Kathrin Heydebreck

Vom Leben erzählen – ein Projekt für Menschen mit Demenz

Dr. Doris Gebhard leitet das Projekt CaResource, das die Technische Universität München derzeit in sechs Pflegeheimen umsetzt. Eines der Ziele ist es, die Kraft, Koordination und Ausdauer sowie die kognitiven Fähigkeiten von Menschen mit Demenz zu verbessern. Ein Gespräch darüber, wie es gelingt, Menschen mit Demenz zu stärken. Die TK unterstützt das Projekt im Rahmen der Präventionsarbeit in stationären Einrichtungen.

Dr. Doris Gebhard ist Projektleiterin von CaResource.

Wie motivieren Sie Menschen mit Demenz zum Training? Wo liegen die Herausforderungen bei der Entwicklung eines solchen Programms?

Für Menschen mit Demenz brauchen wir ein Programm, das sich spielerisch und natürlich anfühlt. Unser Training darf also keinen Laborcharakter haben. Die Aufgaben müssen außerdem einfach zu erfüllen sein und sollten trotzdem die Aspekte Balance, Kraft und Ausdauer beinhalten. Die Betroffenen müssen sich wohl fühlen und in der Situation orientieren können. Unser Programm ist außerdem so gestaltet, dass alle mitmachen können – auch Pflegebedürftige im Rollstuhl.

Wie trainieren Sie konkret?

Wir trainieren gleichzeitig Körper und Geist, führen also das so genannte Dual-Task-Training durch. Das hat eine bessere Wirkung. Wir kegeln beispielsweise mit den Bewohnerinnen und Bewohnern. Hierbei wird nicht nur die Balance trainiert. Wenn die Kegel aufgestellt werden, zählen wir gemeinsam mit der jeweiligen Person, die wir dabei begleiten, wie viele gelbe und wie viele grüne Kegel umgefallen sind. Und fragen sie, welche Zahl sich ergibt, wenn sie alle gelben und grünen Kegel addiert. So gelingt uns die Kombination aus Kognition und Bewegung als etwas Natürliches.

Neben dem Dual-Task-Training führen Sie auch die so genannte psychosoziale Intervention durch. Was machen Sie hier mit den Bewohnerinnen und Bewohnern?

Hierbei fördern wir auf kreative Art das soziale Miteinander im Pflegeheim. Jemand spielt zum Beispiel einen Sketch vor und danach erarbeitet die Gruppe einen eigenen Sketch. Uns ist es wichtig, dass die Menschen mit Demenz selbstständig etwas zeigen und vormachen und die anderen Gruppenmitglieder mitmachen können – im Sinne der so genannten Ko-Kreativität. Unser Job ist es also, die Pflegebedürftigen in eine aktive Rolle zu bringen und ihre Kompetenzen zu fördern.

Ist das bei Menschen mit Demenz nicht schwierig?

Wenn man das Thema findet, das den oder die Betroffene interessiert, dann kann er bzw. sie noch sehr viel. Natürlich hält keine Bewohnerin und kein Bewohner einen zehnminütigen Monolog. Aber mit unserer Hilfe kann eine Geschichte erzählt oder etwas präsentiert werden. Wir wissen ja auch einiges über die Personen, haben uns von den Bewohnerinnen und Bewohnern Kinder- und Familienbilder zeigen lassen und können so mithelfen, die Geschichte zu strukturieren oder Wörter einspielen, damit die Person von ihrem Leben erzählen kann.

Inwiefern hat die Corona-Pandemie ihr Projekt beeinflusst?

Wir konnten während des Lockdowns nichts anbieten und erst im April wieder mit dem Projekt starten. Viele Bewohnerinnen und Bewohner hatten in der Zwischenzeit trotz massiver Bemühungen der Pflege- und Betreuungskräfte einige ihrer noch vorhandenen Kompetenzen verloren, sowohl die sozialen als auch die physischen. Umso wohltuender ist es jetzt für die Menschen in den Heimen wieder sozial zu agieren.

Welche Veränderungen stellen Sie jetzt bereits fest?

Die Betreuungspersonen melden uns, dass die Pflegebedürftigen offener und stolzer auf sich sind und wieder soziale Kontakte knüpfen. Wir hoffen sehr, dass die Bewohnerinnen und Bewohner über den Sommer hinweg gute Beziehungen untereinander aufgebaut haben. So vermeiden wir die soziale Isolation – vor allem, wenn es wieder Kontaktbeschränkungen zu Menschen außerhalb des Pflegeheims gibt. Die sozialen Kontakte im Heim werden oft zu selten genutzt. Freundschaften können die Lebensqualität im Heim sehr verbessern. Und sie verlangsamen den Abbauprozess bei Demenz.


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