Nicole Battenfeld

eatappie: digitale Hilfe bei Essstörungen

Digitale und niedrigschwellige Angebote in der Versorgung von Jugendlichen mit Essstörungen gibt es bisher kaum. Die App eatappie will diese Lücke schließen. Die Mitgründerin Larissa Niemeyer kennt die Behandlungspraxis und berichtet, wie aus einer spontanen Idee die App entstanden ist.

Schon ihre erste Famulatur (also ihr erstes Praktikum) während des Medizinstudiums führte Larissa Niemeyer in die Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Mannheim. Dort wurden die Weichen gestellt: Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen sind heute ihr Fachgebiet.

Dr. med. Larissa Niemeyer (Foto: Christian Buck)

Diagnose Essstörung: Und jetzt?

Im Klinikalltag fällt ihr damals schnell auf, dass viele Patientinnen und Patienten immer wieder kommen: „Als ich nach meinem Abschluss als Ärztin begonnen habe, begegnete mir eine Patientin, die ich schon während meines Praktischen Jahres mitbetreut habe – das war 18 Monate vorher“, erinnert sich Larissa Niemeyer. Außerdem hätten Jugendliche mit Essstörungen lange keine Krankheitseinsicht, und fänden, wenn sie dann – häufig durch Zutun der Eltern – zu einer Therapie bereit seien, nur schwer den Weg in die für sie passende Behandlung.

In der Klinik hatte die Ärztin es oft mit Schwerstfällen zu tun: Fast tägliche Gespräche, sowie das Überwachen der körperlichen Symptome und des Gewichts haben den Klinikalltag geprägt. Auch die Essenssituationen wurden engmaschig begleitet.

Zur Person

Dr. med. Larissa Niemeyer ist CEO und Mitgründerin von Mind Generation, dem Unternehmen hinter der eatappie-App. Zuvor hat sie vier Jahre in der Kinder und Jugendpsychiatrie als Assistenzärztin gearbeitet.

 

Genau wie Larissa Niemeyer ist auch ihre Kollegin Szarah Sanchez Roman Fan von digitaler Unterstützung bei psychischen Erkrankungen. Doch die beiden mussten feststellen, dass es für ihre Zielgruppe der Jugendlichen mit Essstörungen kein digitales Angebot gab. „Wir haben uns wirklich geärgert“, sagt Larissa, „wie kann das sein – ein Drittel der psychischen Erkrankungen beginnen im Kindes- und Jugendalter, für diese jungen Menschen ist es das Natürlichste auf der Welt, sich digitaler Hilfsmittel zu bedienen und ausgerechnet für sie gibt es keine entsprechende Unterstützung.“ Diesen Ärger wandeln sie schnell ins Positive: „Dann machen wir das selbst!“, beschlossen die Fachkolleginnen, die zu diesem Zeitpunkt im Frühling 2022 gerade beide schwanger und im Corona-bedingten Beschäftigungsverbot waren.

Unser vorrangiges Ziel, ist es, dass so viele Kinder und Jugendliche wie möglich, die Chance bekommen, mit Hilfe von eatappie zu einem gesunden Essverhalten zu finden. Deshalb sind wir froh, über die Kooperation mit der TK, der hoffentlich weitere Krankenkassen folgen werden.

Dr. med. Larissa Niemeyer, CEO und Mitgründerin von Mind Generation

Von der stationären Therapie in die digitale Praxis

Im Rückblick ein absoluter Glücksfall. „Es wäre schon krass gewesen, diese Konzeptarbeit neben dem Arbeitsalltag zu leisten“, meint Larissa Niemeyer. So nutzten sie die Zeit und überlegten zunächst spielerisch, wie sie ihre Erfahrungen aus dem Klinikalltag in ein digitales Angebot übersetzen könnten. Als die Idee konkreter wurde, kam ihr Arztkollege Victor Saase, der bereits über Erfahrung mit der Programmierung medizinischer Apps verfügte, mit ins Boot.

Gründungsteam: Larissa Niemeyer, Victor Saase, Szarah Sanchez Roman (v.l.n.r.) (Foto: Maren OLeary)

Aus der Elternzeit bewarben sie sich für ein Gründungsstipendium und kündigten ihre Jobs. „Es war klar, dass wir unsere Vorstellungen umsetzen wollten und das nicht neben der Arbeit zu machen war. Wir sind damit schon ein gewisses Risiko eingegangen, aber unsere Zuversicht hat bisher letztendlich immer zum Erfolg geführt“, so die Jung-Unternehmerin. Nach der Zusage für das Stipendium firmieren sie fortan zu dritt als Mind Generation GmbH mit Sitz in Heidelberg. „Recht schnell wurde uns klar, dass wir auf die Zertifizierung als Medizinprodukt hinarbeiten müssen. Wir wollten nicht als Lifestyle-App oder Spielerei abgetan werden“, betont Larissa Niemeyer.

Und so entstand eine digitale Hilfe für junge Menschen mit Magersucht und Bulimie, die durch sofortige Unterstützung Wartezeiten überbrückt, bestehende Therapien mit evidenzbasierten Methoden aus der Verhaltenstherapie ergänzt und nach einem Klinikaufenthalt weiter begleitet.

Schnelle Erfolge dank großem Netzwerk

Eine große Hilfe bei der Entwicklung der App: das Feedback sowohl von gesunden als auch betroffenen Jugendlichen. „Wir haben zum Beispiel mehr Quizeinheiten eingebaut, um die Inhalte zu wiederholen oder Lerneinheiten vertont, damit sie unterwegs besser zugänglich sind.“ Ihr Netzwerk aus der früheren therapeutischen Tätigkeit hat hier geholfen: Kliniken haben bei der Rekrutierung von Betroffenen unterstützt.

„Wir sehen natürlich auch jetzt, wenn es darum geht, unsere App behandelnden Ärztinnen oder Therapeuten nahe zu bringen, wie groß der Vorteil ist, auf Augenhöhe agieren zu können“, so die Ärztin.

Angebot für TK-Versicherte

Als erste Krankenkasse ermöglicht die TK ihren Versicherten die kostenlose Nutzung von eatappie. Die App hilft, Essstörungen besser zu verstehen und mittels digitaler Therapietechniken oder einem Mahlzeitentagebuch ein gesundes Essverhalten aufzubauen.



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