Alle Artikel > Der Innovationsreport 2017 – kein grünes Licht für neue Medikamente

Der Innovationsreport 2017 – kein grünes Licht für neue Medikamente

09.10.2017

von Lara Nüßler

Die Preise neuer Arzneimittel steigen – doch echte Innovationen bleiben aus. Das ist das Ergebnis des Innovationsreports 2017, den die TK gemeinsam mit der Universität Bremen herausgegeben hat. In diesem wird kritisch beurteilt, inwieweit neue Arzneimittel tatsächlich einen Fortschritt im Versorgungsalltag darstellen. Mit Tim Steimle, Leiter des Fachbereichs Arzneimittel bei der TK und einem der Herausgeber, Professor Dr. Gerd Glaeske, sprechen wir über die im Report untersuchten neuen Arzneimittel des Jahres 2014. Der zeitliche Abstand ermöglicht den Autoren, die Präparate fundierter zu bewerten.

Warum unterstützt die TK den Innovationsreport?

Steimle: Mit dem Report bieten wir Ärzten unabhängige Informationen über neue Arzneimittel. Bei dieser strukturierten Nachbewertung steht im Fokus, welchen Nutzen die Patienten von neuen Medikamenten haben und wie diese sich im Markt entwickelten.

Was ist das Ergebnis ihrer Untersuchung?

Steimle: Da die Medikamente im Report mit einigem Abstand zur Markteinführung untersucht und bewertet werden, können wir die Werbeversprechen der Pharmaindustrie genau hinterfragen. Im aktuellen Report haben wir sehr viele teure Präparate und dementsprechend gehofft, dass diese auch einen hohen Nutzen für die Patienten haben. Leider ist dem jedoch nicht so.

Kann man der Pharmaindustrie das Streben nach Profit vorwerfen?

Steimle: Nein, wir brauchen eine leistungsfähige und profitable Pharmaindustrie. Aber die Solidargemeinschaft muss die Kosten auch schultern und von den Innovationen profitieren können. Außerdem würden wir uns wünschen, dass nicht nur in den extrem hochpreisigen Segmenten geforscht wird, sondern auch auf die Bedürfnisse der Ärzte und Patienten eingegangen wird. Setzen wir Anreize, werden diese wieder ausgehebelt und missbraucht.

… Wie bei den Medikamenten zur Behandlung von seltenen Erkrankungen?

Steimle: Ja, derzeit hat die Industrie ein großes Interesse, dass möglichst viele Krankheiten als selten eingestuft werden. Sie schaffen es auch immer wieder bei Krankheiten, die eigentlich gar nicht selten sind und erhalten somit Vorteile, zum Beispiel wenn es um die Preisverhandlungen geht. Ein Arzneimittel für seltene Krankheiten muss nicht beweisen, dass es besser ist als bisherige Therapien ist und erzielt deshalb hohe Preise.

Wie geht die TK mit den steigenden Kosten um?

Steimle: Wir sind zunächst einmal bereit, für gute Arzneimittel auch einen angemessenen Preis zu bezahlen. Wir müssen aber immer wieder sehen, auch in den Reporten aus den letzten Jahren, dass die Arzneimittel nicht den Nutzen haben, den sie vor oder zur Markteinführung versprechen. Wenn wir jetzt versuchen, die Industrie mit weiteren Anreizen in eine bestimmte Richtung zu lenken oder bestimmte Präparate bevorzugen, dann wird das nur wieder ausgenutzt werden. Es ist daher am sinnvollsten und einfachsten, dass der Herstellerrabatt von sieben auf zehn Prozent erhöht wird. Dafür könnte die Industrie ja bei den zweifelhaften Fortbildungsveranstaltungen und Anwendungsbeobachtungen sparen, für die sie in Deutschland jährlich etwa 563 Millionen Euro ausgibt.

Prof. Dr. Glaeske vom SOCIUM und Tim Steimle, Fachbereichsleiter Arzneimittel bei der TK, präsentieren den Innovationsreport 2017.

