Christina Crook

Neues Verfahren rettet Menschenleben

Infektionen bei Klinikpatienten frühzeitig bekämpfen – das ist eine große Herausforderung. Zu den schwerwiegendsten zählt die Sepsis. Eine neue Methode bedeutet nun einen kleinen Durchbruch – das könnte nicht zuletzt Intensivstationen in Zeiten des Coronavirus entlasten.

Mehr als 320.000 Menschen im Jahr erkranken laut einer Studie* des Universitätsklinikums Jena bundesweit an einer Sepsis, umgangssprachlich auch als Blutvergiftung bekannt. Fast jeder vierte Patient stirbt daran. Die Genesungschancen eines Patienten hängen maßgeblich davon ab, wie schnell der verantwortliche Erreger identifiziert und eine passgenaue Behandlung durchgeführt wird.

Mit dem Duisburger Start-up Noscendo GmbH und der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg Universität Mainz hat die TK jetzt ein neues Projekt gestartet, das insbesondere die Therapie von Sepsis-Patienten erheblich verbessern soll. Wir sprachen mit Dr. Philip Stevens, dem Geschäftsführer der Noscendo GmbH, und Dr. Peter Haug, Leiter der Geschäftsentwicklung, über das neue Verfahren.

Herr Stevens, wie funktioniert das neue Verfahren, mit dem Sie Infektionskrankheiten schneller und leichter feststellen wollen?

Dr. Philip Stevens, Geschäftsführer der Noscendo GmbH

Erreger-Proben werden mit über 6.000 bekannten Genomen in der Datenbank verglichen und ausgewertet.

Uns ist es gelungen, mittels eines vollkommen neuen, softwaregestützten Verfahrens Erreger im Blut eines Patienten schneller zu identifizieren und zu bewerten. Mit dem sogenannten DISQVER-Test lassen sich Erbgutuntersuchungen von Erregern durchführen, indem Proben mit über 6.000 bekannten Genomen in der Datenbank verglichen und ausgewertet werden. So können wir eine Vielzahl von Keimen – Bakterien, DNA-Viren, Pilze und Parasiten -, identifizieren und ihre Relevanz bewerten. Und das deutlich schneller als bisher: Dies alles passiert innerhalb von circa 24 Stunden.

 Kann man mit diesem Verfahren auch andere Krankheiten diagnostizieren?

DISQVER kann bei vielen infektions-assoziierten Erkrankungen eingesetzt werden. Die Sepsis ist dabei nur das „Paradebeispiel“. Im Rahmen einer deutschlandweiten Pilotierung setzten führende Kliniken DISQVER bereits letztes Jahr ein. Sie haben uns zurückgemeldet, dass unser Verfahren außerordentlich nützlich ist, wenn eine Vielzahl von Erregern infrage kommt und eine frühe Erkennung viele Vorteile bringt. Unsere Analysemethode kann zum Beispiel auch bei Endokarditis (Entzündung der Herzinnenhaut) und Peritonitis (Bauchfellentzündung) oder bei Patienten, die aufgrund einer Organ- oder Stammzellentransplantation ein Fieber entwickeln, eingesetzt werden. Ebenso kann DISQVER zum Ausschluss einer Infektion bei Patienten angewandt werden, die nach einer onkologischen Behandlung zu fiebern beginnen.

Herr Haug, angesichts der Corona-Epidemie: Könnte das neue Verfahren bei der Entlastung von Intensivstationen unterstützen?

Dr. Peter Haug

DISQVER ist der einzige Test in Europa, der allen notwendigen europäischen Richtlinien und nationalen Gesetzen zur Produktsicherheit entspricht. Mit dieser Methode, DNA-Viren, Bakterien, Pilze und Parasiten zu identifizieren, wird eine gezieltere Therapie auf Intensivstationen ermöglicht. Durch den sehr überschaubaren Zeitraum von circa 24 Stunden und der breiten Abdeckung von Keimen ist es häufig möglich, dem behandelnden Arzt und der zuständigen Mikrobiologie das Analyseergebnis zur Verfügung zu stellen, bevor die klassische Mikrobiologie einen Keimnachweis liefert. Dies, so zeigen unabhängige Studien, kann dazu führen, dass eine entsprechend gezielte Therapie zum Einsatz kommt und dadurch die Aufenthaltsdauer auf einer Intensivstation verkürzt werden kann. Gerade in Zeiten von Corona ist dies natürlich höchst interessant.

An welchen spannenden Projekten arbeiten Sie ansonsten derzeit?

Neben der Weiterentwicklung von DISQVER selbst arbeiten wir zum einen daran, dasselbe Verfahren für Neugeborene und Frühgeborene zugänglich zu machen. Hierfür kooperieren wir mit mehreren internationalen Kliniken. Zum anderen arbeiten wir daran, DISQVER allen Patienten zur Verfügung zu stellen. Einen ersten und extrem wichtigen Schritt haben wir zusammen mit der TK und der Universitätsmedizin Mainz nun geschafft. Das ist sehr erfreulich. Nicht zuletzt in der Zeit der COVID-19 Pandemie sehen wir, dass eine breite Abdeckung von Analysemethoden durch viele Labore der Schlüssel zum Erfolg ist, um Infektionen rechtzeitig zu erkennen und zu bekämpfen.

*Quelle: Studie von Fleischmann‑Struzek et al.: „Challenges in assessing the burden of sepsis and understanding the inequalities of sepsis outcomes between National Health Systems: secular trends in sepsis and infection incidence and mortality in Germany“, Bezugsjahr 2015

Weitere Details

Mit dem Duisburger Start-up Noscendo GmbH und der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg Universität Mainz hat die TK im April 2020 einen Vertrag unterzeichnet, um insbesondere die Qualität der Therapie von Sepsis-Patienten zu verbessern. Durch DISQVER®, eine Softwareplattform zur Erregerdetektion, ist eine wesentlich schnellere Erregerdiagnostik möglich.
Dank des Vertrags profitieren TK-Versicherte künftig von dem Angebot der Noscendo GmbH.



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