Seit mehr als zehn Jahren gibt es die TK-DocTour in Baden-Württemberg. Medizinstudierende sollen so schon während des Studiums wertvolle Einblicke in den Arbeitsalltag der medizinischen Versorgung erhalten. Vor zehn Jahren war Jürgen Ehret noch als Teilnehmer mit dabei, heute hat er eine eigene Hausarztpraxis in Hechingen. Im Interview verrät er, was er bei der Tour gelernt hat und welche Tipps er den angehenden Ärztinnen und Ärzten mitgeben möchte.
Jürgen Ehret bei der TK-HausarztTour 2016
Welche Erinnerungen haben Sie an die TK‑HausarztTour 2016?
Die TK‑HausarztTour 2016 ist mir in ausgesprochen positiver Erinnerung geblieben. Sie bot einen seltenen, unmittelbaren Einblick in die große Bandbreite hausärztlicher Versorgung: Jede Praxis präsentierte sich als eigenes System mit individuellen Schwerpunkten, unterschiedlichen organisatorischen Konzepten und klar formulierten gesundheitspolitischen Anliegen. Diese Vielfalt macht die Allgemeinmedizin aus.
Insgesamt war die Tour fachlich bereichernd, menschlich vielfältig und überraschend – ein Format, das eindrucksvoll zeigt, wie lebendig und facettenreich die hausärztliche Versorgung in Baden‑Württemberg ist.
Welche Impulse haben Sie von der Tour für Ihren weiteren Berufsweg mitgenommen?
Zentral war für mich der Rat eines Kollegen aus dem Freiburger Raum, bereits im Vorfeld klar zu definieren, über welche fachlichen Kompetenzen man verfügt, welche Leistungen man anbieten möchte und welche Versorgungslücken in der lokalen Struktur bestehen. Wer diese Punkte früh erkennt und sich gezielt fortbildet, kann seine Praxis nicht nur medizinisch sinnvoll, sondern auch regional relevant ausrichten.
Ebenso wichtig war die Erkenntnis, dass effiziente Strukturen entscheidend sind. Die Tour hat gezeigt, dass eine moderne Praxis nicht durch möglichst viele Kommunikationswege überzeugt, sondern durch wenige, klar definierte und verlässliche Kanäle. Übertragen auf die heutige Zeit bedeutet das: kein Fax, stattdessen KIM für die sichere medizinische Kommunikation, eine Messenger‑App für interne Abläufe und ein reduziertes Telefonaufkommen – idealerweise über ein Smart‑Call‑System, das das Team entlastet und die Erreichbarkeit strukturiert.
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Welchen Rat können Sie jungen Studierenden mit auf den Weg geben, die sich für eine Niederlassung als Hausärztin oder Hausarzt interessieren?
Ich rate ihnen, sich frühzeitig und bewusst mit den eigenen Zielen auseinanderzusetzen und die Ausbildung entsprechend auszurichten. Entscheidend ist, sich klarzumachen, wohin man möchte, welche Arbeitsweise zu einem passt und welche Versorgungsbedarfe die jeweilige Region hat.
Ebenso zentral ist die Entscheidung zwischen Praxisübernahme und Neugründung. Eine Übernahme bietet etablierte Strukturen und einen vorhandenen Patientenstamm – das erleichtert den Einstieg, erfordert aber Geduld und Fingerspitzengefühl, um Veränderungen behutsam einzuführen. Eine Neugründung hingegen eröffnet maximale Freiheit: Eigene Konzepte, moderne Abläufe und digitale Lösungen lassen sich von Beginn an vollständig integrieren.
Mein Rat lautet daher: nichts überstürzen, gut planen und sich etwas zutrauen. Die hausärztliche Niederlassung bietet enorme Gestaltungsmöglichkeiten.
Zur Person
Dr. Jürgen Ehret führt als Haus- und Betriebsarzt eine eigene Praxis in Hechingen im Süden von Baden-Württemberg. 2016 hat er selbst noch als Medizinstudent an der damaligen TK-HausarztTour teilgenommen.
Dr. Jürgen Ehret in seiner Hausarztpraxis in Hechingen
Wie wird sich die hausärztliche Tätigkeit in den kommenden Jahren weiterentwickeln?
Die Allgemeinmedizin bleibt ein breites, patientennahes Fach, doch die Rahmenbedingungen verändern sich spürbar. Die Versorgung wird zunehmend leitlinienorientiert und datenbasiert, wodurch diagnostische und therapeutische Prozesse stärker standardisiert werden. Gleichzeitig werden im Gesundheitswesen die Ressourcen knapper. Umso wichtiger bleibt es, die ärztliche Handschrift zu bewahren – Beziehung, Kontextwissen und persönliche Einschätzung sind weiterhin unverzichtbar.
Welchen Stellenwert haben für Sie Digitalisierung und Delegation?
Die digitale Kommunikation wird zum festen Bestandteil des Praxisalltags. KI‑gestützte Dokumentation, digitale Entscheidungsunterstützung und automatisierte Routineprozesse gewinnen an Bedeutung und entlasten die Teams spürbar.
Auch die Teamstrukturen verändern sich. Die Praxis entwickelt sich zu einem multiprofessionellen Team, das Aufgaben sinnvoll verteilt und damit die ärztliche Arbeitszeit schützt. Darüber hinaus entstehen flexiblere Praxisformen und neue Niederlassungsmodelle. Neben klassischen Einzelpraxen gewinnen Gemeinschaftspraxen, regionale Versorgungszentren, geteilte Standorte und hybride Arbeitsformen an Bedeutung.
TK-DocTour 2026 – Roadtrip zur Zukunftspraxis
Seit mehr als zehn Jahren ermöglicht die TK, Medizinstudierenden vielfältige Einblicke in den Arbeitsalltag niedergelassener Ärztinnen und Ärzte zu gewinnen. In diesem Jahr findet die TK-DocTour vom 30. September bis 2. Oktober statt. Neben Medizinstudierenden werden erneut Studierende im Fach Physician Assistance (PA) teilnehmen. Weitere Informationen und Anmeldung.