 

In dem Innovationsreport 2017 sind besonders die hohen Preise der neuen Arzneimittel auffällig. Zudem forschen die Hersteller nicht in den Bereichen, in denen Ärzte und Patienten dringend neue Wirkstoffe benötigen, sondern dort, wo die höchste Rendite zu erwarten ist. Herr Professor Glaeske vom Socium der Universität Bremen kritisiert die frühe Nutzenbewertung, wie sie im Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) vorgesehen ist, als nicht ausreichend und nennt noch weitere Maßnahmen zur Qualitätssicherung.

Herr Professor Glaeske, wie bewerten sie die Ergebnisse des diesjährigen Reports?

Vorstellung des Innovationsreports 2017 auf der Pressekonferenz am 20. September 2017.

Glaeske: Die Therapiefortschritte sind eher gering. Daher konnten wir in diesem Jahr auch kein einziges Arzneimittel mit der besten Kategorie, einer grünen Gesamtampel, bewerten. Es fehlt eindeutig an guten Innovationen, die den Patienten einen echten Nutzen bringen.

Das Medikament Sovaldi (Sofosbuvir) kann Hepatitis C heilen. Warum hat es keine grüne Gesamtampel bekommen?

Glaeske: Sovaldi ist als große Revolution gefeiert worden und wir haben den Zusatznutzen mit einer „gelben Ampel“ gewürdigt. Das bedeutet nicht, dass Sovaldi überhaupt nicht innovativ ist, es ist sogar ein sehr wichtiges Mittel, mit dem die Hepatitis C-Infektion besser behandelbar ist als früher und die Heilungschancen deutlich gestiegen sind. Und diesen Vorteil hat sich der Hersteller mit einem extrem hohen Preis bezahlen lassen. Sovaldi trägt nicht umsonst den Titel als „teuerste Pille der Welt“. Wir haben aber mit diesem neuen Arzneimittel überhaupt noch keine Langzeiterfahrungen, sodass wir über den patientenorientierten Nutzen noch keine sicheren Aussagen machen können.

Was nicht in die Bewertung eingeflossen ist: Der Markt antiviral wirkender Mittel gegen Hepatitis C hat sich seit der Markteinführung von Sovaldi weiterentwickelt und es gibt mittlerweile Arzneimittel, die besser und zuverlässiger gegen alle Subtypen der Hepatitis C wirken.

Sie sagen, wir haben keine Langzeiterfahrungen für Sovaldi. Finden denn solche Untersuchungen statt?

Glaeske: Nicht wirklich. Die Industrie finanziert zwar sogenannte Anwendungsbeobachtungen, aber dies dient meist nur dem Zweck, dass das zu beobachtende Präparat häufiger verschrieben wird. Wir brauchen dringend eine Spätbewertung von Arzneimitteln und zwar analog zu der heute schon stattfindenden frühen Nutzenbewertung. Wir sehen oft erst Jahre nach Markteinführung das ganze Spektrum an Nebenwirkungen. Zwar werden dann Warnhinweise, die Rote-Hand-Briefe verschickt, aber das ersetzt keine systematische Nebenwirkungsforschung nach der Zulassung.

Wo sehen Sie beim AMNOG noch Entwicklungsbedarf?

Glaeske: Wie schon Herr Steimle gesagt hat, werden immer mehr Arzneimittel mit dem Status versehen, dass sie gegen seltene Erkrankungen sind, obwohl die Erkrankungen meist gar nicht wirklich selten sind. Die Hersteller haben davon hauptsächlich finanzielle Vorteile. Aber zur Verbesserung der Qualität sollte auch bei diesen Arzneimitteln eine Nutzenbewertung durchgeführt werden. Nicht nur weil sie extrem teuer sind, sondern weil wir im Zweifelsfall einem Patienten ein Medikament geben, das überhaupt keinen Nutzen für ihn hat.

Im Video: Eindrücke von der PK zum Innovationsreport in Berlin am 20. September 2017

 


Weiterlesen:

Die digitale Pressemappe zur Pressekonferenz „Innovationsreport 2017“.

Das Arzneimittelkonto TK-ViA gibt Versicherten darüber Auskunft, welche Arznei-, Verband- und Hilfsmittel vom Arzt in den vergangenen zwei Jahren verordnet wurden.

