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Brille an, Phobie aus. Wie funktioniert Virtual Reality in der Angsttherapie?

04.09.2017

Dieser Beitrag ist Teil des Start-up-Features von Wir Techniker im Rahmen des TK-Accelerators 2017. Unter zahlreichen Bewerbern wurde „Don’t Be Afraid VR“ als eines von drei jungen Unternehmen für das 100-tägige Mentoring-Programm ausgewählt.


Man nehme einen Experten für Film-Spezialeffekte, einen IT-Consultant, eine Virtual Reality-Brille und eine ausgewachsene Phobie – heraus kommt ein junges Lübecker Start-up mit innovativen Ideen für die Therapie von Angststörungen. „Don’t Be Afraid VR“ nimmt in diesem Jahr am TK-Accelerator teil. In 100 Tagen Coaching wollen sie ihr Produkt fit für den ersten Gesundheitsmarkt machen.

Die Idee zu Don’t Be Afraid VR ist eigentlich eher zufällig entstanden. Das Animieren der ewig selben Autoexplosionen und Laserkanonen für Filmwelten wurde dem SFX-Editor (zuständig für Spezialeffekte in Filmen) Robert Scheffler irgendwann zu langweilig. Ihn kitzelte der Gedanke, mehr mit seinem Handwerk zu machen, etwas zu „bauen“, das Menschen helfen kann.

Die Welt ein Stück besser zu machen und ein Produkt auf den Markt zu bringen, das nicht nur auf Gewinn abzielt, sondern echten Mehrwert für die Gesellschaft bringt, das reizte auch Consultant Felix Scholz, der sich kurze Zeit später dazugesellte. Zusammen bilden sie das Lübecker Start-up Don’t Be Afraid VR. Ihre Idee ist es, die klassische Angsttherapie durch virtuelle Welten zu ergänzen. Mithilfe einer VR-Brille wird der Patient bewusst und von seinem Therapeuten begleitet in Situationen versetzt, die seine Panik auslösen. Im Grunde kein großer Unterschied zur herkömmlichen Phobien-Therapie, außer dass sich die Szenarien eben in der virtuellen und nicht in der realen Welt abspielen. So kann der Patient einfach die VR-Brille aufsetzen und sich – ohne den Raum zu verlassen – auf einer wackeligen Brücke über einer tiefen Schlucht wiederfinden oder in einem Dickicht voller Spinnen.

Wer unter Akrophobie oder Höhenangst leidet, kann virtuell mit Brücken wie dieser konfrontiert werden.

 

Neue Impulse für die Psychotherapie

Die VR-Brille ist eine Ergänzung zur gesprächsbasierten kognitiven Verhaltenstherapie. Mit dem Produkt richten sich Felix Scholz und Robert Scheffler an Therapeuten, die ihre Methoden und Materialien erweitern wollen. Das Gerät beziehungsweise die virtuellen Welten sind dabei engmaschig in den Behandlungsplan eingebunden – nichts passiert ohne eine Begleitung oder konkrete Anweisung des Therapeuten.

Felix Scholz erklärt: „Eine Angststörung ist nicht einfach Angst vor irgendwas. Meistens stecken noch weitere Ursachen dahinter oder die Angst wird begleitet von einer Depression. Wir wollen ein ganzheitliches Konzept für die Angsttherapie entwickeln, in dem der behandelnde Therapeut durch die VR-Technologie unterstützt wird.“

Die Herausforderung ihrer Vision bestehe darin, dass auf dem Feld der Psychotherapie technische Innovationen lange Zeit keine Rolle spielten, erzählt Felix Scholz weiter: „Therapeuten sind es nicht unbedingt gewohnt, sich mit neuen Technologien zu beschäftigen, im Gegensatz zu anderen Bereichen des Gesundheitswesens. Durch unser Angebot möchten wir ein Bewusstsein dafür fördern, dass die Technik den Menschen unterstützen kann und nicht überfordern muss.“

