Daniel Konrad

Versorgungssicherheit im ländlichen Raum dank RGZ

Die medizinische Versorgung in ländlichen Gebieten sicherzustellen, ist schon heute teilweise eine Herausforderung. Im Interview erklärt Thomas Ballast, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse, welchen Beitrag Regionale Gesundheitszentren zukünftig leisten können.

Herr Ballast, im ländlichen Raum kann aus verschiedenen Gründen nicht immer eine medizinische Versorgung im gewohnten Maße aufrechterhalten werden. Mit welchen Ideen will die TK dieses Problem angehen?

Bei der Versorgung im ländlichen Raum sehen wir uns tatsächlich mit unterschiedlichen Problemen konfrontiert. Die Attraktivität einiger Regionen nimmt immer weiter ab, je mehr Menschen in Großstädte abwandern. Das macht es dort zunehmend schwierig, ländliche Versorgungseinrichtungen auch rentabel zu betreiben.

Deshalb haben wir die allgemeine Debatte über eine sektorenübergreifende Versorgung und die Probleme im ländlichen Raum zusammengebracht und -gedacht. Daraus entstanden ist die Idee, in Regionen, in denen die ambulante und/oder stationäre Versorgung nicht oder nicht vollständig aufrecht erhalten werden kann, sektorenübergreifende Einheiten zu ermöglichen: die sogenannten Regionalen Gesundheitszentren (RGZ).

Thomas Ballast ist seit 2012 stellvertretender Vorsitzender des Vorstands der TK. Er verantwortet die Geschäftsbereiche der Versorgungssteuerung sowie der Versorgungsinnovationen.

Wie würden diese RGZ genau aussehen?

In diesen Einheiten soll es keine Rolle spielen, ob sie im Kern aus einem Krankenhaus oder einer oder mehreren Praxen bestehen. Jeder Sektor soll im Rahmen seiner fachlichen Möglichkeiten Leistungen des jeweils anderen anbieten dürfen. Das erlaubt einerseits Praxen, Betten zur Übernachtbeobachtung von Patientinnen und Patienten vorzuhalten, und andererseits Krankenhäusern, ambulante Sprechstunden anzubieten. Und zwar einfacher als bisher und unter einem Dach.

Hierbei muss allerdings beachtet werden: Damit wir den notwendigen Zugang zur Versorgung gewährleisten können, brauchen wir eine modernere Transport-Infrastruktur – zum Beispiel durch mehr Kooperationen mit den lokalen Verkehrsanbietern. Zusätzlich sind innovative Ideen gefragt, wie etwa ein Buchungsportal für unterschiedlichste Beförderungsmittel bis hin zum qualifizierten Krankentransport.

Darüber hinaus müssen wir die Notfallrettung im ländlichen Raum überdenken. Die skandinavischen Länder gehen mit gutem Beispiel voran und räumen ihrem Rettungsdienst mehr Kompetenzen ein. Zudem kann eine stärkere Einbindung der Luftrettung sinnvoll sein.

Welche Aufgaben übernehmen die RGZ in Ihrer Vorstellung?

Ein RGZ stellt die Akut- und Notfallversorgung, den Rettungsdienst sowie Leistungen der ambulanten und stationären (Grund-)Versorgung sicher. Es koordiniert Behandlungspfade und kooperiert sowie kommuniziert mit anderen Leistungserbringern. Optional ist auch ein pflegerisches Angebot denkbar. Das RGZ ist jedoch nur dann eine Option, wenn im ambulanten Sektor in einer Region die Versorgungssicherheit nicht mehr gewährleistet oder das Krankenhaus vor Ort nicht mehr angemessen betrieben werden kann.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Digitalisierung?

Die Digitalisierung kann und soll dabei helfen, das Angebot der RGZ noch attraktiver zu machen. So können über feste Beziehungen zu überregionalen Einrichtungen sowohl das Wissen als auch die Zeit von Fachärztinnen und -ärzten in Form von Videokonsilen oder -sprechstunden verfügbar gemacht werden. Ich bin sicher, die Videosprechstunde wird auch gewisse Termine im RGZ ersetzen können. Die Digitalisierung sorgt also auch im RGZ dafür, dass Therapie, Diagnostik, Kompetenzen und Wissen ortsunabhängig vorhanden sind.

Das RGZ ist jedoch nur dann eine Option, wenn im ambulanten Sektor in einer Region die Versorgungssicherheit nicht mehr gewährleistet oder das Krankenhaus vor Ort nicht mehr angemessen betrieben werden kann.

Ein RGZ ist ein Paradebeispiel für sektorenübergreifende Versorgung. Wie kann man die generell stärken und ausbauen?

Es gab in der Vergangenheit schon viele Versuche, die Mauern zwischen den Sektoren abzubauen. In der letzten Legislaturperiode hat sich eine Arbeitsgruppe aus Bund und Ländern intensiv mit diesem Thema beschäftigt, allerdings ohne dass daraus eine Reform hervorgegangen ist.

Lösungsansätze können sein, Krankenhäuser stärker in die ambulante Versorgung einzubinden oder eine sektorenunabhängige Vergütung einzuführen. Besonders die Vergütung sorgt immer wieder dafür, dass Leistungen ausschließlich im stationären Bereich erbracht werden. Eine vom Leistungsort entkoppelte Vergütung sowie eine sektorenunabhängige Leistungsbeschreibung können zum Abbau der Sektorengrenzen beitragen.

Welche Hoffnungen legen Sie bei dieser Thematik in die Arbeit der neuen Regierung?

Bisher sind im Bereich Gesundheit und Pflege nur die Ergebnisse aus den Sondierungsgesprächen bekannt. Demnach wird die sektorenübergreifende Versorgung auch Bestandteil eines Koalitionsvertrages sein. Allein diese Tatsache stimmt mich erst einmal positiv. Allerdings kommt es noch mehr darauf an, in welcher Form dies später in ein Gesetz gegossen wird. Da die Interessen der beteiligten Akteurinnen und Akteure sehr unterschiedlich sind, ist eine Prognose schwierig. Allerdings traue ich einer ambitionierten Bundesregierung durchaus zu, dass sie eine Reform auf den Weg bringen wird – schließlich wurde die Problematik gerade in der jüngeren Vergangenheit wieder intensiver diskutiert.


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