Neue Arzneimittel unter der Lupe – der Innovationsreport 2016.


Lara ist für drei Monate, in der Zeit zwischen ihrem Bachelor und Master, Praktikantin in der Unternehmenskommunikation der TK. In ihrer Freizeit ist sie gerne sportlich aktiv – entweder beim Reiten oder Kampfsport.

 

 


 

Kommentieren Sie als Erster diesen Artikel

    Weitere Artikel aus der Sammlung „Presse und Politik“

    0

    CEBIT 2018: IT, die bewegt

    CEBIT 2018: IT, die bewegt

    15.06.2018

    In der digitalen Lebenswelt spielt nicht nur die Vernetzung zum Datenaustausch eine entscheidende Rolle. Auch materielle Güter und Personen wollen möglichst smart von A nach B kommen. Gerade auf einem weitläufigen Gelände wie dem der CEBIT in Hannover gibt es große Distanzen zu überwinden – und vielfältige Mittel der Fortbewegung zu bestaunen. Ein Tag auf der weltweit größten Messe für Informationstechnik.

    Auf der CEBIT in Hannover gibt es große Distanzen zu überwinden – und vielfältige Mittel der Fortbewegung zu bestaunen. Ein Tag auf der weltweit größten Messe für Informationstechnik.

    Artikel jetzt lesen
    0

    So klappt’s auch mit dem Hausarzt – Umsetzungsvorschlag regionaler Zuschläge

    So klappt's auch mit dem Hausarzt

    13.06.2018

    "Ärzte, die in wirtschaftlich schwachen (…) ländlichen Räumen praktizieren, werden über regionale Zuschläge besonders unterstützt" - so verspricht es der Koalitionsvertrag von Union und SPD. Gleichzeitig soll die sogenannte "Sprechende Medizin" gestärkt werden. Das ist richtig und wichtig - wie aber soll die konkrete Umsetzung aussehen?

    "Ärzte, die in wirtschaftlich schwachen (…) ländlichen Räumen praktizieren, werden über regionale Zuschläge besonders unterstützt" - so verspricht es der Koalitionsvertrag von Union und SPD. Gleichzeitig soll die sogenannte "Sprechende Medizin" gestärkt werden. Das ist richtig und wichtig - wie aber soll die konkrete Umsetzung aussehen?

    Artikel jetzt lesen
    0

    Nachgefragt: Perspektive Pflege

    Nachgefragt: Perspektive Pflege

    05.06.2018

    Pflege beherrscht die Schlagzeilen. Kein Wunder - sie betrifft früher oder später uns alle. Was muss passieren, damit sich die Bedingungen für alle verbessern? Wir haben bei zwei Experten nachgefragt.

    Pflege beherrscht die Schlagzeilen. Kein Wunder - sie betrifft früher oder später uns alle. Was muss passieren, damit sich die Bedingungen für alle verbessern? Wir haben bei zwei Experten nachgefragt.

    Artikel jetzt lesen
    0

    #Gesundheit2018 – Schöne neue Welt?

    #Gesundheit2018 - Schöne neue Welt?

    05.06.2018

    Mehr als 600 Expertinnen und Experten aus ganz Europa trafen sich am 24. und 25. Mai 2018 in der Yachthafenresidenz Hohe Düne, um über die neuesten Entwicklungen in der Gesundheitsbranche zu diskutieren. Das diesjährige Motto der Veranstaltung "Gesundheit2018 – schöne neue Welt?" verdeutlichte anhand konkreter Projekte, dass die tatsächlich erlebbare Patientenversorgung für den digitalen Fortschritt entscheidend ist.

    Mehr als 600 Expertinnen und Experten aus ganz Europa trafen sich am 24. und 25. Mai 2018 in der Yachthafenresidenz Hohe Düne, um über die neuesten Entwicklungen in der Gesundheitsbranche zu diskutieren.

    Artikel jetzt lesen
    1

    Arztbesuch von der Couch aus

    Arztbesuch von der Couch aus

    28.05.2018

    Fernbehandlung via Online-Videosprechstunde & Co. soll künftig auch ohne vorherigen persönlichen Kontakt möglich sein. Damit bietet sich eine Chance, lange Anfahrtswege und volle Praxen zu vermeiden und stattdessen die Versorgung in strukturschwachen Regionen zu stärken.