Virtual Reality und ihr Potenzial für die Versorgung

Die klassische Konfrontationstherapie kostet viel Zeit und Geld. VR-Anwendungen lassen sich dagegen verhältnismäßig einfach organisieren und umsetzen. Felix Scholz erklärt:

„Man muss nicht extra ein Flugzeug chartern, um die Angst herauszufordern. Mittels virtueller Realitäten kann der Patient sofort in eine Situation versetzt werden und sich trotzdem vom behandelnden Therapeuten aus dem Off begleiten lassen.“

Die heutige VR-Technologie ist deutlich günstiger und benutzerfreundlicher als zu Zeiten des ersten Hypes in den 90er Jahren. Eine VR-Brille, einen Laptop und zwei Sensoren – mehr braucht es nicht, um mit der VR-Therapie zu beginnen. „Der mobile Aspekt ist besonders für bettlägerige oder paralysierte Patienten oder für Therapiezentren interessant, die mit Problemen wie Überbelegung kämpfen“, sagt Felix Scholz.

Virtual Reality birgt aus Sicht der Gründer ein riesiges Potenzial – gerade für den Gesundheitsbereich. Robert Scheffler betont:

„VR wird schon in so vielen Bereichen eingesetzt: Ob in der Schmerz- oder Suchttherapie, der Demenz-Behandlung, oder sogar im OP – die Technologie passt eigentlich viel stärker in den Gesundheitsbereich als in den Unterhaltungsmarkt.“

Luft nach oben ist immer

Die „Don’t Be Afraid VR“-Gründer Felix Scholz (links) und Robert Scheffler (rechts).

Doch die Therapie via Virtual Reality stößt auch an ihre Grenzen: So gibt es bei einer VR-Brille kein haptisches, nur ein visuelles Erlebnis, entsprechend kann es bei Nutzern zu einer Art Seekrankheit kommen. Robert Scheffler beschreibt es so: „Wenn du den Autoschlüssel drehst und dein Auto losfährt, siehst du das nicht nur, du spürst das auch. Wenn jetzt aber bei einem VR-Erlebnis gänzlich die Gravitationskräfte auf deinen Körper fehlen, kann das mitunter sehr irritieren.“ Um dem Effekt entgegenzuwirken, verwenden die Macher von Don’t Be Afraid VR für ihre Anwendung Brillen, die mithilfe von sogenannter Room-Scaling-Technologie ermöglichen, sich im frei Raum zu bewegen.

Ein Risiko, das derzeit noch existiert, ist auch der Umstand, dass der Patient in der virtuellen Welt auf sich allein gestellt ist. Zwar kann der Therapeut im Behandlungszimmer direkt neben ihm stehen, doch kann er bisher nicht in das virtuelle Geschehen eingreifen. „Dieser soziale Aspekt der VR-Therapie ist noch ausbaufähig, zum Beispiel über eine Art Multiplayer-Modus, der den Therapeuten an der virtuellen Situation teilhaben lässt“, sagt Felix Scholz.

Im Moment fokussieren die beiden Gründer von Don’t be Afraid VR ihre Arbeit auf ihr Business-Modell, die Ausweitung ihres Netzwerks und die Spielregeln des Gesundheitssystems. Dabei helfen ihnen vor allem die neuen Kontakte aus dem TK Accelerator. Felix Scholz sagt: „Für ein Start-up ist es schwer, das eigene Produkt neutral zu bewerten. Der Blick von außen durch unsere Mentoren ist für uns Gold wert. “

Im Video: „Don’t Be Afraid VR“ stellt sich vor.

 


Weiterlesen:

Gründen, entwickeln, pitchen: Das verbirgt sich hinter der Start-up Förderung der TK.

Eintauchen, abtauchen, untertauchen – der Trend Virtual Reality bewegt sich zwischen Forschung, Erlebnis und Suchtrisiko. Ein Interview mit Prof. Dr. Frank Steinicke von der Universität Hamburg über die Zukunft virtueller Technologien.

Virtual Reality im Gesundheitswesen – hier geht es zum Rückblick auf die HLS Cloud Conference 2017.

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