Bettina Irion

„Viele Mütter haben Angst, etwas falsch zu machen“

Der Frühstart ins Leben ist oft schwer: Für die Babys, aber auch für die Eltern. Seit März 2020 kümmert sich die „Gesundheitslotsin“ Anne Bär am St. Joseph Krankenhaus Berlin-Tempelhof um diese Familien. Im Gespräch gibt sie Einblicke in ihre Arbeit und das Modellprojekt.

Frau Bär, wie können Sie den Müttern und Vätern konkret helfen?

Ich bin beste Freundin, Ratgeberin und Seelsorgerin zugleich. Ich unterstütze die Familien bei der Bürokratie, etwa bei der Beantragung von Elterngeld, und versuche, Müttern unter die Arme zu greifen, indem ich sie über ihre Ängste, Emotionen und auch mögliche Sorgen ihre Zukunft betreffend reden lasse. Daneben gebe ich Tipps für den Alltag mit einem Frühgeborenen. Viele Mütter haben Angst, etwas falsch zu machen, wenn sie nach Wochen auf der Neonatologie mit ihrem Baby ganz allein Zuhause sind. Hier stehe ich als Ansprechpartnerin zur Verfügung.

Wenn nötig, ziehe ich unsere Psychologin hinzu, vermittle Hebammen und mache Hausbesuche. Ein sehr wichtiger Teil meiner Arbeit ist auch die Vernetzung: Je nach individuellem Bedarf stelle ich den Kontakt etwa zum Berliner Projekt „Früh geborgen“, zum Kinder- und Jugendgesundheitsdienst, zu Familienzentren oder Pflegestützpunkten für Kinder her.

Gesundheitslotsin, Sozialpädagogin und Kinderkrankenschwester Anne Bär. Foto: Manuel Tennert.

Was sind die größten Belastungen für die Eltern von Frühgeborenen?

Die oft ungeplante und manchmal auch traumatische Entbindung ist wohl die größte Belastung für die Eltern. Ihnen wurde schlicht Zeit genommen, um sich auf die Situation vorzubereiten. Das kann sich auch auf die Paarbeziehung auswirken. Vor allem Männer tun sich mitunter schwer, in die Vaterrolle hineinzufinden. Hinzu kommt natürlich die Sorge um die Gesundheit der Babys: Sie sind nicht rund und rosig, wie man sich das vor der Geburt erträumt hat, sondern winzig, werden meist beatmet, hängen an Schläuchen und Kabeln, was am Anfang beängstigen kann.

Hat Corona die Situation noch verschärft?

Ja, sehr! In der Pandemie dürfen die Mütter im Krankenhaus keine Freundin, keine Großeltern empfangen. Sie fühlen sich mit ihren Ängsten und Gefühlen allein. Dabei sind soziale Kontakte gerade in Ausnahmesituationen extrem wichtig. Die Väter können allerdings bei uns im Haus dennoch für ihre Frauen da sein.

Kinder, die unter der Geburt einen Sauerstoffmangel erlitten haben, werden für 72 Stunden auf eine niedrige Körpertemperatur heruntergekühlt. So sollen mögliche Hirnschäden reduziert werden. Was macht das mit den Eltern?

Diese Situation ist für Eltern extrem belastend. Sie dürfen ihre Kinder nicht berühren, nicht kuscheln. Stattdessen müssen sie sehen, dass die Haut ihrer Babys während der Kühlmattentherapie etwas blass und gräulich statt rosig ist. Damit muss man erst mal klarkommen. Ich ermutige Eltern immer, mit dem Baby zu reden oder vorzulesen, um trotz der Umstände eine Bindung aufzubauen.

Soziale Kontakte sind gerade in Ausnahmesituationen sehr wichtig.

Wie wird Ihre Hilfe angenommen?

Sehr gut, denn ich schließe eine Lücke: Nur Babys mit weniger als 1.500 Gramm Geburtsgewicht erhalten eine sozialmedizinische Nachsorge, ich aber kümmere mich um Kinder ab 1.500 Gramm, die bis zur 35. Schwangerschaftswoche zur Welt kamen. Seit Beginn des Projekts habe ich bereits 310 Kinder betreut. Wichtig ist mir: Meine Unterstützung endet nicht mit dem ersten Lebensjahr. Auch wenn es später noch Fragen gibt, lasse ich die Eltern nicht allein. Denn frühgeborene Kinder können auch im weiteren Leben Unterstützung und Beratung benötigen.

Körperkontakt kann Vätern helfen, eine Bindung zum Baby aufzubauen. Foto & Titelbild: Christian Klant.

Wie können Freunde und Angehörige Frühgeborenen-Familien unterstützen?

Sie sollten vor allem verstehen, dass frisch gebackene Eltern keine ständigen Nachfragen brauchen. Das setzt Mütter und Väter nur unnötig unter Druck. Viel wichtiger ist es, Müttern und Vätern Zeit zu geben und sie mit praktischer Hilfe im Alltag zu unterstützen. Eine gute selbst gekochte Suppe ist manchmal wertvoller als alle lieb gemeinten Worte.

Weitere Informationen

Das Modellprojekt „Gesundheitslotsin“ am St. Joseph-Krankenhaus Berlin-Tempelhof wird von der TK finanziert und vom Bezirksamt Berlin-Tempelhof unterstützt. Gerade wurde es bis Ende 2024 verlängert.  Mehr Informationen zum Projekt sowie zu der Sozialpädagogin und erfahrenen Kinderkrankenschwester Anne Bär gibt es auf der Website des St. Joseph-Krankenhauses.


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