Eva Tebbe

Mangelernährung: ein oft übersehenes Gesundheitsrisiko 

Studien zufolge gibt es jedes Jahr 55.000 Todesfälle durch Mangelernährung in Deutschland. Diana Rubin, Chefärztin im Zentrum für Ernährungsmedizin des Vivantes Humboldt-Klinikums und des Vivantes Klinikums in Berlin-Spandau, erklärt, warum das so ist und was dagegen unternommen werden sollte.

Frau Prof. Rubin, während Ernährungsthemen häufig vor allem im Kontext von Übergewicht diskutiert werden, beschäftigen Sie sich in Ihrer Klinik vor allem mit Mangelernährung. Warum ist das Thema gerade für Krankenhäuser so wichtig?

Adipositas spielt vor allem im ambulanten Bereich weiterhin eine große Rolle. In der Klinik beschäftigen wir uns hingegen inhaltlich vor allem mit krankheitsbedingter Mangelernährung.  Die akuten oder chronischen Krankheiten, mit denen die Patientinnen und Patienten ins Krankenhaus kommen, können dazu führen, dass sich eine Mangelernährung entwickelt. Das kann auch adipöse und übergewichtige Personen betreffen. Gerade hier wird das Risiko oft übersehen, weil die Beurteilung des Ernährungszustands in vielen Krankenhäusern noch stark auf Körpergewicht und Body-Maß-Index (BMI) basiert. Diese Werte lassen jedoch nicht erkennen, ob bei einer Person eine Mangelernährung vorliegt.  

Diana Rubin, Chefärztin im Zentrum für Ernährungsmedizin des Vivantes Humboldt-Klinikums und des Vivantes Klinikums in Berlin-Spandau Foto: Mo Wüstenhagen/Vivantes

Mangelernährung wird oft mit älteren Menschen oder Demenzkranken in Verbindung gebracht. Stimmt diese Wahrnehmung?

Nein, von Mangelernährung können alle Altersgruppen betroffen sein. Das hängt eher davon ab, mit welcher Erkrankung man belastet ist. Die Schwere dieser Krankheit hat einen höheren Einfluss als das Alter. Grundsätzlich haben ältere Personen aber natürlich ein höheres Risiko, weil sie im Allgemeinen weniger Reserven haben. Insbesondere die geriatrischen Patienten, die häufig im Vorfeld über einen längeren Zeitraum entweder qualitativ oder quantitativ nicht ausreichend gegessen haben, haben ein noch höheres Risiko.  Sie sind aber bei weitem nicht die einzigen. Auch ein junger Patient oder eine junge Patientin mit einer schweren Erkrankung kann ein hohes Risiko für Mangelernährung haben. Oft haben sie einen langen Genesungsweg vor sich, der den Körper schwächt und dazu führt, dass sie zu wenig Nahrung aufnehmen. Dass Mangelernährung entsteht, hat also nichts mit dem Alter zu tun.

Quantitative und qualitative Mangelernährung

Bei einer quantitativen Mangelernährung werden grundsätzlich zu wenig Kalorien aufgenommen. Die qualitative Mangelernährung beschreibt im Gegensatz dazu einen Zustand, in dem Patientinnen und Patienten zwar genug Energie aufnehmen, jedoch zu wenig von bestimmten Makronährstoffen, etwa Eiweiß, oder zu wenig Mikronährstoffe (etwa Vitamine oder Mineralstoffe) in der Nahrung vorhanden sind. Die Folgen von Mangelernährung: längere Krankenhausaufenthalte, Schwächung von Köper und Immunsystem, erschwerte Wundheilung und somit eine grundsätzlich schlechtere Genesung.   

20 bis 30 Prozent aller Patientinnen und Patienten sind vor der Krankenhausaufnahme bereits mangelernährt. Warum ist das so?

Das hat oft mit den Krankheiten zu tun, die die Patientinnen und Patienten mitbringen. Aber natürlich auch damit, dass die Arztpraxen zu wenig darauf achten. Sie erfassen das Gewicht häufig nicht und führen ein Screening nicht durch, obwohl wir gute Screeningtools für den ambulanten Bereich haben. Eigentlich müsste dort viel mehr evaluiert werden, damit dieser hohe Gewichtsverlust gar nicht erst entsteht. Das halte ich zusätzlich zu dem, was wir im Krankenhaus machen für sehr wichtig. Es ist sicherlich ein systemisches Problem, dass viele zu wenig über das Thema Mangelernährung und die zum Teil tödlichen Folgen wissen. Das ist vor allem eine Herausforderung für uns bei der Deutschen Gesellschaft Ernährungsmedizin (DGEM). Wir arbeiten ständig daran, dieses Thema bekannter zu machen.   

Ernährung ist Medizin. Diese unglaubliche Kraft und das Potenzial sollten dringend wiederentdeckt werden.

Prof. Diana Rubin

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) spricht von rund 55.000 vermeidbaren Todesfällen aufgrund von Mangelernährung pro Jahr.  Was muss passieren, um diese Zahl zu verringern?

Aus unserer Sicht müsste es im Krankenhaus ein politisch verpflichtendes Screening auf Mangelernährung geben. Das ist jedoch extrem schwer zu implementieren. Da sind wir aber dran. Inhaltlich brauchen wir Fachleute, also Ernährungsfachkräfte und Ernährungsmedizinerinnen und Ernährungsmediziner im Krankenhaus, die sich um das Thema kümmern. In anderen Bereichen, wie beispielsweise Hygiene oder Infektiologie, gibt es bereits Teams, die sich explizit um diese Themen kümmern. Dort ist es eben verpflichtend geworden. Natürlich sind auch Weiterbildungen des Personals auf den Stationen, insbesondere Pflegepersonal und Ärzt:innen, wichtig, damit die Kolleginnen und Kollegen wissen, wie wichtig das Thema Mangelernährung ist. Durch Schulungen und Weiterbildungen wollen wir die Awareness schaffen und erkennen, wo die Hürde bei der Ausführung liegt, um im Anschluss etwas daran zu ändern.   

Wie können Patientinnen, Patienten und Angehörige bereits vor dem Klinikaufenthalt erkennen, dass ein Risiko für Mangelernährung besteht?

Patientinnen und Patienten können sich grundsätzlich diese einfachen Fragen nach möglichen Warnsignalen stellen:  

  • Besteht seit Längerem ein verminderter Appetit?   
  • War die Nahrungsaufnahme über mehrere Tage verringert?   
  • Lässt sich ein ungewollter Gewichtsverlust feststellen?  

Wenn eine dieser Fragen mit „Ja“ beantwortet wird, dann sollte man aufpassen. In solchen Fällen sollte man sich an die behandelnden Ärztinnen und Ärzte wenden. Diese können bei Bedarf auch die Notwendigkeit einer Ernährungsberatung bescheinigen. 

Zur Person

Prof. Dr. med. Diana Rubin ist Chefärztin im Zentrum für Ernährungsmedizin des Vivantes Humboldt-Klinikums und des Vivantes Klinikums in Berlin-Spandau. Seit 2017 ist sie Vorsitzende im „Ausschuss Ernährung“ der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und seit 2018 Mitglied des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM).  



Lesen Sie hier weiter

Pflege Portrait Martin Marsmann Martin Marsmann
ältere Dame mit Gehstock sitzt auf Sofa Anja Hollnack Anja Hollnack
Kerstin Grießmeier Kerstin Grießmeier

Kommentieren Sie diesen Artikel

Lädt. Bitte warten...

Der Kommentar konnte nicht gespeichert werden. Bitte überprüfen Sie Ihre Eingaben.