Georg van Elst

Freiwilligenarbeit in Corona-Zeiten: TKler tauscht Büro gegen Pflegeheim

Vier Wochen lang unterstützte unser Kollege Georg van Elst eine Hamburger Pflegeeinrichtung während der Corona-Pandemie. Hier berichtet er von seinem Einsatz.

Vor dem ersten Dienst: Morgen geht es los

Kaum zu glauben: Nach 15 Jahren als Projektmanager und Teamleiter gehe ich wieder in die Pflege. Ein Grund dafür waren die erschütternden Bilder aus Italien und New York. Die Vorstellung, dass Menschen nicht die medizinische und pflegerische Hilfe bekommen, die sie benötigen, ist für mich unerträglich. Vielerorts wurden ehemalige Pflegekräfte aufgefordert, sich freiwillig für einen Pflegeeinsatz zu melden. So auch in Hamburg. Noch am selben Tag rief ich meinen Chef an, er war sofort einverstanden.

14 Tage später bekam ich von der Stadt verschiedene Einsatzmöglichkeiten vorgeschlagen. Ich entschied mich für ein Pflegeheim. Hier leben viele Risikopersonen auf engen Raum, Abstand halten ist unmöglich.

Corona-bedingt fehlt in vielen Einrichtungen das nötige Personal. Trotzdem muss die Versorgung der Bewohner weitergehen. Da will ich helfen.

Auch in der Einrichtung, in der ich arbeiten werde, gibt es COVID-19-Fälle. Ich bin ich ziemlich aufgeregt und ein bisschen unsicher, ob ich schnell in meine neue/alte Aufgabe hineinfinden werde.

Woche 1: Kickstart in der Altenpflege

In voller Montur: Georg van Elst in seiner Schutzkleidung.

Ich arbeite das erste Mal in einem Pflegeheim. Sonst war ich stets in Krankenhäusern beschäftigt. Trotzdem fühlt es sich an, als hätte ich nie etwas anderes gemacht: Ich helfe den Bewohnern bei der Körperpflege, kleide sie an, reiche das Essen, lagere bettlägerige Bewohner. Ich tue eben all das, was zur Pflege gehört. Eher medizinische Aufgaben wie Medikamente verabreichen oder Wunden versorgen stehen auch an, aber seltener.

Auf meiner Etage leben aktuell 20 Bewohner. Niemand ist von COVID-19 betroffen. Aber in zwei Etagen über uns haben sich mehrere Bewohner und Pflegekräfte infiziert. Eine Bewohnerin mit Verdacht auf Corona soll ins Krankenhaus gebracht werden. Doch wie überall fehlt es an Schutzmaterialien. Ich erlebe, wie Rettungssanitäter und Pflegekräfte diskutieren, wer die Schutzkleidung für den Transport stellt.

Woche 2: Corona kommt näher

Das Gesundheitsamt hat mit Reihenuntersuchungen im Pflegeheim begonnen. Und tatsächlich: Eine 90-jährige Bewohnerin hat sich infiziert. Sie wird isoliert, doch auch die anderen Bewohner des Flures sind durch den Befund betroffen: Sie sollen möglichst nicht mehr ihr Zimmer verlassen. Eine demente Bewohnerin versteht die Welt nicht mehr. Sie darf doch sonst auch auf dem Flur spazieren gehen. Immer wieder kommt sie aus ihrem Zimmer.

Die positiv getestete Bewohnerin trägt den Befund mit stoischer Ruhe. Ich assistiere ihr bei einem Telefonat mit ihrer Tochter. Die Tochter ist traurig und aufgelöst, aber die Bewohnerin tröstet sie mit den Worten: „Alles Schlechte geht vorbei.“ Nach ein paar Tagen wird sie auf eine andere Ebene verlegt. Bis zum Ende meines Einsatzes ging es ihr vergleichsweise gut. Sie wird es überstehen.

Woche 3: You are wonderful

Durch Corona fallen viele Freizeitangebote aus. Wann immer möglich nehme ich mir Zeit für ein Gespräch mit den Pflegeheimbewohnern. Fotocollagen in den Zimmern helfen mir, sie besser kennenzulernen. So erfahre ich, dass eine demente Bewohnerin die Musik von Johann Sebastian Bach liebt. Ich spreche sie darauf an, sofort erhellt sich ihr Gesicht.

Und endlich ist auch wieder Besuch möglich. In einem Zelt vor dem Haus können Bewohner mit einem Angehörigen sprechen – auf Abstand. Das ist noch nicht viel, kein Kuss und keine Berührung sind erlaubt. Aber immerhin, vertraute Menschen dürfen sich wieder von Angesicht zu Angesicht sehen. Das tut den Bewohnern gut.

Meine älteste Bewohnerin ist 100 Jahre alt. Sie war eine berufstätige Frau, die gerne Bildungsreisen gemacht und Fremdsprachen gelernt hat. Sie ist dement, hört praktisch nichts mehr. Aber an guten Tagen strahlt sie. Und dann sagt sie: „You are wonderful.“ Und auch wenn Sie mich nicht hört oder versteht, antworte ich ihr: „ No, you are wonderful.“

Woche 4: Wo ist die Zeit geblieben?

Kaum zu glauben: Meine Zeit im Pflegeheim ist um. Vor vier Wochen konnte ich mir kaum vorstellen wieder zu pflegen. Und jetzt fällt es mir schwer, in meinen Bürojob zurückzukehren.

Ich werde mich an „meine“ Bewohner/Innen erinnern, aber auch an die Kolleginnen und Kollegen in der Pflege. Sie kümmern sich mit Hingabe und Sachverstand um die Bewohner. Dafür verdienen sie Respekt und Anerkennung. Wenn ich jetzt wieder an meine Aufgaben gehe, nehme ich viele Gesichter und Bilder aus diesen vier Wochen mit.


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