Terminvergabeplattformen wie DoctoLib oder Jameda werben damit, eine bequeme Alternative zur Telefonschleife zu bieten. Medien und die Verbraucherzentrale kritisieren jedoch, dass die Anbieter Termine nicht nach medizinischer Dringlichkeit und chancengleich anbieten. Die Versorgungsforscherin Prof. Dr. Cordula Kreuzenbeck hat sich in ihren Forschungsarbeiten mit den Logiken der Plattformen auseinandergesetzt. Im Interview erläutert sie ihre Studienergebnisse und deren Bedeutung für das Gesundheitswesen.
Prof. Dr. Cordula Kreuzenbeck
Viele Versicherte klagen über lange Wartezeiten. Sie forschen auf diesem Gebiet. Was zeigen die Zahlen?
Studien, in denen sich Personen telefonisch zuerst als gesetzlich und dann als privat versichert ausgeben, zeigen, dass gesetzlich Versicherte im Schnitt länger auf einen Arzttermin warten müssen. Laut einer aktuellen derartigen Pilotstudie lag die Wartezeit für einen Facharzttermin bei gesetzlich Versicherten zum Beispiel bei 34 Tagen und bei privat Versicherten bei 19 Tagen. Das gibt den Hinweis, dass der Versichertenstatus der Patientinnen und Patienten bei der Terminvergabe leider oft eine Rolle spielt.
Onlineterminvereinbarungsplattformen wie Doctolib, Jameda oder Dr. Flex sind nun ein weiterer Faktor, der die Logik von Terminvergaben beeinflussen kann. Es handelt sich dabei um kommerzielle Plattformen, die von der Terminplanung bis zur -bestätigung und -erinnerung die Terminlogistik von Arztpraxen übernehmen. Praxen schließen für die Nutzung der Plattformen oftmals ein Abonnement ab. Vor diesem Hintergrund bin ich in verschiedenen Forschungsarbeiten zu Terminplattformen der Frage nachgegangen, wie die Plattformökonomie den Zugang zu Arztterminen steuert.
Zur Person
Prof. Dr. Cordula Kreuzenbeck ist Studiengangsleiterin des Studiengangs Gesundheitsökonomie und Professorin im Fernstudium an der IU Internationale Hochschule. Sie forscht mit quantitativen Methoden in der Versorgungsforschung, mit Fokus auf die Kosten-Effektivität der Digitalisierung. Zuvor war sie über zehn Jahre im Krankenhausmanagement tätig und legt großen Wert auf Praxisbezug in ihrer Forschung.
Was haben Sie herausgefunden?
In meiner neuesten Studie habe ich zum Beispiel die Terminvergabe von allen buchbaren Ärztinnen und Ärzten auf Doctolib im Raum Berlin untersucht. Auf der marktführenden Plattform sind rund 1.850 Ärztinnen und Ärzte aus verschiedenen Fachrichtungen gelistet. Davon bieten 520 Praxen ihre Termine sowohl für private und gesetzliche Versicherte an. Die weiteren 1138 differenzieren nach dem Versichertenstatus sodass Privatversicherte ein deutlich höheres Angebot sehen.
Ergebnisse der Studie zeigen, dass gesetzlich Versicherte im Raum Berlin bei der Terminbuchung auf Doctolib fast 24 Tage länger auf einen Arzttermin warten als privat Versicherte. Auf kommerziellen Terminplattformen sind die Wartezeiten für gesetzlich Versicherte somit sogar länger als dies in Studien zur telefonischen Terminvergabe festgestellt wurde.
Ich konnte außerdem feststellen, dass sich die Wartezeiten zwischen verschiedenen Facharztgruppen unterscheiden. Bei einem Radiologietermin unterscheiden sich die Wartezeiten für GKV und PKV-Versicherte weniger stark, die Differenz liegt bei zehn Tagen. Bei HNO-Praxen sind die Unterschiede größer – Privatversicherte bekommen 50 Tage früher einen Termin als gesetzlich Versicherte. Keine Unterschiede in den Wartezeiten haben wir im Bereich der Zahnheilkunde und Kieferorthopädie feststellen können. Hier gab es allerdings auch keine Auswahlmöglichkeiten zur Angabe der Versicherung. Ein positiver Befund war außerdem, dass gesetzlich und privat Versicherte in Kinderarztpraxen gleich schnell einen Termin bekommen.
Welche Mechanismen spielen auf den Plattformen eine Rolle bei der Terminvergabe?
