Anne Kraemer

Primärversorgung: Wie eine Ersteinschätzung den Weg durch das Gesundheitssystem erleichtert

Das Gesundheitssystem langfristig stabilisieren: Das ist ein Ziel der Bundesregierung mit der aktuell geplanten Primärversorgung. Wie das gelingen kann, wurde jetzt beim Forum Versorgung der TK diskutiert.

Wenn bei 38 Grad mehr als 120 Player aus dem Gesundheitswesen drei Stunden lang miteinander diskutieren, kann es nur um ein wichtiges Thema gehen. Beim Forum Versorgung der TK in Berlin stand in diesem Jahr die Frage im Fokus, wie ein Primärversorgungssystem die Patientinnen und Patienten künftig besser durch das Gesundheitssystem führen kann – neben der GKV-Finanzierung eines der wichtigsten Themen der aktuellen Gesundheitspolitik.

TK-Chef Dr. Jens Baas beim Forum Versorgung

„Die Reform zu einem Primärversorgungssystem ist keine Erste Hilfe, sondern eine Therapie für den Patienten ‚Gesundheitswesen‘“, sagte Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der TK. Das Therapieziel: Das System langfristig stabilisieren. „Die Diagnose ist klar: Es fehlt nicht an guten Ärztinnen und Ärzten, nicht an einer stabilen Arzneimittelversorgung und auch nicht an Geld. Das Gesundheitssystem krankt an schlechten Prozessen. Patientenpfade folgen häufig dem Zufall statt klaren medizinischen Empfehlungen.“

Für mehr Orientierung im Gesundheitssystem

„Wir leben in einer Zeit, in der viel Wissen immer besser verfügbar ist und gleichzeitig die Gesundheitskompetenz abnimmt“, bemerkte Dr. Klaus Reinhardt, der Präsident der Bundesärztekammer ist und selbst als Hausarzt tätig ist. Viele Menschen seien zunehmend verunsichert und auf sich allein gestellt, um sich in dem komplexen Gesundheitssystem zurechtzufinden. In einem unübersichtlichen System brauche es daher ein Angebot, das verlässliche Orientierung bei Gesundheitsfragen bietet.

Die Erwartungen auf dem Forum richten sich auf eine medizinische Ersteinschätzung – also ein System, das Symptome systematisch abfragt und empfiehlt, was der nächste Behandlungsschritt sein soll: ein Termin beim Hausarzt oder einer Fachärztin, eine Videosprechstunde, erstmal Bettruhe oder doch der Rettungswagen.

Ersteinschätzung als Dreh- und Angelpunkt

Ein Blick ins Ausland zeigt, dass eine Ersteinschätzung als Ergänzung zu einem verbindlichen Primärversorgungssystem funktionieren kann: Professor Jonas Schreyögg vom Hamburg Center for Health Economics (HCHE) berichtete, dass die medizinische Ersteinschätzung und Beratung in Frankreich in bestimmten Regionen in rund 40 Prozent der Fälle „abschließend“ ist – ein weiterer Arzttermin ist da also gar nicht nötig.

Damit ein solches Instrument in Deutschland gut angenommen wird, kommt es auf eine gute Gestaltung an. Aus Sicht von Thomas Ballast, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der TK und Schirmherr des Forum Versorgung, muss sich die Ersteinschätzung wie ein Dialog anfühlen: „Das Ziel muss sein, dass die Ersteinschätzung die erste Anlaufstelle bei gesundheitlichen Problemen ist – weil sie gute, verlässliche Einschätzungen zum Gesundheitszustand gibt. Die Ersteinschätzung muss also besser sein als das, was viele Menschen mit Gesundheitsproblemen heute mit ChatGPT oder Google zu lösen versuchen.“

Das morgen heute testen

Wie die Primärversorgung von morgen funktionieren kann, wurde in der interaktiven Session erlebbar: Jeder Gast konnte mit einer Demo-Version eines Ersteinschätzungssystems verschiedene fiktive Szenarien durchspielen und so erleben, was das Tool etwa bei einer Rückenverletzung am Samstagabend empfiehlt. Nach der Abfrage der Symptome folgt die Behandlungsempfehlung. In einem beispielhaften Fall einer leichten Rückenverletzung wird etwa ein Termin bei der Hausarztpraxis empfohlen.

Wandel erklären, Zugang erleichtern

Im Laufe der Diskussionen wurde deutlich: Die Bundesregierung hat sich viel vorgenommen. Und eine so weitreichende Reform wird spürbare Veränderungen mit sich bringen. „Wandel ist für viele Menschen erstmal erschreckend. Deshalb ist es so wichtig, die Menschen dabei mitzunehmen und zu vermitteln, dass es darum geht, ihnen einen besseren und niedrigschwelligen Zugang zu der für sie passenden Versorgung anzubieten“, sagt Tino Sorge, MdB und Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit (BMG).

Thomas Ballast, stellvertretender Vorsitzender des Vorstands der TK, Christine Neumann-Grutzeck, Präsidentin des Berufsverbands Deutscher Internistinnen und Internisten e.V. und Barbara Geiger, Leiterin Abteilung 2 "Gesundheitsversorgung, Krankenversicherung" Bundesministerium für Gesundheit, im Gespräch mit Moderatorin Kaja Klapsa

Hoffnung und Motivation für Veränderung

Ob es noch vor der parlamentarischen Sommerpause oder im Herbst einen ersten Gesetzentwurf für die Reform gibt, ließen die Gäste aus dem Bundesgesundheitsministerium offen. Barbara Geiger, Abteilungsleiterin im BMG, zeigte sich dennoch optimistisch. In vielen Gesprächen über die Reform nimmt sie bei Akteuren aller Seiten vor allem Hoffnung und Motivation wahr: „Diesen Schwung wollen wir mitnehmen“.

Reform anfangen und gemeinsam tragen

„Die Reform zur Primärversorgung ist ein dickes Brett, das gebohrt werden muss – hoffentlich mit einem starken politischen Willen und der Durchsetzungskraft, das Gesundheitswesen zum Besseren zu verändern“, resümiert Thomas Ballast. Sein Appell an die Politik: Den Reformprozess jetzt zügig beginnen. Und die beteiligten Akteure im Gesundheitssystem sind gefordert, den Veränderungsprozess gemeinsam zu tragen und die Menschen auf diesem Weg gut mitzunehmen. Wenn das gelingt, sind die Ziele einer besseren, verlässlichen Versorgung erreichbar und der Patient „Gesundheitswesen“ hat eine realistische Chance auf eine erfolgreiche Therapie.

Zukunft der ambu­lanten Versor­gung

Viele Behandlungspfade folgen nicht konsequent dem Motto „zur richtigen Zeit zum richtigen Arzt“, sondern historischen Mustern, Desorganisation, Vergütungsanreizen oder dem Zufallsprinzip. Aus Sicht der TK sind klare Wege in und durch das Gesundheitssystem nötig. Dafür braucht es eine Ersteinschätzung des medizinischen Anliegens, eine zentrale Terminplattform und bessere Koordination sowie eine Reform des ärztlichen Vergütungssystems. Hier mehr zum Thema Primärversorgung.



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