Eva Tebbe

Magersucht – wenn Heilung zuhause beginnt

Magersucht reißt viele, oft junge Menschen aus dem Leben. Klinikaufenthalte können ihnen das Leben retten. Mit dem Projekt „FIAT“ soll das jetzt auch zuhause möglich sein – dank einer Therapie, die in das gewohnte Umfeld integriert wird.

Keine andere psychische Erkrankung führt häufiger zum Tod als Magersucht (Anorexia nervosa). Laut statistischem Bundesamt wurden im Jahr 2023 rund 12.000 zumeist jüngere Menschen in Deutschland aufgrund einer Essstörung stationär behandelt. Darunter leiden besonders viele an Magersucht.

Luisa Schäfer

FIAT prüft neue Behandlungsmöglichkeit außerhalb der Kliniken

Die Studie „FIAT – Familien-basierte telemedizinische vs. Institutionelle Anorexia nervosa Therapie“ vergleicht eine neue, familien-basierte Therapie (FBT) von Magersuchtbetroffenen mit einer klassischen stationären Therapie.  Im Rahmen der vom Innovationsfonds geförderten Studie sollen insgesamt 200 Jugendliche im Alter von acht bis 17 Jahren behandelt werden. 100 Jugendliche erhalten die familien-basierte Therapie, weitere 100 eine stationäre Regelversorgung in einer Klinik mit einem Schwerpunkt in der Behandlung von Essstörungen. Wer welche Behandlungsform erhält, wird per Zufallsverfahren entschieden. Unter anderem die TK unterstützt die Studie als Konsortialpartner.

Luisa Schäfer betreut das Projekt in der TK. „Die Studie zielt darauf ab, die Versorgung für junge Menschen mit Essstörung in Deutschland zu verbessern und den Betroffenen so neue Behandlungswege zu ermöglichen. Im Fokus stehen dabei immer die Bedürfnisse und Situationen der Familie”, erklärt die Projektmanagerin.

Ein Blick ins Ausland

Im angelsächsischen Raum (Großbritannien, USA, Kanada, Neuseeland, Australien) hat sich die familien-basierte Therapie (FBT) bereits bewährt und gilt als Standardverfahren für die Behandlung von Magersucht. Durch das Projekt „FIAT“ soll die familien-basierte Therapie künftig auch in Deutschland als gleichwertige Alternative zur stationären Behandlung etabliert werden.

Zwei Behandlungswege, ein gemeinsames Ziel

Beide Behandlungsformen verfolgen dasselbe Ziel: den Kindern und Jugendlichen dabei zu helfen, ihre Erkrankung langfristig zu überwinden und in ein gesundes Essverhalten und damit auch in ein gesundes Leben zurückzufinden. Der Unterschied liegt vor allem im Behandlungssetting, nicht in der Qualität der Behandlung.

In Deutschland wird Magersucht ab einem bestimmten Grad vollstationär behandelt – in der Regel für drei bis sechs Monate. In der Klinik bekommen die Betroffenen die Chance, mit Hilfe eines multiprofessionellen Teams, das rund um die Uhr zur Verfügung steht, den Weg aus der Krankheit zu finden. Zudem können sie von einem breit gefächerten Therapieangebot profitieren. Auch die Begegnung und der Austausch mit anderen Betroffenen, die das Gleiche durchmachen und mit denselben Problemen konfrontiert sind, kann Mut machen.

Dr. Verena Haas

Mit der familien-basierten Therapie (FBT) bietet FIAT neben der stationären Behandlung nun eine neue, alltagsnahe Behandlungsform an, die in das Familienleben integriert wird. Während der rund zehnmonatigen Therapie wird die ganze Familie von Anfang an engmaschig eingebunden, die Kinder und Jugendlichen bleiben währenddessen in ihrer gewohnten Umgebung. In regelmäßigen Therapiesitzungen per Videokonferenz bekommt die Familie bedürfnisorientierte Beratung, sodass Schritt für Schritt gemeinsam neue, gesunde Verhaltensweisen im Alltag etabliert und gefestigt werden. Die psychologische und medizinische Betreuung kommt dabei nicht zu kurz: „Wir haben ein engmaschiges Protokoll entwickelt, anhand dessen Medizinerinnen und Mediziner wöchentlich vor Ort in einer Klinik bestätigen müssen, dass die ambulante Versorgung noch ausreichend wirksam ist“, erklärt Dr. Verena Haas, FIAT-Studienleitung und Ernährungswissenschaftlerin mit therapeutischer Ausbildung an der Berliner Charité.

Dank FBT, unserer Liebe, konsequenten Handelns und der Unterstützung der Klinik hat es unsere Tochter geschafft. Ohne stationäre Behandlung und FBT wäre unsere Tochter verloren gewesen. Beides hat ihr und unser Leben gerettet.

Rückmeldung einer Familie

Es geht nicht um „besser oder schlechter“

Beide Verfahren sind evidenzbasiert und wirksam. „Wir sprechen nicht von besser oder schlechter. Sowohl stationär als auch im Rahmen einer familienbasierten Therapie wird sichergestellt, dass jede Patientin und jeder Patient die bestmögliche Versorgung und Sicherheit bekommt“, erklärt Dr. Verena Haas. Schlussendlich gehe es vor allem darum, für jede Patientin und jeden Patienten die passende Behandlung zur richtigen Zeit sicherzustellen und Betroffenen mit der familien-basierten Therapie neue Möglichkeiten auf ihrem Weg in eine gesunde Zukunft zu eröffnen.

Weitere Informationen

Gemeinsam mit elf weiteren Krankenkassen und 23 Kliniken deutschlandweit unterstützt die Techniker Krankenkasse (TK) das Projekt „FIAT”. Die Aufnahme von betroffenen Kindern und Jugendlichen in die Studie läuft noch bis Ende 2026. Weitere Informationen zur Studie und zur Teilnahme finden Sie hier.



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