Ronja Rohlf

Corona: „Sozialkontakte sind überlebenswichtig“

In den letzten Monaten hat sich der Alltag durch das Corona-Virus stark verändert. Was hat die Menschen besonders belastet? Wie haben sie die Zeit des Lockdowns verbracht? Wir haben nachgefragt.

Fakt ist: Jeder Zweite fühlt sich durch Corona gestresst. Das zeigt die aktuelle Forsa-Umfrage „Corona 2020“ im Auftrag der TK. Am stärksten wirkt sich das Fehlen persönlicher Treffen mit Freunden und Familie aus – darunter leiden vier von fünf Personen.

Jüngere sind stärker belastet als Ältere

Gerade die jüngere Generation scheint besonders zu leiden: Unter den 18- bis 39-Jährigen und 40- bis 59-Jährigen gaben deutlich mehr Befragte an, dass sie sich durch Corona stark belastet fühlen. Doch woran liegt das? Unter den Älteren ab 60 Jahren, die zur Risikogruppe gehören, geben lediglich 27 Prozent an, dass sie sich durch Corona belastet fühlen.

TK-Psychologe David Horstmann

David Horstmann, als Psychologe tätig im Bereich Gesundheitsmanagement der TK, ordnet das so ein: „Dieses Ergebnis kann mehrere Ursachen haben. Zum einen haben jüngere Menschen oft ein stärker ausgeprägtes Sozialleben und leiden deshalb stärker unter den Einschränkungen.“

Ein weiterer möglicher Grund sei, dass viele ältere Menschen ein größeres Grundvertrauen haben und die Einschränkungen leichter hinnehmen können. Hinzu kommt, dass bei jungen Familien Doppelbelastungen entstehen: Besonders gefordert sind die Erwerbstätigen im Homeoffice mit Kindern. 56 Prozent von ihnen erklären, dass das Leben in der Corona-Zeit anstrengender geworden ist.

Unter Social Distancing leiden die meisten

Neben dem Fehlen sozialer Kontakte bei persönlichen Treffen sind die Angst vor einer Ansteckung der Angehörigen, Kita- bzw. Schulschließungen, Angst vor ökonomischen Folgen der Pandemie und ein stressiger Arbeitsalltag die wesentlichen Belastungsfaktoren – noch vor der Sorge, selbst an Corona zu erkranken.

„Der Mensch ist ein soziales Wesen. Früher hat die Gruppe sein Überleben gesichert, daher sind Sozialkontakte für Menschen im Gehirn als überlebenswichtig einprogrammiert. Die Reduzierung der Kontakte auf den eigenen Haushalt – besonders am Anfang der Pandemie – wurde daher von vielen als großer Einschnitt in ihr Leben empfunden“, erklärt dazu TK-Psychologe David Horstmann. „Soziale Kontakte sind wichtig für unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit.“

Andererseits bescherten die Corona-Zeiten häuslichen Tätigkeiten einen unerwarteten Boom: Das selbstgebackene Bananenbrot wurde zum Internet-Star, YouTube-Fitnesskurse eroberten die Wohnzimmer. Unsere Umfrage zeigt, dass gerade die jüngere Generation das Kochen und Backen, heimische Turnübungen und Spaziergänge sowie Basteln und Heimwerken für sich (neu) entdeckt hat.

„Man musste kreativ werden, um aufkommende Langeweile zu verhindern“

„Die Menschen standen vor der großen Herausforderung, dass viele alltägliche Aktivitäten wie Kino oder Feiern gehen wegbrachen. So musste man kreativ werden, um aufkommende Langeweile zu verhindern und einen alternativen Ausgleich zu finden. Da sind dann Dinge naheliegend, die man vielleicht immer schon mal ausprobieren wollte, wie beispielweise Brot backen“, so Horstmann. „Solche Beschäftigungen helfen uns auch dabei, mit der neuen Situation besser umgehen zu können.“ Diese Strategien hatten offenbar Erfolg: Nur 22 Prozent gaben in der Umfrage an, unter Langeweile zu leiden.

Auffällig ist auch: In der älteren Generation sind die meisten Menschen ihren Alltagsroutinen treu geblieben – mit einer Ausnahme: Mehr als die Hälfte der über 70-Jährigen gab an, häufiger Telefon- und oder Videoanrufe gemacht zu haben als vor Verbreitung des Virus. „Das zeigt: Auch die Älteren setzen sich mit neuen Dingen auseinander. In diesem Fall vermehrt mit Videotelefonie wie Skype, um mit Freunden und Familie in Kontakt zu bleiben“, so Horstmann.


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