Natalie Hahn

Shared Decision Making: So geht Arzt-Patienten-Kommunikation auf Augenhöhe

Welche Therapie bei einer Erkrankung angewendet wird, entscheidet üblicherweise das Ärztepersonal mit Einwilligung der erkrankten Person. Wie Patientinnen und Patienten mithilfe von Shared Decision Making (SDM) zu kompetenten Entscheidungsträgern werden, erzählt Prof. Friedemann Geiger vom UKSH im Interview.

Prof. Friedemann Geiger vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein.

Mit Shared Decision Making möchten das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) und die Techniker Krankenkasse (TK) neue Maßstäbe in der Patientenversorgung setzen. Was genau verbirgt sich hinter Shared Decision Making?

Das lässt sich am besten mit „gemeinsame Entscheidungsfindung“ übersetzen. Es geht also darum, dass Ärztinnen bzw. Ärzte auf der einen Seite und Patientinnen bzw. Patienten auf der anderen Seite alle Behandlungsentscheidungen gemeinsam treffen, und dabei sowohl medizinisches Wissen berücksichtigen, als auch explizit die Prioritäten und persönlichen Lebensumstände der Betroffenen einbeziehen.

Die gemeinsame Entscheidungsfindung ist heutzutage noch nicht überall an der Tagesordnung. Wie werden denn die Patientinnen und Patienten sowie das ärztliche Personal für die aktive Therapieentscheidung vorbereitet?

Aus vielen Befragungen weiß man, dass sowohl Patientinnen und Patienten als auch ärztliches Personal Shared Decision Making wollen. Da SDM aber bisher kaum umgesetzt wird, gibt es offenbar Hindernisse im klinischen Alltag, die das verhindern.

Um diese Hindernisse zu überwinden, haben wir das „SHARE TO CARE“-Programm entwickelt. Medizinische Einrichtungen, die das SHARE TO CARE-Zertifikat tragen, setzen kontinuierlich vier Bausteine um:

1) Fokussiertes Kommunikationstraining aller Ärztinnen und Ärzte

2) Aktivierung der Patientinnen und Patienten zur Beteiligung an ihren Behandlungsentscheidungen

3) Bereitstellung von jederzeit online verfügbaren, wissenschaftlich geprüfter und verständlicher Informationen über die verfügbaren Behandlungsmöglichkeiten sowie

4) Einbeziehung der Pflegekräfte zur Unterstützung des Entscheidungsprozesses.

Das SHARE TO CARE-Programm stärkt nachhaltig die gemeinsame Entscheidungsfindung. Das konnten wir in wissenschaftlichen Patientenbefragungen sowie anhand von Videoaufnahmen von Patientengesprächen aus dem ganzen Spektrum der Medizin, d. h. von Neurochirurgie über Gynäkologie, Herzchirurgie, Neurologie, Allgemeinchirurgie, Gynäkologie bis zur Herzchirurgie, nachweisen. Außerdem fühlen sich Patientinnen und Patienten durch das Programm besser aufgeklärt und besser vorbereitet auf Behandlungsentscheidungen.

Durch die aktive Beteiligung, die gute Aufklärung über die Behandlung und über normale gegenüber verdächtigen Nebenwirkungen, können Patientinnen und Patienten eher mit dem Behandlungsteam über mögliche unerwünschte Verläufe sprechen.

SDM zielt darauf ab, die konkreten Lebensumstände und Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten zu berücksichtigen. Warum ist die gemeinsame Entscheidungsfindung so wichtig und welche Rolle spielt dabei die Patientensicherheit?

Natürlich ist dem Behandlungsteam das Wohlergehen einer Patientin bzw. eines Patienten wichtig. Aber letztlich muss doch die betroffene Person mit der Behandlung und dem Ergebnis leben. Es geht also nicht darum, dass die Behandlung zum Ärztepersonal passt, sondern zu den Betroffenen! Und je besser die Behandlung zur Person und deren Lebensumständen passt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie bzw. er diese auch langfristig umsetzen kann und will. Das wiederum nutzt unmittelbar der Patientensicherheit. Denn durch die aktive Beteiligung und die gute Aufklärung über die Behandlung selbst sowie über normale gegenüber verdächtigen Nebenwirkungen, können Patientinnen und Patienten eher mit dem Behandlungsteam über mögliche unerwünschte Verläufe sprechen, und so die Patientensicherheit weiter erhöhen.

SDM wird seit 2017 am UKSH in Kiel umgesetzt. Welche Erfolge konnten bislang erzielt werden und welche Schritte sind als Nächstes geplant?

Das Besondere am UKSH in Kiel ist, dass die genannten positiven Effekte nicht nur bei einem Krankheitsbild oder auf einer Station erzielt wurden, sondern Shared Decision Making sukzessive im gesamten Krankenhaus eingeführt wird. Bis zum Jahresende werden bereits 80 Prozent der gesamten Behandlungsfälle in Kliniken mit dem SHARE TO CARE-Zertifikat erbracht.

Gleichzeitig freuen wir uns, dass die TK als erste Krankenkasse erkannt hat, dass die gemeinsame Entscheidungsfindung nicht nur ein Wert an sich ist, sondern sich wie beschrieben auch positiv auf Patientensicherheit und Versorgungsqualität auswirkt, und damit auch auf die Versorgungseffizienz. Erstmalig in Deutschland wurde Shared Decision Making, bescheinigt durch das SHARE TO CARE-Zertifikat, somit als Zusatzleistung abrechnungsfähig gemacht. Das ermöglicht uns am Nationalen Kompetenzzentrum Shared Decision Making das erreichte Level an Patientenzentrierung am UKSH aufrechtzuerhalten. Davon profitieren wiederum unmittelbar die Versicherten der TK.

Wir sind zuversichtlich, dass bald weitere Krankenkassen dem Beispiel der TK folgen und es uns so ermöglichen, Shared Decision Making auf demselben Niveau auch am UKSH-Campus in Lübeck anzubieten.
Ganz explizit ist das Nationale Kompetenzzentrum aber darauf ausgerichtet, zugleich außerhalb des UKSH die Implementierung von Shared Decision Making zu unterstützen. Viele Bausteine des SHARE TO CARE-Programms wie die Online-Entscheidungshilfen sind daher so angelegt, dass es keinen Unterschied macht, ob man einen Bandscheibenvorfall nun in Kiel oder in München hat.


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