Anne Kraemer

Klima- und Gesundheitsschutz: Wenn Arztpraxen zum Aufklärungsort werden

Klimaschutz bedeutet Gesundheitsschutz. Warum das so ist und wie man gleichzeitig Gutes für Klima und Gesundheit tun kann, zeigt der gemeinnützige Verein KlimaDocs e.V.. Im Interview haben wir mit der Mitgründerin Dr. Filfil über das Engagement des Vereins gesprochen.

Gesundheitsfachkräfte können beim Thema Klimaschutz eine wichtige Multiplikatorenfunktion einnehmen. Die Kinderärztin Dr. Susanne Filfil ist eine der Mitgründerinnen der KlimaDocs. Sie berichtet im Interview, warum Arztpraxen ein wichtiger Berührungspunkt für die Menschen sind, um für einen klimafreundlichen und gesundheitsfördernden Lebensstil zu motivieren.

Kinderärztin Dr. Susanne Filfil ist eine der Mitgründerinnen der KlimaDocs.

Warum ist Klimaschutz auch ein Gesundheitsthema?

Je weiter der Klimawandel fortschreitet, desto mehr ist ein gesundes Leben auf unserer Erde in Gefahr: Der Rückgang der Artenvielfalt bedroht unsere Nahrungssicherheit, die Allergiesaison wird länger, die zunehmende Luftverschmutzung schadet der Lunge. Immer stärkere Hitzewellen belasten den Körper und außerdem kommt es zu mehr Herz-Kreislauferkrankungen oder Frühgeburten.

Umgekehrt sind Maßnahmen, die das Klima schonen, auch gut für unsere Gesundheit. Und das, was unsere Gesundheit schützt, schützt oft auch den Planeten, so zum Beispiel eine pflanzenbasierte Ernährung oder aktive Fortbewegung statt Autofahren. Es gibt viele sogenannte “multiple wins”, also Gewinne für Klima und Körper zugleich.

Was hat Sie dazu bewegt, die KlimaDocs zu gründen?

Wir sind ein Netzwerk aus Gesundheitsfachkräften aus verschiedenen Fachrichtungen. Durch öffentliche Klimabewegungen oder persönliche Erlebnisse haben wir erkannt, dass im Gesundheitswesen dringender Handlungsbedarf für mehr Klimaschutz besteht. Laut unserer Berufsordnung sind wir Ärztinnen und Ärzte sogar verpflichtet, die natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen. Und dennoch findet der Zusammenhang zwischen Klima- und Gesundheitsschutz zu wenig Aufmerksamkeit. Das wollen wir ändern, indem wir unser Fachwissen bündeln und unsere Position als vertrauenswürdige Multiplikatorinnen und Multiplikatoren im Gesundheitswesen nutzen.

Die KlimaDocs e. V.

Der KlimaDocs e.V. sind ein von Gesundheitsfachkräften gegründeter gemeinnütziger Verein. Sie entwickeln Informationsmaterial für Arztpraxen, das vermittelt, wie ein klima- und umweltfreundlicher Lebensstil gleichzeitig die Umwelt schützt und Lebensqualität fördert.

Was möchten Sie mit den KlimaDocs erreichen und wie gehen Sie diesen Zielen nach?

Unser Ziel ist, Menschen für gesundheitsbewusstes und dadurch auch klimaschonendes Verhalten zu motivieren. Deshalb produzieren wir zusammen mit medizinischen Fachgesellschaften leicht verständliches Informationsmaterial mit konkreten Tipps. Von Hitzeschutz für Kinder über nachhaltige Ernährung bis hin zu Lungengesundheit greifen wir verschiedenste Themen auf. Die Broschüren, Flyer oder unseren Wartezimmer-Film stellen wir Arztpraxen kostenlos zur Verfügung. Diese bringen das Material in ihre Warte- oder Sprechzimmer oder nutzen es, um mit ihren Patientinnen und Patienten dazu ins Gespräch zu kommen. Dabei ist uns besonders wichtig, dass die Menschen niedrigschwellig mit dem Thema in Berührung kommen: informativ, empathisch und ohne erhobenen Zeigefinger. In meiner Praxis binde ich klimasensible Gesundheitsthemen zum Beispiel gerne bei Vorsorgeuntersuchungen ein.

Arztpraxen sind ein zentraler Berührungspunkt, um Menschen zu erreichen. Ärztinnen und Ärzte genießen oft hohes Vertrauen. Das ist ein guter Ausgangspunkt, um Botschaften von Klima- und Gesundheitsschutz zu verbreiten.

Welche Rolle spielen Ärztinnen und Ärzte beim Thema Klimaschutz?

Die Menschen in Deutschland gehen rund zehn Mal pro Jahr zu einem Arzt oder einer Ärztin und verbringen dort oft Zeit im Wartezimmer. Die Arztpraxen sind damit ein zentraler Berührungspunkt. Und wir, die in Gesundheitsberufen arbeiten, genießen oft hohes Vertrauen. Das ist ein guter Ausgangspunkt, um die Botschaft von Klima- und Gesundheitsschutz zu verbreiten.

Die Herausforderung ist jedoch, dass Praxen im Alltag oft stark ausgelastet sind und unter Zeitdruck stehen. Deshalb liefern wir ihnen griffige, sofort einsetzbare Informationen, die sie ohne zusätzlichen Aufwand an ihre Patientinnen und Patienten weitergeben können. Mittlerweile umfasst unser internationales Netzwerk 1.500 Gesundheitsfachkräfte, die ihre Praxen zu Aufklärungsorten gemacht haben.

Was macht das mit den Patientinnen und Patienten?

Viele Menschen fühlen sich in Anbetracht des Klimawandels machtlos. Wenn wir KlimaDocs ihnen Zusammenhänge erklären und konkrete Tipps mitgeben, reduziert das ihr Ohnmachtsgefühl ein wenig. Die Reaktionen sind daher sehr positiv, viele Patientinnen und Patienten fühlen sich weniger allein gelassen und sind froh, dass sich ihre Arztpraxis damit auseinandersetzt. Ein Beispiel: Wenn ich als Ärztin einer Familie sage, dass weniger Fleisch zu essen kein gesundheitliches Problem ist und sie dadurch aber gleichzeitig das Klima schonen, gibt ihnen das ein Stück Sicherheit.

Was muss sich aus Ihrer Sicht im Gesundheitswesen verändern, damit Klimaschutz eine größere Rolle spielt?

Ein Bewusstseinswandel ist die Grundvoraussetzung. Wir müssen verinnerlichen, dass Klima- und Gesundheitsschutz zusammengehören. Außerdem sollte die Kommunikation weg von Verboten und hin zu positiven Botschaften gehen. Wir setzen bei den KlimaDocs darauf, den Nutzen von klimabewusstem Verhalten hervorzuheben – mehr Gesundheit, mehr Lebensqualität. Grundsätzlich muss Gesundheit bei allen politischen Entscheidungen berücksichtigt werden, also das Prinzip “Health in all policies”. Dann kann Klimaschutz selbstverständlicher Teil der Gesundheitsversorgung werden.

Weitere Details

Die TK unterstützt die Arbeit des KlimaDocs e. V. und stellt ausgewählte Aufklärungsangebote auch TK-Versicherten zur Verfügung. Im Rahmen der Kooperation sollen weitere klimarelevante Gesundheitsinformationen entwickelt werden. Das erste Ergebnis ist die Broschüre Gesunde Ernährung und Klimaschutz gehen Hand in Hand, die in Zusammenarbeit der KlimaDocs e. V., der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) und der TK enstanden ist. Weitere Infromationen auf tk.de/nachhaltigkeit.



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