Psychische Belastungen betreffen einige Kinder und Jugendliche in Deutschland. Das ist auch besonders für die Familien herausfordernd. Deshalb sind niedrigschwellige Angebote, die sich leicht in den familiären Alltag einbinden lassen, so wertvoll. Sie unterstützen Jugendliche und Eltern gezielt und können dazu beitragen, psychische Belastungen aufzufangen. CareNow setzt genau hier an. Luca Daumenlang, Psychologe und einer der Mitentwickler, erklärt im Interview was hinter dem Soforthilfeprogramm steckt.
Luca Daumenlang, Psychologe und einer der Mitentwickler von CareNow
Was bewegt Kinder und Jugendliche heutzutage?
Die Zeit zwischen 13 und 17 Jahren ist eine veränderungsreiche Phase. In dieser Zeit entwickeln Jugendliche ihre Identität, der Körper verändert sich, soziale Beziehungen zu Gleichaltrigen nehmen eine größere Rolle ein, der Wunsch nach mehr Selbstständigkeit gegenüber den Eltern wächst. Soziale Medien werden immer interessanter und wichtiger. Außerdem rückt die persönliche Zukunft stärker in den Fokus, weil die Jugendlichen über berufliche Perspektiven nachdenken.
Diese Entwicklungsaufgaben können verschiedene Herausforderungen mit sich bringen. Bei den Jugendlichen, die zu uns kommen, stehen häufig Konflikte oder Mobbing im Zentrum – sowohl offline als auch im Internet. Auch Veränderungen in ihren Lebenssituationen, wie Verluste von Bezugspersonen, Trennungen oder ein hoher Leistungsdruck und Schulstress sowie Zukunftsängste sind bei ihnen oft Thema. Deshalb haben wir mit CareNow ein Angebot geschaffen, das die Jugendlichen in dieser Phase möglichst niedrigschwellig und altersgerecht unterstützt.
Wie möchten Sie bei CareNow Kindern und Jugendlichen mit psychischen Problemen helfen?
CareNow ist ein transdiagnostisches Soforthilfeprogramm für junge Menschen von 13 bis 17 Jahren. Transdiagnostisch heißt, dass wir Jugendliche mit unterschiedlichen psychischen Problemen, wie depressiven Verstimmungen oder Ängsten, betreuen. Das Programm richtet sich an alle Jugendlichen, die psychisch belastet sind, ob mit oder ohne ärztliche Diagnose. Unser Ziel ist es, sie in akuten Belastungssituationen zu unterstützen – einerseits um zu verhindern, dass ein Problem zu einer psychischen Krankheit wird, andererseits um den Jugendlichen mit schneller Hilfe zur Seite zu stehen. Daran arbeiten wir mit aktuell 90 Psychologinnen und Psychologen.
Wie läuft die psychische Betreuung der Jugendlichen ab?
Das Konzept von CareNow besteht aus zwei Komponenten. Zum einen können die Jugendlichen bis zu sechs Mal persönlich mit einer qualifizierten Psychologin oder einem Psychologen per Telefon oder per Video sprechen. Ergänzend dazu nutzen die Jugendlichen eine App mit zielgruppengerecht aufbereiteten, wissenschaftlich fundierten Modulen. Diese bestehen aus vielfältigen, motivierenden Aufgaben, die ganz unterschiedlich bearbeitet werden können – mit Texterstellung, Audios, Videos oder therapeutischen Spielen. Die Aufgaben stärken die Selbstreflexion der jungen Menschen, fördern einen bewussten Umgang mit Belastungen und unterstützen sie dabei, aktiv etwas für ihre mentale Gesundheit zu tun. An den Modulen können sie selbstständig zu Hause zeit- und ortsunabhängig arbeiten.
Die Themen der Aufgaben sind außerdem immer individuell auf die jeweilige Person und ihre Situation zugeschnitten. Wenn es in einem Gespräch zum Beispiel um das Thema Freundschaft oder Streit geht, kann der betreuende Psychologe oder die Psychologin den Jugendlichen passende Aufgaben in die App einfügen und wiederum beim nächsten Gespräch auf das Gelernte eingehen. Aus den Rückmeldungen wissen wir, dass viele Jugendliche diese individuelle und flexible Betreuung schätzen.
Bei CareNow können Jugendliche selbst entscheiden, ob ihre Eltern in die Begleitung einbezogen werden. Warum kann das sinnvoll sein?
Jugendliche wünschen sich mehr Selbstständigkeit – das ist ein wichtiger Teil ihrer Entwicklung. Gleichzeitig bleiben Eltern oder Sorgeberechtigte oft wichtige Bezugspersonen, die Halt und Orientierung geben können. Gerade wenn Jugendliche psychisch belastet sind, sind viele Eltern jedoch unsicher und fragen sich, wie sie ihr Kind bestmöglich unterstützen können. Genau hier kann es sinnvoll sein, Sorgeberechtigte in einzelne Gespräche einzubeziehen.
Ob und in welchem Umfang Eltern einbezogen werden, entscheiden die Jugendlichen selbst. Die Gespräche können gemeinsam mit ihnen oder auch ausschließlich mit den Eltern stattfinden. Im Mittelpunkt steht dabei, den Sorgeberechtigten Wissen über die psychische Belastung ihres Kindes zu vermitteln und ihnen Anregungen für einen hilfreichen Umgang im Alltag zu geben. Dadurch können sie gezielter unterstützen und die Herausforderungen dieser Lebensphase besser verstehen. Häufig entstehen so mehr Verständnis und ein offenerer Austausch innerhalb der Familie. Viele Jugendliche erleben ihre Eltern dadurch als verlässliche Begleiter – auch bei so persönlichen Themen. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass alle Beteiligten diesem Vorgehen offen gegenüberstehen.
Welche Funktion können hybride Angebote wie CareNow in Zukunft für die Behandlung psychischer Probleme einnehmen?
Wenn Jugendliche zu uns kommen, startet die Unterstützung direkt. Dafür sind Teilnehmende sehr dankbar. In manchen Fällen reicht die Unterstützung durch CareNow sogar schon aus, sodass erstmal keine klassische therapeutische Hilfe nötig ist und einer Erkrankung oder Chronifizierung vorgebeugt wird. Wo Bedarf für eine dauerhafte therapeutische Betreuung vor Ort besteht, unterstützen wir bei der Suche nach einem Therapieplatz. Somit sind wir ein wichtiges Verbindungsstück zum Gesundheitswesen.
Deshalb glaube ich, dass hybride und digitale Angebote ein wichtiges, ergänzendes Angebot zu einer guten psychischen Versorgung sind und perspektivisch eine noch größere Rolle spielen werden. Sie können ein wichtiger Bestandteil sein, um zu verhindern, dass sich Verläufe chronifizieren oder die Belastung größer wird.
Weitere Informationen
TK-Versicherte Jugendliche im Alter von 13-17 können das hybride Angebot CareNow für 12 Monate kostenlos nutzen. Eine ärztliche Diagnose mit einer psychischen Erkrankung ist nicht erforderlich. Weitere Informationen zur Teilnahme und Ablauf des Programms finden Sie hier.