Dr. Jens Baas

Die Notfallreform als Wegweiser?

Notaufnahmen an der Belastungsgrenze, Orientierungsschwierigkeiten in gesundheitlichen Notfällen und ein uneinheitlicher Rettungsdienst: Das Gesundheitswesen ist sich einig. Es braucht eine Notfallreform. Ein seltener Moment der Einigkeit, der jedoch nur zu einer Verbesserung führt, wenn die Politik jetzt konsequent bleibt und keine Kompromisse macht, schreibt TK-Chef Dr. Jens Baas.

Ein Lichtblick im chaotischen System

Im Gesundheitssystem mangelt es derzeit nicht an Streitfragen und Unsicherheiten über Veränderungen: Wie kann die Finanzierung gesichert werden? Wer bezahlt was? Wie sollte eine Primärversorgung organisiert werden? Diese Debatten werden laut, teilweise auch emotional geführt, so dass für wirklich positive Nachrichten manchmal zu wenig Raum bleibt. Eine davon: Die lang ersehnte Notfallreform befindet sich endlich auf der Zielgeraden.
Dass die Notfallversorgung nicht weiterlaufen kann wie bisher, ist allen Beteiligten schon lange bewusst. Drei Bundesregierungen haben Lösungsansätze diskutiert und trotzdem nicht zu Ende gebracht. Dass die Notfallreform nun mit der zweiten und dritten Lesung kurz vor dem Ziel ist, ist also ein großer Schritt in Richtung sinnvoller, struktureller Veränderungen, von denen wir im Gesundheitswesen deutlich mehr bräuchten.

Ein Großteil der Patient:innen (34 Prozent) sucht bei plötzlichen Gesundheitsproblemen die Notaufnahme auf. 20 Prozent rufen einen Krankenwagen. Nur 10 Prozent geht in eine ärztliche Bereitschaftspraxis. 

Warum die Reform dringend notwendig ist

Unsere heutige Notfallversorgung ist ein historisch gewachsenes Konstrukt. Die drei verschiedenen Sektoren – ambulante, stationäre Versorgung und der Rettungsdienst – arbeiten leider oft nebeneinanderher anstatt sinnvoll vernetzt miteinander. Für Hilfesuchende ist oft nur schwer ersichtlich, wer in welchem gesundheitlichen Notfall der richtige Ansprechpartner ist. Im Ergebnis werden meist die Notaufnahmen zur pauschalen Anlaufstelle für jegliche akute medizinische Beschwerden – ob Notfall oder nicht. Das blockiert Ressourcen für echte Notfälle, belastet das Personal und lässt Patientinnen und Patienten im Zweifel allein. Schon lange ist klar, dass wir ein Koordinierungssystem brauchen, das Menschen zur passenden Versorgung lotst und im Notfall Orientierung und Sicherheit gibt.

Endlich Klarheit anstatt Rate-Spiel

Die Reform kann hier endlich die benötigte Klarheit schaffen. Das Kernstück ist die Ersteinschätzung. Diese gibt Patientinnen und Patienten eine schnelle und unkomplizierte Einordnung zu ihren medizinischen Beschwerden und bringt sie in die passende Versorgung. Je nach Fall kann das Anliegen sogar telemedizinisch abgeklärt werden. Eingesetzt werden soll sie einerseits am Telefon der neu verknüpften Nummern der Rettungsleitstellen (112) und Akutleitstellen (116 117). Damit entfällt endlich das „Rate-Spiel“, ob man erstmal abwarten, den Bereitschaftsdienst anrufen oder die Notaufnahme aufsuchen sollte.

Die Ersteinschätzung erhalten Hilfesuchende künftig auch an festen Anlaufstellen – den neu geschaffenen integrierten Notfallzentren (INZ). Die Idee dahinter ist einfach: Notaufnahme, Notdienstpraxis und Ersteinschätzungsstelle werden zentral an einem Ort gebündelt. Die Patientinnen und Patienten erhalten auch dort die Ersteinschätzung und werden je nach Bedarf zur Notaufnahme oder Notdienstpraxis geschickt. So bleiben ihnen unnötige Umwege erspart und die Mitarbeitenden werden insgesamt entlastet.

Der Rettungsdienst als wichtiges Puzzlestück der Reform

Aber: Eine Reform, die den Rettungsdienst ausklammert, reicht nicht. Aktuell erleben wir dort einen organisatorischen Flickenteppich. Über 200 Rettungsleitstellen agieren ohne einheitliche Spielregeln: unterschiedliche Hilfsfristen, Preise, Aufgaben, Verantwortungsgebiete und Organisationsformen. So wie das Rettungswesen aktuell organisiert ist, setzt es die falschen Anreize. Beispielsweise kommt es vor, dass Menschen mit dem Rettungswagen in die Notaufnahme gebracht werden, obwohl sie auch in einer Arztpraxis behandelt werden könnten.

Was wir hier brauchen, ist mehr Einheitlichkeit und Transparenz. Die Regierung hat das erkannt. Sie will klare Regeln und bessere Standards schaffen, indem die Notfallrettung als eigene Leistung im Sozialgesetzbuch für die Krankenkassen festgeschrieben wird. Damit stehen nun endlich die Patientinnen und Patienten im Fokus – und nicht allein deren Beförderung ins Krankenhaus. Jetzt kommt es darauf an, dass diese sinnvolle Reform nicht durch politische Zugeständnisse verwässert wird.

Ein Wegweiser für das gesamte System

Mit der Notfallreform bringt die Politik endlich eine der dringend notwendigen Strukturreformen auf den Weg. Im Best-Case kann sie ein Wegweiser für die weitere Gesundheitspolitik sein. Schließlich treten in der ärztlichen Versorgung ähnliche Probleme auf: historisch gewachsene Strukturen, unklare Behandlungspfade, Wartezeiten für Hilfesuchende und hohe Arbeitslast bei medizinischem Personal. Wenn die Notfallreform nun gelingt, darf sie nicht nur ein Einzelprojekt bleiben. Sie muss das Positivbeispiel für eine intelligente, patientenorientierte Koordinierung werden, die wir im gesamten Gesundheitswesen dringend benötigen.



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Anne Kraemer Anne Kraemer
Notarzt Christiane Haun-Anderle Christiane Haun-Anderle
Telekonsil Dr. Jens Baas Dr. Jens Baas

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