Nicole Knabe

„Stressreduktion ist wichtig zur Prävention von psychischen Erkrankungen“

Die TK-Stressstudie 2021 zeigt, der Stresslevel in Deutschland steigt seit Jahren kontinuierlich. Studienautor Prof. Dr. Bertolt Meyer von der TU Chemnitz erklärt, warum wir Stress überhaupt untersuchen und vergleicht die Ergebnisse mit den beiden Vorgängerstudien.

Dr. Bertolt Meyer ist Professor für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie. Er forscht und lehrt an der Technischen Universität Chemnitz.

Das Thema Stress ist nicht neu und wird sich auch nie ganz vermeiden lassen. Warum untersuchen wir den Stresslevel in Deutschland also überhaupt?

Stress ist eine große gesundheitliche Belastung und ein Treiber für psychische Erkrankungen. Wir haben in Deutschland das Problem, dass immer mehr Menschen psychisch erkranken und am Arbeitsplatz ausfallen. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin schätzt die damit verbundenen volkswirtschaftlichen Ausfallkosten pro Jahr auf mehr als 36 Milliarden Euro. Hinzu kommt das persönliche Leid der Betroffen, das hinter derartigen Zahlen steht.

Die Stressprävention stellt daher einen wichtigen Teil zur Prävention von psychischen Erkrankungen dar. Wenn wir den Stresslevel in Deutschland bekämpfen und Lösungsansätze aufzeigen wollen, müssen wir allerdings wissen, was die Menschen hierzulande wirklich stresst. Die Stressstudie der TK liefert hier verlässliche Daten.

Stetiger Anstieg: Der Stresslevel in Deutschland nimmt seit acht Jahren kontinuierlich zu.

Sie untersuchen nach 2013 und 2016 dieses Jahr zum dritten Mal den Stresslevel in Deutschland. Was sind die wichtigsten Entwicklungen und Auffälligkeiten?

Gerade der Anteil derer, die häufig gestresst sind, hat in den vergangenen acht Jahren zugenommen. 2013 fühlte sich noch jeder und jede Fünfte häufig gestresst, 2021 sind es mit 26 Prozent jeder und jede Vierte. Außerdem fällt auf, dass Stress in allen Altersgruppen angestiegen ist: Heute sind die Deutschen von der Schule bis zum Renteneintrittsalter gleichermaßen stark gestresst.

Bedenklich ist auch, dass Stress und gesundheitliche Probleme zusammenhängen. Je älter die Menschen sind desto stärker ist der Zusammenhang zwischen Stress und schlechter Gesundheit. Das ist gerade für eine immer älter werdende Bevölkerung wie die hierzulande ein besonderes Problem. Die Deutschen werden immer älter und damit wird auch Stress bedrohlicher.

Was stresst Deutschland am meisten?

Stressauslöser Nummer eins ist wie in den vergangenen Jahren schon der Job bzw. Schule und Studium. Auf den Plätzen zwei und drei folgen die eigenen hohen Ansprüche an sich selbst und die Sorge um kranke Nahestehende. Bei Letzterem erkennen wir einen deutlichen Einfluss der Coronapandemie. Weitere Stressoren sind Konflikte im Privatleben, die ständige Erreichbarkeit durch Smartphone und soziale Medien und Freizeitstress.

Das heißt im Umkehrschluss: Um den Stresslevel abzubauen, müssen wir zunächst die Pandemie bekämpfen, uns selbst und unsere Ziele hinterfragen sowie gegebenenfalls ändern und die gesamtgesellschaftliche Aufgabe angehen, in langfristige und nachhaltig gesunde Arbeitsstrukturen und -verhältnisse zu investieren. Hier ist meiner Meinung nach mittelfristig auch die Politik gefragt.

Um den Stresslevel abzubauen, müssen wir unter anderem die gesamtgesellschaftliche Aufgabe angehen, in langfristige und nachhaltig gesunde Arbeitsstrukturen und -verhältnisse zu investieren.

Wie tun die Deutschen, um abzuschalten?

Um Abzuschalten und die Reserven wieder aufzufüllen, gehen die Menschen in Deutschland ihren Hobbies nach, machen Spaziergänge oder Gartenarbeit, faulenzen, hören oder machen Musik bzw. treffen sich mit Freunden oder Familie. 2016 lag das Treffen mit Freunden oder Familie noch auf der Top 3. Ob es sich hierbei um eine Corona-Anomalie handelt oder sich die Interessen tatsächlich langfristig verschoben haben, muss die nächste Stressstudie zeigen.

Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen oder sprechen wir mehr von individuellen Vorlieben, wenn es ums Abschalten geht?

Bei der Top 5 Entspannungsstrategien gibt es keine geschlechterspezifischen Unterschiede. Allerdings geben die Jüngeren an, dass sie zum Stressabbau besonders gern im Netz surfen oder faulenzen. Darüber hinaus zeigen unsere Zahlen schon Geschlechterunterschiede: So lesen Frauen zur Entspannung mehr als Männer. Männer wiederum greifen zum Stressausgleich häufiger zu Alkohol als Frauen.

Weitere Informationen

Nach 2013 und 2016 hat die TK 2021 bereits zum dritten Mal ihre Stressstudie veröffentlicht. Alle Informationen zur Studie „Entspann dich, Deutschland!“ sowie weiterführendes Material wie Grafiken und Videostatements finden Sie online auf der Themenseite.


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