Arztpraxen können auf den Plattformen Regeln hinterlegen, wann Terminslots für private und gesetzlich Versicherte zur Verfügung stehen. Eine Vorabeinschätzung durch das Praxispersonal am Telefon oder am Empfang, wie dringend ein Termin stattfinden sollte, entfällt somit auf den Plattformen. Die Ergebnisse meiner Studie zeigen, dass aktuell rund die Hälfte der analysierten Arztpraxen im Raum Berlin bei der Terminvergabe nicht nach dem Versichertenstatus unterscheidet. Es liegt also immer im Ermessen der Ärztinnen und Ärzte, ob sie die Selektion der Patientinnen und Patienten nach den Regeln, die die Plattform ermöglichen, wahrnehmen.
Ärztinnen und Ärzte, die solidarisch handeln werden von der Plattform benachteiligt. Damit bestehen auf den kommerziellen Plattformen Anreize, gesetzlich Versicherte bei der Terminvergabe zu benachteiligen.
Prof. Dr. Cordula Kreuzenbeck
Welche Folgen haben diese Mechanismen für Praxen und die Patientinnen und Patienten?
Wir konnten zeigen, dass Arztpraxen, die eine Differenzierung nach dem Versichertenstatus eingerichtet haben, ungefähr drei Seiten weiter vorne auf der Plattform aufgeführt werden als Praxen, die das nicht tun. Das heißt umgekehrt, dass Ärztinnen und Ärzte, die solidarisch handeln, von der Plattform benachteiligt werden. Damit bestehen auf den kommerziellen Plattformen Anreize, gesetzlich Versicherte bei der Terminvergabe zu benachteiligen. Das bedeutet konkret: Wenn die Praxis eine Priorisierung nach Versichertenstatus vornimmt, verstärkt das die ohnehin schon bestehenden Unterschiede. Privatversicherte erhalten dann im Schnitt 25 Tage früher einen Termin. Gesetzlich Versicherte warten hingegen bis zu 24 Tage länger.
Zudem bieten die Plattformen Leistungsdifferenzierungen für die Versicherten an. Das heißt, dass gesetzlich Versicherte an einen früheren Termin kommen können, wenn sie eine Selbstzahlerleistung hinzubuchen. Glücklicherweise war diese Option nur bei einem kleinen Teil der von mir untersuchten Arztpraxen möglich.
TK-Angebot bei der Terminsuche
Auf Wunsch macht die TK für ihre Versicherten Arzttermine über den TK-TerminService aus. Mit dem TK-Ärzteführer können außerdem Ärztinnen oder Ärzte in Wohnortnähe gefunden werden.
Was bedeutet es für die Gesundheitsversorgung, wenn Terminvergabeplattformen an Bedeutung zunehmen?
Terminplattformen sind ein sinnvoller Ansatz, um komfortabel Termine zu vergeben und zu buchen. Laut einer Studie der bitkom finden über 70 Prozent der Menschen eine digitale Terminbuchung gut. Diese hohe Akzeptanz zeigt: Digitale Terminplattformen werden zu einem festen Bestandteil der Versorgungsrealität. Deshalb ist es umso relevanter, was dort passiert – und dass es zukünftig gerechtere Regeln für diese Plattformen gibt.
Denn so wie es aktuell läuft, kann es nicht bleiben. Derzeit profitieren vor allem Arztpraxen, die Privatversicherten frühere Termine anbieten. Gesetzlich Versicherte müssen häufig länger warten, und nur weil es glücklicherweise einige Ärztinnen und Ärzte gibt, die auf eine Gleichbehandlung der Versicherten achten, bleibt das System einigermaßen im Gleichgewicht. Durch meine Forschungsarbeit möchte ich auf diese aktuellen Probleme aufmerksam machen.
Worauf kommt es an, damit der Zugang zur Versorgung auch langfristig für alle Menschen fair ist?
Meiner Meinung nach braucht es einerseits klare Spielregeln für die Plattformen, um unfaires und diskriminierendes Verhalten einzudämmen. Auf der anderen Seite sollte es bessere Anreize und Steuerungsmechanismen geben, die Termine ausschließlich nach medizinischer Notwendigkeit zu vergeben. Hier hoffe ich auf innovative Ideen und dass Entscheidungsträger aus der Politik aktiv werden. Übrigens können auch Krankenkassen einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie ihre Versicherten bei der Terminsuche unterstützen.
Forderungen der TK für eine gute Terminvermittlung
Aus Sicht der TK braucht es für ein gutes Primärversorgungssystem eine zentrale Terminplattform, auf der Ärztinnen und Ärzte feste Terminkontingente für gesetzlich Versicherte bereitstellen und die Termine nach medizinischer Dringlichkeit vergeben werden. Dafür braucht es faire Regeln und einheitliche Standards. Ansätze dafür hat die TK auf ihrer Webseite ausformuliert.