    Fernbehandlung kann helfen, lange Anfahrtswege und volle Praxen zu vermeiden und stattdessen die Versorgung in strukturschwachen Regionen zu stärken.

    Artikel jetzt lesen
    0

    Experten räumen mit Cannabis-Mythen auf

    Experten räumen mit Cannabis-Mythen auf

    25.05.2018

    Mit ihrem aktuellen Cannabis-Report hat die TK für ein beachtliches Medienecho gesorgt. Seit einem Jahr bezahlen die Krankenkassen Cannabis auf Rezept. Doch gehen Vorstellung und Realität der Nutzung ebenso weit auseinander wie die Meinungen zur Evidenz von medizinischem Cannabis. Was steckt wirklich dahinter?

    Seit einem Jahr bezahlen die Krankenkassen Cannabis auf Rezept. Doch gehen Vorstellung und Realität der Nutzung ebenso weit auseinander wie die Meinungen zur Evidenz von medizinischem Cannabis. Was steckt wirklich dahinter?

    Artikel jetzt lesen
    0

    Guter Ansatz mit Luft nach oben

    Guter Ansatz mit Luft nach oben

    22.05.2018

    Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will was bewegen, und das so schnell wie möglich. Der erste Gesetzesentwurf nimmt sich gleich der Finanzierung an und trägt den klingenden Namen "Versichertenentlastungsgesetz". Was bedeutet es für Kassen und Versicherte? Und wo kommt der Risikostrukturausgleich ins Spiel? Eine Analyse von TK-Politikchef Volker Möws.

    Jens Spahn will was bewegen. Der erste Gesetzesentwurf nimmt sich gleich der Finanzierung an und trägt den klingenden Namen "Versichertenentlastungsgesetz". Was bedeutet es für Kassen und Versicherte? Und wo kommt der Risikostrukturausgleich ins Spiel? Eine Analyse von TK-Politikchef Volker Möws.

    Artikel jetzt lesen
    0

    „Selbstverwaltung ermöglicht Versicherten selbstbestimmte Entscheidungen“

    Der Sinn der Selbstverwaltung

    17.05.2018

    Zum Tag der Selbstverwaltung sprechen Corina Reifenstein (Arbeitgebervertreterin) und Gerard Wolny (Versichertenvertreter) des TK-Verwaltungsrats über die Arbeit der Ehrenamtlichen und Erwartungen an die Politik.

    Zum Tag der Selbstverwaltung sprechen Corina Reifenstein (Arbeitgebervertreterin) und Gerard Wolny (Versichertenvertreter) des TK-Verwaltungsrats über die Arbeit der Ehrenamtlichen und Erwartungen an die Politik.

    Artikel jetzt lesen
    0

    „Regionale Zusammenarbeit ist ein Riesengewinn“

    "Regionale Zusammenarbeit ein Riesengewinn"

    14.05.2018

    Wie steht Deutschland im Vergleich zu anderen EU-Staaten da, wenn es um grenzüberschreitende Versorgung und das deutsche Sozialsystem im Ganzen geht? Dr. Günter Danner, Europabeauftragter der TK und stellvertretender Direktor der Europavertretung der Deutschen Sozialversicherung, sprach dazu auf dem Gesundheitskongress "SALUT! DaSein gestalten" in Saarbrücken. Im Interview greifen wir die wichtigsten Aspekte nochmals auf.

    Wie steht Deutschland im Vergleich zu anderen EU-Staaten da, wenn es um grenzüberschreitende Versorgung und das deutsche Sozialsystem im Ganzen geht? Dr. Günter Danner, Europabeauftragter der TK und stellvertretender Direktor der Europavertretung der Deutschen Sozialversicherung, sprach dazu auf dem Gesundheitskongress "SALUT! DaSein gestalten" in Saarbrücken. Im Interview greifen wir die wichtigsten Aspekte nochmals auf.

    Artikel jetzt lesen