wir müssen die Krankenhäuser stärken!

    05.09.2018

    Selten herrscht so ein großer Konsens zwischen den Regierungsparteien wie beim Thema Organspende. Die große Koalition ist sich einig, dass die Zahl der Organspender in Deutschland deutlich erhöht werden muss. Dass es den Parteien damit ernst ist, zeigt der jetzt vorgelegte Referentenentwurf für das "Gesetz für bessere Zusammenarbeit und bessere Strukturen bei Organspenden".

    Die große Koalition ist sich einig, dass die Zahl der Organspender in Deutschland deutlich erhöht werden muss. Dass es den Parteien damit ernst ist, zeigt der jetzt vorgelegte Referentenentwurf für das "Gesetz für bessere Zusammenarbeit und bessere Strukturen bei Organspenden".

    Artikel jetzt lesen
    0

    BarCamp Health-IT in Berlin: Unbekannte Welten erschließen

    BarCamp Health-IT in Berlin

    29.08.2018

    Beim BarCamp Health-IT in Berlin diskutierten mehr als 150 Teilnehmer über die technologischen Spielarten von Virtual Reality und Co. im Gesundheitswesen. TKler Conrad Ehrlich berichtet von seinen Eindrücken.

    Beim BarCamp Health-IT in Berlin diskutierten mehr als 150 Teilnehmer über die technologischen Spielarten von Virtual Reality und Co. im Gesundheitswesen.

    Artikel jetzt lesen
    0

    Rätsel Migräne: „Schmerz ist wie ein Puzzlespiel“

    Rätsel Migräne: "Schmerz ist wie ein Puzzlespiel"

    21.08.2018

    Migräne ist nicht gleich Kopfschmerz - während letzteres fast jeder schon einmal erlebte, ist die Migräne eine eigenständige und besonders ausgeprägte Form. Für Betroffene bedeutet dies oft eine starke Einschränkung im Alltag. Prof. Dr. Hartmut Göbel von der Schmerzklinik Kiel im Interview über seine Erfahrungen als Migräne-Experte und wie eine App den Patienten helfen kann.

    Migräne ist nicht gleich Kopfschmerz - während letzteres fast jeder schon einmal erlebte, ist die Migräne eine eigenständige und besonders ausgeprägte Form. Für Betroffene bedeutet dies oft eine starke Einschränkung im Alltag. Prof. Dr. Hartmut Göbel von der Schmerzklinik Kiel im Interview über seine Erfahrungen als Migräne-Experte und wie eine App den Patienten helfen kann.

    Artikel jetzt lesen
    0

    Was die digitale Gesundheitsakte können muss

    Was die digitale Gesundheitsakte können muss

    10.08.2018

    Digitale Vernetzung im Gesundheitswesen - das war das große Thema beim eHealth-Kongress 2018. Wir haben die Gelegenheit genutzt, um Stimmen zur digitalen Gesundheitsakte zu sammeln.

    Digitale Vernetzung im Gesundheitswesen - das war das große Thema beim eHealth-Kongress 2018. Wir haben die Gelegenheit genutzt, um Stimmen zur digitalen Gesundheitsakte zu sammeln.

    Artikel jetzt lesen
    1

    Der Weg zum neuen Morbi-RSA

    Der Weg zum neuen Morbi-RSA

    02.08.2018

    Je kränker der Versicherte, desto mehr Geld bekommt seine Kasse. Das regelt der Morbi-RSA. Das Problem: Kassen können auf ärztliche Diagnosen Einfluss nehmen und sich so Vorteile gegenüber anderen verschaffen. Die Vorbereitungen für die kommende Reform deuten an: Es könnte noch schlimmer werden.

    Je kränker der Versicherte, desto mehr Geld bekommt seine Kasse. Das regelt der Morbi-RSA. Das Problem: Kassen können auf ärztliche Diagnosen Einfluss nehmen und sich so Vorteile gegenüber anderen verschaffen. Die Vorbereitungen für die kommende Reform deuten an: Es könnte noch schlimmer werden.

    Artikel jetzt lesen
    0

    Medizin mit Durchblick

    Medizin mit Durchblick

    31.07.2018

    Virtuelle Welten kennen viele aus Computerspielen. Aber was haben Virtual Reality mit medizinischer Versorgung zu tun? Der eHealth-Kongress in Frankfurt am Main gibt spannende Einblicke.

    Virtuelle Welten kennen viele aus Computerspielen. Aber was haben Virtual Reality mit medizinischer Versorgung zu tun? Der eHealth-Kongress in Frankfurt am Main gibt spannende Einblicke.

    Artikel jetzt lesen